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09.08.2018

13:21

Erneuerbare Energien

Enercon-Chef warnt vor weiterem Jobabbau in der Windbranche

Von: Kathrin Witsch

Während das Geschäft mit dem Wind international boomt, droht der deutsche Markt einzubrechen. Enercon reagiert mit einem harten Kurswechsel.

Enercon: Chef warnt vor weiterem Jobabbau in der Windbranche Reuters

Enercon

Der Auricher Konzern reagiert viel später auf die Auftragsflaute im deutschen Windmarkt, als seine Konkurrenten - obwohl es ihn am schlimmsten trifft.

AurichVor vier Wochen saß Rainer Hüring noch mit seinen Kollegen der Firma Aero Ems beim Sommerfest am Kanal zusammen. Sein Chef machte Pläne für das kommende Jahr, beruhigte die Belegschaft, alles sei gut. Drei Wochen später erfährt der 42-Jährige, dass von den fast 300 Mitarbeitern des Unternehmens nur noch 50 bleiben sollen. Der Betrieb aus Haren in Niedersachsen stellt Rotorblätter für Windräder her und hat nur einen großen Auftraggeber: Enercon.

Was die Mitarbeiter schon länger befürchteten, schlug sich in der vergangenen Woche mit voller Wucht nieder: Der Windradbauer aus dem ostfriesischen Aurich kündigte massive Stellenkürzungen an. Neben den Mitarbeitern der Aero Ems sind noch sechs weitere Betriebe betroffen – mehr als 800 Arbeitsplätze werden deutschlandweit gestrichen.

Und das könnte erst der Anfang gewesen sein. „Wenn sich nichts ändert, wird das auch noch andere Zulieferer treffen“, warnt Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig im Gespräch mit dem Handelsblatt. Was in den nächsten Monaten noch passiert, könne er nicht sagen. „Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche“.

„Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche.“ Photothek/Getty Images

Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig

„Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche.“

Enercon ist nur einer von vielen deutschen Windkonzernen, der massenweise Stellen streicht. Bei Nordex, Senvion und Siemens Gamesa sind im vergangenen Jahr 800 Jobs allein in Deutschland weggefallen. Bundesweit geht der Verband für Windenergie (BWE) mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl für 2017 aus. Der deutsche Windmarkt, einst die Hoffnung der Energiewende, droht zu implodieren.

Auslöser der Krise ist der dramatische Preisverfall für Windstrom. In den letzten drei Jahren hat sich der Preis pro Kilowattstunde mehr als halbiert. Was politisch gewollt war, um die Kosten der Energiewende zu senken, trifft jetzt die eigenen Hersteller: Statt einer festen Vergütung auf 20 Jahre bekommt derjenige mit dem niedrigsten Gebot den Zuschlag.

Auftragsflaute auf dem deutschen Markt

Das Ausschreibungsverfahren erhöht den Preisdruck, während sich Investoren wegen politischer Unwägbarkeiten zurückhalten. „Die schwierige Situation auf dem deutschen Markt ist zwar schon länger absehbar, aber so schnell kann eine Produktion eben nicht umgestellt werden“, erklärt Dirk Briese, Geschäftsführer bei Windresearch.

Denn der Zubau wird rationiert. Nur 2800 Megawatt pro Jahr hat die Bundesregierung für Windkraft an Land zukünftig vorgesehen. Mühlen mit einer fast doppelt so großen Gesamtleistung wurden aber in der jüngeren Vergangenheit jährlich auf Hügel und Kuppen gestellt. In der Folge herrscht bei den Windkonzernen Auftragsflaute auf dem deutschen Markt.

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Die Windkraft-Flaute trifft Marktführer Enercon und das Land Niedersachen. Ministerpräsident Weil drängt auf vereinbarte Sonderausschreibungen.

Das trifft Marktführer Enercon nun besonders hart. Der Auricher Konzern hatte einen Großteil seines Umsatzes stets in der Heimat erwirtschaftet und auch hier produzieren lassen. Jetzt muss sich der Branchenriese eine neue Strategie überlegen. „Wir haben immer viel Wert daraufgelegt, dass ein Hauptanteil der Lieferanten hier produziert. Aber so wie der Hauptteil unserer Wettbewerber müssen auch wir uns jetzt breiter im Lieferantenbereich aufstellen. Allein mit deutschen Herstellern können wir den Preiskampf nicht gewinnen“, sagt der Enercon-Chef.

Also machen die Ostfriesen das, was Nordex, Senvion und Co. schon deutlich früher begonnen haben: Sie konzentrieren sich auf ausländische Märkte. Dafür fährt der niedersächsische Windkonzern seine Produktion in Deutschland drastisch zurück, und will künftig mehr mit lokalen Zulieferern vor Ort zusammenarbeiten.

„Es ist überraschend, dass Enercon jetzt erst diese Maßnahmen verkündet“, sagt Warburg-Research Analyst Arash Roshan Zamir. Die Ostfriesen hätten zwar immer ein hochprofitables Unternehmen gehabt, „mit Margen von denen andere in der Branche nur träumen können“. Aber jetzt müssten sie in Märkte, in denen Vestas, Siemens Gamesa und Co. sich schon längst einen Namen gemacht haben.

Während der deutsche Markt einzubrechen droht, boomt das Geschäft mit dem Wind in anderen Ländern. Vor allem in Brasilien, Marokko und der Türkei erhofft sich der Enercon-Chef gute Chancen. „Das wird schwierig“, erklärt Analyst Zamir. Gerade in den von Kettwig genannten Märkten komme es oftmals auf kostengünstige und einfache Turbinen an. Enercon habe den Großteil seines Umsatzes hingegen stets mit kostspieligen Komplettlösungen erwirtschaftet.

Die größten Windkraftkonzerne

Platz 10

Dank eines Boom-Jahres auf dem heimischen Markt, hat der indische Windturbinenhersteller Suzion es gerade so in die Top 10 geschafft. Das ist allerdings auch der Markt, auf den fast 40 Prozent des Geschäfts von Suzion entfallen. Im laufenden Jahr wird aufgrund von der Umstellung auf offene Ausschreibungen erst einmal mit einem Einbruch des indischen Marktes gerechnet, dann muss auch der Windradbauer zunächst mit einem Auftragseinbruch rechnen.

Marktanteil: 2,6 Prozent.

Platz 9

Deutschlands viertgrößter Windkraftkonzern Senvion hat es auch global wieder unter die ersten zehn geschafft. Ganze drei Plätze brachte ihn ein Rekordjahr auf dem deutschen Markt nach vorne. In der Bundesrepublik wurde noch nie soviel Windkraftleistung installiert wie im vergangenen Jahr: Ganze 6,5 Megawatt. Im nächsten Jahr könnte das aber wieder ganz anders aussehen. Die Hamburger kämpfen mit schwindenden Subventionen, massiven Preiskampf und sinkenden Umsätzen.

Marktanteil: 3,7 Prozent.

Platz 8

Chinas drittgrößter Windkraftkonzern Mingyang will sich vom Maschinenbauer zum Service-Unternehmen wandeln. Zwar soll die Produktion von Turbinen, Gondeln und Rotorblättern weiterhin eine wesentliche Säule des Geschäfts bleiben, aber die Wartung und Instandhaltung von Windrädern verspricht höhere Renditen. Im Gegensatz zu den meisten anderen chinesischen Windkonzernen, konnte Mingyang seinen Marktanteil 2017 sogar vergrößern.

Marktanteil: 4,7 Prozent.

Platz 7

Nach der Übernahme des spanischen Konkurrenten Acciona ist bei Nordex Ernüchterung eingekehrt. Der Umsatz der Hamburger schoss durch die Fusion im Geschäftsjahr 2016 zwar um 40 Prozent in die Höhe – auf 3,4 Milliarden Euro. Aber wegen Projektverzögerungen und verstärktem Preisdruck schockierte der Konzern seine Aktionäre mit einer bescheidenen Prognose für das Jahr 2018. Der deutsche Markt sorgt 2017 zunächst trotzdem dafür, dass der Windradbauer seinen Marktanteil sogar vergrößern kann. Das wirkliche „Krisenjahr“ kommt 2018. Seit April 2017 hat der Spanier José Luis Blanco bei Nordex das Sagen.

Marktanteil: 5,2 Prozent.

Platz 6

Lei Zhang ist das Enfant terrible der Windenergieindustrie. Der Chef des chinesischen Windkonzerns Envision bezeichnet sein Unternehmen gerne als das „Apple der Energiewelt“. Statt wie die Konkurrenz lediglich „dumme“ Windräder herzustellen, will Zhang künftig mit einer offenen Plattform Geld verdienen, die Angebot und Nachfrage im Energiemarkt synchronisiert. Schwankende Solar- und Windenergie will er im großen Stil mit Stromspeichern, Elektroautos oder Industrieanlagen koppeln und auf lange Sicht mit dem smarten Steuern von Energieflüssen Milliarden verdienen. Zumindest ein paar Jahre lang dürfte der Verkauf von Windmühlen aber noch das Kerngeschäft von Envision bleiben. 2017 scheint die Strategie aufzugehen: Envision springt im Ranking von der acht auf die sechs und kann seinen Marktanteil sogar fast verdoppeln.

Marktanteil: 6,0 Prozent.

Platz 5

Extrem verschwiegen, enorm erfolgreich: Enercon erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro. Die Firma mit Sitz im ostfriesischen Aurich ist ein Riese, gibt sich nach außen hin aber gern als Zwerg. Ökopionier und Firmengründer Aloys Wobben ist mit einem geschätzten Vermögen von 7,6 Milliarden Dollar einer der wohlhabendsten Deutschen insgesamt. Das Markenzeichen des deutschen Marktführers sind getriebelose Turbinen. Unverkennbar ist das Gondel-Design in Eiform – konzipiert wurde es vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Das deutsche Unternehmen kann sich auch 2017 auf dem fünften Platz behaupten.

Marktanteil: 6,6 Prozent.

Platz 4

Der US-Elektronikriese General Electric (GE) hat sein Windenergiegeschäft weiter ausgebaut. Trotzdem fallen die Amerikaner vom dritten auf den vierten Platz und büßen mehr als fünf Prozent ihres globalen Marktanteils ein.

Marktanteil: 7,6 Prozent.

Platz 3

Nachdem der größte chinesische Windkonzern Goldwind 2016 einen herben Absturz vom ersten auf den vierten Platz erlebte, kletterte er 2017 schon wieder auf das Treppchen. Goldwind bleibt ein Gigant. Der in Shenzhen und Honkong börsennotierte Konzern ist beinahe der einzige chinesische Anbieter, der auch fernab der Heimat Erfolge vorweisen kann.

Marktanteil: 10,5 Prozent.

Platz 2

Durch die Fusion mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa hält sich Siemens das zweite Jahr in Folge auf Platz 2 im globalen Ranking der größten Windkraftunternehmen. Dabei geholfen haben auch eine Marktführerschaft im Offshore-Bereich und ein gutes US-Geschäft. Im Gespann mit Gamesa verfolgt Siemens-Chef Joe Kaeser jetzt vor allem ein Ziel: die Weltspitze erklimmen. Doch dafür müssen die Münchener zuerst den Branchenprimus vom Thron stoßen. Das wäre ihm 2017 fast gelungen. Nur noch 0,1 Prozent Marktanteil trennen Siemens Gamesa vom Weltmarktführer.

Marktanteil: 16,6 Prozent.

Platz 1

Trotz weltweit angespannter Lage auf dem Windmarkt hält sich der weltgrößte Hersteller mit Sitz in der dänischen Hafenstadt Aarhus auf dem ersten Platz. Die Dänen erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro. Siemens Gamesa kommt dagegen lediglich auf einen Erlös von 8,7 Milliarden Euro und einen operativen Ertrag von mageren 61 Millionen Euro. Vestas musste zwar ebenfalls Einbußen bei der Gewinnspanne in Kauf nehmen, aber glänzt noch immer mit einer Marge von 12,4 Prozent. Weder Siemens, GE noch Goldwind können da auch nur ansatzweise mithalten. In ihrer Heimat genießen die Dänen mit ihren 21.600 Mitarbeitern deshalb beinahe einen Heiligenstatus.

Marktanteil: 16,7 Prozent.

Die Herausforderungen streitet auch Kettwig nicht ab. „Wenn man über die Hälfte seines Umsatzes in Deutschland macht, lässt man natürlich hier und da eine internationale Entwicklung liegen. Jetzt müssen wir uns sputen. Aber wir sind auf einem guten Weg“, glaubt er. „Es ist auf jeden Fall der einzig richtige Weg“, sagt Analyst Roshan Zamir. Gleichzeitig bekenne man sich klar zur Wertschöpfung im Heimatmarkt, aber eben nur insofern, wie es im Rahmen des internationalen Geschäfts möglich sei.

Trotzdem plädiert der Enercon-Chef für eine schnelle Umsetzung der Sonderausschreibungen, die CDU und SPD im Koalitionsvertrag festgehalten hatten. Insgesamt vier Gigawatt sollen Windenergie an Land, Photovoltaik und Offshore bis 2020 zusätzlich ausbauen können. Laut einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion soll dafür noch in diesem Herbst ein Vorschlag vorliegen.

Enercon-Chef appelliert an die Politik

Die verlorenen Arbeitsplätze aber bringt das in Kettwigs Augen nicht wieder. Nun sei es an der Politik, Schlimmeres zu verhindern. „In diesen Zeiten muss die Regierung verstehen, dass ein Desaster droht, wenn jetzt nichts passiert. Die zögerliche Haltung in Berlin hat dramatische Auswirkungen.“ Schließlich säßen noch unzählige Zulieferer in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. „Es geht nicht nur um unsere Region in Niedersachsen“, warnt der 60-Jährige. Mittlerweile hängen über 143.000 Jobs an dem grünen Industriezweig.

Auch Rainer Hüring und seine Kollegen fürchten, dass die 835 Stellen noch nicht alles waren. Am vergangenen Mittwoch haben sich die Betriebsräte mit der IG-Metall zusammengesetzt. Sie warnen Enercon vor einem „Kahlschlag“. Mit jedem Mitarbeiter und jedem Standort verliere das Unternehmen wichtiges Know-how und gefährde damit die eigene Zukunft.

Die Zukunft für die Rotorblattfertigung in Haren jedenfalls scheint besiegelt: Die Verträge der verbleibenden 50 Mitarbeiter laufen nur bis Mitte 2019. „Das ist eine Kiste auf Zeit“, sagt Hüring.

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