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20.08.2019

12:31

Erneuerbare Energien

Ökostrom per Crowdfunding: 4000 Bürger finanzieren Solarpark

Von: Jürgen Flauger, Kathrin Witsch

In Sachsen-Anhalt wird der erste Solarpark gebaut, der ohne Subventionen auskommt und komplett crowdfinanziert ist. Das Modell liegt im Trend.

Eigentlich ist Crowdinvestment für Ökostromprojekte keine neue Idee. Aber das Versprechen, nicht nur sein Geld, sondern auch Strom für die Investition zu bekommen, ist neu. dpa

Solarenergie

Eigentlich ist Crowdinvestment für Ökostromprojekte keine neue Idee. Aber das Versprechen, nicht nur sein Geld, sondern auch Strom für die Investition zu bekommen, ist neu.

Düsseldorf Für den Preis gibt es ansonsten einen guten Toaster oder eine günstige Kaffeemaschine: Gerade einmal 39,90 Euro beträgt das Mindestinvestment, mit dem interessierte Bürger in Hecklingen in Sachsen-Anhalt zum Solarunternehmer werden können.

Gut 4000 Privatpersonen sind schon auf das Angebot eingestiegen – und haben sich an der neuen Anlage beteiligt. Etwa die Hälfte zum Mindestpreis, die anderen haben gleich mehrere Stückchen erworben – und auch ein paar Unternehmen haben sich für die Idee begeistern können.

Auf einem Acker am Rande des kleinen Städtchens wird schließlich ein neues Kapitel bei der Energiewende in Deutschland geschrieben. Im September geht dort die bundesweit erste Solaranlage in Betrieb, die nicht nur komplett ohne staatliche Förderung auskommt, sondern auch noch komplett crowdfinanziert ist. Sie ist immerhin so groß wie ein Fußballfeld, eine Million Euro teuer und wird mit 4400 Solarmodulen jährlich etwa 1,3 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Das ist ungefähr so viel, wie 500 Haushalte im Jahr an Strom verbrauchen.

„Mit dem Angebot treffen wir einen Nerv“, ist Varena Junge überzeugt. Sie hatte vor zwei Jahren mit Partnern – darunter Ex-Lichtblick-Macher Heiko von Tschischwitz – den Onlinemarktplatz für direkte Energie, Enyway, gegründet, der das Angebot in Hecklingen organisiert hat.

Gebaut wird die Anlage von der Energietochter des Mischkonzerns Baywa. Viele Menschen wollten sich aktiv an der Energiewende beteiligen, erklärt Junge. Die meisten könnten aber nicht in eine eigene Solaranlage investieren, weil sie schlicht kein eigenes Haus besitzen.

Tatsächlich hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das 2000 in Deutschland in Kraft trat, den Boom bei Wind- und Solarstrom ermöglicht und Hunderttausende Deutsche zu Grünstromproduzenten gemacht. Von der attraktiven Vergütung haben allerdings, neben den kommerziellen Anbietern, bislang fast nur Eigenheimbesitzer profitiert. Der größte Teil der Deutschen musste sich über die EEG-Umlage, die über den Strompreis eingezogen wird, an der Finanzierung der Energiewende beteiligen. Bei den Gewinnen konnten sie nur zuschauen.

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Enyway ging im November mit einem plakativen Angebot an den Markt: Interessenten konnten für knapp unter 40 Euro Anteile an der noch zu planenden Solaranlage erwerben – in der Größe eines Pizzakartons.

Der jeweilige Anteil auf der Solaranlage ist per Blockchain-Technologie klar und fälschungssicher zugeordnet. Dafür bekommt der Verbraucher Strom, der seinem Anteil entspricht, mindestens zwei Jahre lang direkt nach Hause geliefert – und den restlichen Strom, den er verbraucht, kann er direkt zum Selbstkostenpreis aus regenerativen Quellen dazu kaufen. Für 99 Euro konnten sich Interessenten auch einen Anteil in der Größe einer Tischtennisplatte sichern.

Die Resonanz war groß. Schon im April war die Fundingschwelle erreicht. Aktuell sind 70 Prozent der Anteile verkauft – und der Rest wird – so ist Enyway-Gründerin Junge überzeugt, auch bald gedeckt. Die Bürger beteiligen sich so nicht nur an der Energiewende, nach Junges Worten rechnet sich das auch finanziell: „Die Kosten für einen Pizzakarton haben sie in der Regel in zwei bis drei Monaten heraus.“

Die Macht der Masse

So plakativ, schnell und erfolgreich wie Enyway hat noch niemand in Deutschland Geld von Privatpersonen für eine große Solaranlage eingesammelt. Der Wunsch in der Bevölkerung, sich in die Energiewende einzubringen, ist aber ungebrochen – und mit innovativen Modellen lassen sich offenbar auch Bürger dafür begeistern, die kein Eigenheim besitzen.

Doch nicht nur das Hamburger Start-up versucht, die Bürger bei der Energiewende zu beteiligen. Der Bund selbst wirbt für Mieterstrommodelle. Dabei wird der Bau von Solardächern auf Mehrfamilienhäusern gefördert, indem die Mieter den Strom vergünstigt bekommen. Die Netznutzungsgebühren entfallen dann beispielsweise. Allerdings ist die Resonanz bisher spärlich. Verbraucherschützer kritisieren etwa den hohen bürokratischen Aufwand.

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Bürgergenossenschaften, aber auch Stadtwerke und Energiekonzerne haben wiederum schon wiederholt Geld von Bürgern eingesammelt, um lokale Projekte – vor allem Windanlagen – zu realisieren. Enyways Partner Baywa bietet Anwohnern Zinsanleihen für einen künftigen Windpark an, den das Unternehmen in Hemer in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Allerdings wird bei den meisten Projekten derzeit noch mit einer üppigen EEG-Vergütung kalkuliert.

Und es gibt auch noch andere Unternehmen, die auf die Kraft der Masse setzen. Plattformen wie Econeers aus Dresden, die Naturstrom-Tochter Klimaschwarm aus Bamberg oder Greenvesting aus Frankfurt setzen Solarprojekte mit Hilfe von Schwarmfinanzierung schon länger um – teilweise aber im Ausland und in der Regel mit Hilfe von Subventionen.

„Das Interesse hat auf jeden Fall zugenommen“, beobachtet Martin Baart, Mitgründer der Berliner Crowdplattform Ecoligo. Gemeinsam mit seinem Partner Markus Schwaninger will Baart Solarprojekte nach Afrika bringen. Einen Mangel an Investoren aus Deutschland gebe es da nicht. „Die Bandbreite reicht von privaten Kleinanlegern, die nur ein paar Hundert Euro investieren, bis zu institutionellen Investoren, die gleich 50.000 Euro in ein Projekt stecken“, berichtet der Ecoligo-Gründer.

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (4)

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Herr Gerd ...

20.08.2019, 14:57 Uhr

Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um die Qualität des Handelsblattes!

Das Investment in ein privat betriebenes Solarkraftwerk kennt Anteilseigner und das Unternehmen als Investment.

Der Begriff "Bürger" wird vollkommen falsch verwendet. Denn er bezieht sich entweder auf eine Überordnung des Bürgers gegenüber seinen Parlamentariern (Auswahlfunktion durch Wahl) oder auf Pflichten (wie STeuerzahlung).

Der Mensch, Anwohner, Investor als Privatperson muss aber nicht in dieses Kraftwerk investieren.

Ein bisshen mehr Qualität würde dem Handelsblatt gut tun. Insbesondere über eine Überschrift sollte noch gründlicher nachgedacht werden.

Sonst wird das langfristig nichts.

Liebe Grüße

Herr Wolfgang Graf

20.08.2019, 15:09 Uhr

das wären ca. 77 c/kwh. Stimmt da was nicht?

Herr Oskar Kirmis

20.08.2019, 19:53 Uhr

@Herr Wolfgang Graf
Die Aussage ist ja "pro Jahr". Da man davon ausgehen kann, dass die Anlage einige Jahre läuft (ich denke ~20 Jahre ist realistisch) und die Instandhaltungskosten sehr viel niedriger als die initiale Investition ist, reden wir eher von ~5ct/kWh

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