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29.09.2018

09:48

Erneuerbare Energien

Wie aus einem Öko-Traum von ein paar Umweltschützern ein umkämpfter Milliardenmarkt geworden ist

Von: Kathrin Witsch

Windkraft-Anbieter auf der ganzen Welt streiten sich um den Milliardenmarkt, einige werden verschwinden – auch deutsche, warnen Experten.

Bis zum Jahre 2040 könnte sich die Windstromproduktion in Europa auf 1100 Terawattstunden verdreifachen. dpa

Windkraftanlagen

Bis zum Jahre 2040 könnte sich die Windstromproduktion in Europa auf 1100 Terawattstunden verdreifachen.

HamburgFatih Birol ist so etwas wie der Wirtschaftsweise der Energiewelt und noch dazu ein begnadeter Redner. Der etwas klein gewachsene grauhaarige Mann ist Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) und als solcher Herrscher über die Zahlen.

Manche bezeichnen seinen jährlichen Bericht zur Lage erneuerbarer Energien sogar als „Bibel“ der Ökowelt. Als der türkischstämmige Wirtschaftswissenschaftler zum Auftakt der WindEnergy in Hamburg einen kleinen Ausblick über seine neuesten Berechnungen zum Besten gibt, ist die Windindustrie selig: schon in zehn Jahren, prophezeit Birol, „wird Wind Europas größte Stromquelle sein“. Ab spätestens 2027 werde Windkraft rund 20 Prozent der europäischen Stromlieferungen ausmachen und damit Kohlekraftwerke überrundet haben.

Auf dem weltweit größten Branchentreff in Hamburg wird eines schnell klar: Der Traum von ein paar Ökoaktivisten ist mittlerweile zu einer milliardenschweren Industrie geworden, die ihren Kinderschuhen längst entwachsen ist. Weltweit sinkende Fördergelder und die Umstellung auf freie Ausschreibungen, in denen das günstigste Gebot den Zuschlag bekommt, haben die Industrie endlich an den Punkt gebracht so zu wirtschaften, dass es auch tatsächlich wirtschaftlich ist. Kosten wurden eingespart wo es nur ging, Abläufe optimiert und Personal abgebaut.

Weltweit gewinnt der einst so teure Energieträger an Bedeutung, es entstehen immer mehr neue Märkte wie Taiwan, Indien oder Südafrika an Land und auf dem Meer. Mittlerweile stehen auf der ganzen Welt verteilt Turbinen mit einer installierten Leistung von knapp 540.000 Megawatt (MW). Die Anlagen werden immer größer, effektiver und billiger.

Wirtschaftlich steht Windenergie entweder an der Schwelle zur Wettbewerbsfähigkeit oder sie hat sie schon überschritten und ist zudem günstiger als andere Energieträger.

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Das macht sich auch auf dem jährlichen Branchentreff in der Hafenstadt bemerkbar. Wo idealistische Erfinder die ersten Turbinen noch in der Garage zusammengeschraubt und beim Bauer nebenan aufs Feld gestellt haben, steht längst eine High-Tech-Massenproduktion mit Milliardenkonzernen. „Die Windindustrie hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, auch technisch“, sagt Experte Dirk Briese, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens windresearch.

Auch jetzt sei Wind immer noch ein Wachstumsmarkt, „aber die Goldgräberstimmung vom Anfang ist vorbei“. Dabei hat die internationale Windgemeinschaft allen Grund zum Jubeln: Die Ausbauzahlen sind auf Rekordhoch, auch wenn der einstige Weltmarktführer Europa schwächelt. Derzeit steht Windenergie für rund 11,6 Prozent der europäischen Stromproduktion. Bis zum Jahre 2040, so IEA-Chef Birol, könne sich die Windstrom-Produktion in Europa trotz der etwas langsameren Wachstumsraten in den vergangenen zwei Jahren noch auf 1100 Terawattstunden verdreifachen.

„Trotzdem musste die Branche in den vergangenen Jahren feststellen, dass auch die Windkraft an Grenzen stößt, insbesondere politische“, erklärt Briese. Erste Rückgänge beim Ausbauvolumen wie in Deutschland, reihenweise Insolvenzen aufgrund der gesunkenen Preise und immer mehr Proteste gegen die von vielen Bürgern so verhasste „Verspargelung der Landschaft“.

Längst ist nicht gleich jeder Umweltschützer auf Seiten der Windenergie, Naturschutzverbände wie der NABU, Bund und andere sind gar die härtesten Gegner der Mühlen. Und auch die Flaute bei Herstellern, Zulieferern und Co. ist laut Briese noch nicht ausgestanden: „Es werden definitiv noch einige Marktteilnehmer, auch Hersteller vom Markt verschwinden. Trotzdem hat die Windbranche damit auch die Chance, einen letzten Endes gesunden Verkleinerungsprozess zu durchleben“, so der Experte.

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Die deutschen Turbinenbauer leiden zur Zeit gleich doppelt unter der aktuellen Situation: Sie kämpfen nicht nur mit sinkenden Preisen, sondern parallel mit einen massivem Auftragsrückgang am heimischen Markt. Tausende Stellen sind bereits weggefallen, die Gewerkschaft geht davon aus, dass das noch nicht das Ende war und warnt vor den Folgen. Aber auch die Anlagenhersteller zeigen sich besorgt.

„Deutschland verspielt seine Führungsposition, wenn es so weiter macht“, warnt Markus Tacke, Chef des deutsch-spanischen Anlagenherstellers Siemens Gamesa in Hamburg. Energieminister aus fünf norddeutschen Bundesländern unterzeichneten zusammen mit Vertretern der Windenergiebranche einen Aufruf, in dem sie die Bundesregierung zum Handeln auffordern. Sie soll die geplanten Zusatzausschreibungen schleunigst umsetzen. Sonst würden nicht nur tausende Arbeitsplätze, sondern auch Know-How aus der Bundesrepublik verschwinden.

Einig sind sich aber auch alle, dass sich die Verhältnisse auf dem deutschen Markt bis spätestens 2020 wieder normalisieren. Trotzdem, warnt Briese, „die Branche muss mittelfristig raus aus den Subventionen und rein in den Markt.“ Hier und da passiert das zwar schon, in der Masse brauche die Windkraft aber noch etwa drei bis fünf Jahre, bis die Preise wirklich überall wettbewerbsfähig sind.

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