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09.04.2019

17:27

Erneuerbare Energien

Windkonzern Senvion meldet Insolvenz an

Von: Kathrin Witsch

Der hochverschuldete Turbinenhersteller konnte sich nach wochenlangen Gesprächen nicht mit den Banken einigen. Jetzt meldet Senvion Insolvenz an.

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Darum ist Senvion insolvent, während andere Windanlagenbauer weiterleben

Handelsblatt Live: Darum ist Senvion insolvent, während andere Windanlagenbauer weiterleben

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DüsseldorfErst am Montag hatte der kriselnde Turbinenhersteller Senvion gewarnt, man prüfe alle rechtlichen Optionen für die Fortführung des Geschäftsbetriebs. Nur einen Tag später ist klar: Einer der ältesten Windkonzerne Deutschlands muss Insolvenz anmelden. Das Unternehmen teilte den Schritt am Dienstagnachmittag per Ad-hoc-Mitteilung mit.

Das Amtsgericht Hamburg gab dem Antrag am Nachmittag statt. Das Unternehmen will sich zunächst in Eigenverwaltung sanieren. Zum vorläufigen Sachwalter wurde Christoph Morgen von der Kanzlei Brinkmann & Partner bestellt. Schon vor der Veröffentlichung der Mitteilung lag die Aktie von Senvion am Dienstag mit mehr als 20 Prozent im Minus bei rund 90 Cent.

Gewinnwarnungen, Finanzierungssorgen und Lieferprobleme hatten den Aktienkurs der Hamburger innerhalb eines Jahres um fast 90 Prozent abstürzen lassen. Im Februar musste Senvion schließlich die Veröffentlichung seines Geschäftsberichts verschieben, weil die Kreditgeber einen Sanierungsplan forderten, bevor noch mehr Geld in den angeschlagenen Konzern fließt.

In den Wochen danach versuchten der Haupteigentümer Centerbridge und die kreditgebenden Banken zu einer Einigung zu kommen – ohne Erfolg. Am Ende brauchte Senvion nicht nur frisches Kapital, sondern wegen Verzögerungen bei großen Projekten auch noch 100 Millionen Euro, um seine Geschäfte überhaupt weiterführen zu können. 

Centerbridge wollte das fehlende Geld offenbar nicht selbst zuschießen. Die US-Investoren hatte in den vergangenen Monaten bereits über 80 Millionen Euro in den angeschlagenen Konzern gesteckt. Die letzte Tranche von 40 Millionen Euro gab es sogar erst im Januar. 

Kommentar: Die Senvion-Insolvenz hätte verhindert werden können

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Die Senvion-Insolvenz hätte verhindert werden können

Einer der ältesten Hersteller von Windkraftanlagen in Deutschland ist insolvent. Senvions Investoren sind an der Pleite nicht ganz unschuldig.

Dafür hatten sich in der vergangenen Woche zwei neue Interessenten aufs Feld gewagt: Anchorage und Davidson Kempner, zwei Hedgefonds aus den USA. Sie waren bereit, die akut benötigten 100 Millionen Euro als Kredit zur Verfügung zu stellen. Die Entscheidung darüber lag allerdings bei den Banken – die haben die Offerte der Hedgefonds Insidern zufolge nun zum zweiten Mal abblitzen lassen. 

1800 Mitarbeiter betroffen

Den Insolvenzprozess soll von dem Management unter Vorstandschef Yves Rannou in unveränderter Aufstellung begleitet werden. Der Antrag betrifft zunächst die beiden deutschen Hauptgesellschaften des Windradbauers, die Senvion GmbH und die Senvion Deutschland GmbH mit zusammen rund 1800 Mitarbeitern.

Im Laufe der Woche würden voraussichtlich auch die börsennotierte Senvion S.A., die Senvion Topco GmbH sowie die Senvion Holding GmbH Anträge auf Insolvenzeröffnung stellen.

„Der Antrag wurde in Absprache mit Centerbridge, den Kreditgebern und auch den beiden Hedgefonds eingereicht“, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Die Geschäfte sollen nun erst einmal weiterlaufen wie bisher. Die eigentlich für den 23. Mai geplante Hauptversammlung sowie die für den 15. Mai vorgesehen Präsentation von Quartalszahlen würden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Die beiden US-Investmenthäuser Anchorage und Davidson Kempner hatten sich erst vor Kurzem die Mehrheit an einer 400 Millionen Euro schweren Anleihe des Unternehmens mit großen Abschlägen gesichert. Investmentfirmen haben es in der Regel auf einen Tausch von Krediten in Anteile am Unternehmen abgesehen. Aus Branchenkreisen heißt es, Centerbridge zeige sich für die Möglichkeit offen, einen Teil seiner 71 Prozent von Senvion an Anchorage und Davidson Kempner abzutreten. Die beiden Hedgefonds haben aber auch für eine mögliche Insolvenz vorgesorgt. 

Unbekanntes Angebot in letzter Minute

Am Dienstag veröffentlichte Senvion Veränderungen im Vertrag der Anleihe, die 2022 fällig wird. Im Falle einer Insolvenz müssen nun mindestens 50 Prozent der Bonds-Inhaber einen Antrag einreichen, um ihr Geld zu bekommen. So haben sich die Investmentexperten für die drohende Insolvenz abgesichert.

Das letzte Wort scheint im Fall Senvion allerdings noch nicht gesprochen. Kurz vor der Bekanntmachung des eingeleiteten Insolvenzverfahrens ist ein bis dahin unbekanntes Angebot zur Rettung des Windkonzerns eingegangen sein. „Das neue Finanzierungsangebot wird aktuell zwischen Kreditgebern und Anleihegläubigern diskutiert“, sagte ein Insider dem Handelsblatt. 

Kommentar: Die Windbranche hat sich zu lange auf Subventionen verlassen

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Senvion ist nicht der einzige Problemfall in der Branche – obwohl die Nachfrage nach Windrädern boomt. Die Unternehmen sind selbst schuld an der Misere.

Um den Vorwurf der Insolvenzverschleppung zu vermeiden, falls auch dieser Versuch scheitert, habe man sich aber entschieden, zunächst wie geplant mit dem Insolvenzantrag fortzufahren, hieß es in Unternehmenskreisen.

Centerbridge hatte den Hamburger Konzern 2015 für 400 Millionen Euro vom indischen Windriesen Suzlon übernommen. Die US-Investoren machten den früheren Chef des Industrie- und Automobilzulieferers Schaeffler, Jürgen Geißinger, zum neuen Vorstandschef. Der damals 56-Jährige sollte Senvion an die Börse bringen und die Internationalisierung vorantreiben. 

Aber die Expansion ins Ausland lief für Senvion alles andere als rund und offenbarte massive operative Schwächen im eigenen Haus. In der Folge kam Senvion mit der Abarbeitung seiner Projekte nicht nach. Das führte zu Umsatzausfällen und Strafzahlungen an Kunden.

Im vergangenen Jahr lag der Umsatz daher nur bei 1,45 Milliarden statt der erhofften 1,6 Milliarden Euro. Am Ende des dritten Quartals 2018 hatte das Unternehmen gerade mal 221 Millionen Euro an Kapital, bei einer Verschuldung von 1,2 Milliarden Euro.

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