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05.11.2022

14:48

Gaskondensat

Deutscher Gaskonzern: Wintershall weist Vorwürfe zu Russland-Geschäft zurück

Von: Catiana Krapp

Laut Medienberichten soll ein Wintershall-Tochterunternehmen Gaskondensat an Lieferanten der russischen Luftwaffe liefern. Der Konzern nennt die Vorwürfe „konstruiert“.

Wintershall Dea ist an drei Joint Venture-Gesellschaften in Russland beteiligt. dpa

Wintershall Gasbearbeitungsanlage in Sibirien

Wintershall Dea ist an drei Joint Venture-Gesellschaften in Russland beteiligt.

Düsseldorf Der deutsche Öl- und Gasförderer Wintershall Dea steht zunehmend in der Kritik. Ein russisches Gemeinschaftsunternehmen von Wintershall und dem Konzern Gazprom soll Gaskondensat an einen der wichtigsten Lieferanten der russischen Luftwaffe liefern. Das berichten der „Spiegel“ und das ZDF-Politmagazin „Frontal“ auf Basis gemeinschaftlicher Recherchen.

Wintershall ist eine Tochter des Chemiekonzerns BASF und fördert in Sibirien im sogenannten Urengoiskoje-Feld Gas. Dabei fällt laut dem Bericht als Beiprodukt Gaskondensat an, das an Gazprom weiterverkauft wird. Von einer Gazprom-Raffinerie wiederrum konnten der Spiegel und ZDF-Frontal laut ihrem Bericht Lieferungen von Flugzeugbenzin nach Morosowsk und Woronesch nahe der Grenze zur Ukraine nachvollziehen. Dort befänden sich Luftwaffenstützpunkte mit russischen Jagdbombern. Nach Angaben des Spiegels kann Wintershall nicht ausschließen, dass das geförderte Gaskondensat auch für militärische Zwecke verwendet wird.

Ukrainische Regierungsvertreter kritisierten Wintershall gegenüber Spiegel und ZDF scharf. Die stellvertretende ukrainische Justizministerin Iryna Mudra sagte den Medien: „In Russland Gewinne zu machen, in Russland Steuern zu zahlen und Russlands Wirtschaft am Laufen zu halten, ist nichts anderes, als am Krieg teilzunehmen.“ Oleg Ustenko, Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski, kündigte an, dass Wintershall Dea spätestens nach Ende des Ukrainekrieg zur Rechenschaft gezogen werde.

Wintershall widerspricht den Vorwürfen entschieden. Der Chef des Kasseler Unternehmens, Mario Mehren, teilte am Freitagabend mit: „Wir weisen die vom Spiegel suggerierte Verbindung zwischen dem in Russland von den Joint Ventures geförderten Gaskondensat und dem leidvollen Tod von Menschen in der Ukraine als konstruiert und unredlich zurück.“ Das Unternehmen behalte sich auch juristische Schritte vor.

Mehren sagte: „Soweit der Eindruck erweckt wird, das Kondensat aus der Achimov-Formation, an dessen Produktion Wintershall Dea über Joint Venture beteiligt ist, werde für den Angriffskrieg direkt oder nachvollziehbar indirekt genutzt, ist dies unredlich und nicht haltbar.“

Wintershall: Achimov-Kondensat nicht für militärisch nutzbares Kerosin geeignet

Wintershall ist in Russland an insgesamt drei Gemeinschaftsunternehmen beteiligt, von denen zwei auch Gaskondensat aus dem sogenannten „Achimov-Horizont“ produzieren. Wintershall stellt sich allerdings auf den Standpunkt, keine Vertragsbeziehungen zu dem Unternehmen zu haben, das dieses Gaskondensat weiterverarbeitet. Zudem bleibe der größte Teil des weiterverarbeiteten Kondensats in Bezirken ohne für den Krieg bedeutende Militärplätze. Denn zur Herstellung von Kerosin für eine militärische Nutzung sei das Kondensat nicht geeignet.

Grundsätzlich werfen Umweltschützer Wintershall allerdings immer wieder vor, trotz des Ukraine-Krieges überhaupt noch in Russland aktiv zu sein. In den Monaten nach dem russischen Überfall auf die Ukraine haben mehrere deutsche Konzerne verkündet, sich aus Russland zurückzuziehen. So hat bereits im April der Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker sein russisches Werk an das lokale Management veräußert.

Auch Europas größter Schuheinzelhändler Deichmann gab im Juni bekannt, seine 37 Filialen mit 260 Mitarbeitern inklusive Inventar an ein Mitglied des russischen Managements verkauft zu haben.

Nicht so Wintershall. Dabei wäre das Unternehmen gerne längst raus aus Russland – das sagt zumindest CEO Mario Mehren. Mehren argumentiert in Bezug auf sein Russland-Geschäft, jegliche Veränderung der Beteiligungen in Russland bedürfte einer direkten Genehmigung durch den russischen Präsidenten. Wintershall könne nicht einfach die Bohrstätten in Russland aufgeben, Mitarbeiter im Stich lassen und die Plattformen den Russen überlassen. Und ein Käufer findet sich in der aktuellen Lage auch nicht.

So zahlen die Wintershall-Töchter in Russland zwar weiterhin Steuern an den russischen Staat und stützen ihn so finanziell. Doch auch ohne Wintershall-Beteiligung würde dieses Geld wohl weiter fließen.

Wintershall CEO Mehren: „Unsere Einnahmen sind in Russland gefangen“

Was für die Argumentation von Wintershall spricht: Das wirtschaftliche Interesse von Wintershall an seinen russischen Tochterfirmen dürfte sich in Grenzen halten. Zwar war das Russland-Geschäft lange lukrativ und könnte es gerade in Zeiten hoher Öl- und Gaspreise auch weiterhin sein. Doch die Gewinne können nur vor Ort in Russland genutzt werden. Aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland bekommt Wintershall das Geld nicht nach Deutschland.

Bei einer Präsentation der Quartalszahlen im Oktober sagte Mehren auf Nachfrage des Handelsblatts: „Unsere Einnahmen sind in Russland gefangen. Wir haben seit Februar dieses Jahres kein Geld mehr aus dem Land bekommen.“ Es bleibe abzuwarten, ob und wann Wintershall Zugang zu dem Geld bekommen werde, das das Unternehmen „derzeit vermutlich“ in Russland verdiene.

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