Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2022

13:27

Handelsblatt Energie-Gipfel

„Müssen vom 100-Prozent-Wahn wegkommen“ – Eon-Chef warnt vor zu viel Bürokratie

Von: Kathrin Witsch, Catiana Krapp

Der Manager befürchtet, dass Deutschland beim Netzausbau nicht hinterher kommt. Zentral sei dabei, dass die Stromnetze digital werden.

„Vor 20 Jahren haben wir 100 Kraftwerke gesteuert, jetzt steuern wir auf vier Millionen Einspeiser zu. Das kann man nur digital managen“, sagt der Manager. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Eon-Chef Leonhard Birnbaum

„Vor 20 Jahren haben wir 100 Kraftwerke gesteuert, jetzt steuern wir auf vier Millionen Einspeiser zu. Das kann man nur digital managen“, sagt der Manager.

Berlin Der Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns Eon, Leonhard Birnbaum, warnt vor Engpässen in den deutschen Stromnetzen. „Ich befürchte, wir werden dem Ausbau der Erneuerbaren an vielen Stellen hinterherbauen“, sagte er am Dienstag auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel. Selbst wenn ab sofort keinerlei erneuerbare Energien mehr hinzu kämen, bräuchte es laut Birnbaum noch erhebliche Investitionen, um das Netz genügend zu erweitern.

Das deutsche Stromnetz steht vor der wohl größten Herausforderung seit Jahrzehnten. Anstatt einzelner großer Kraftwerke speisen immer mehr kleinere Ökoanlagen aus allen Ecken des Landes Energie ins Netz. Anders als bei der stetig gleichbleibenden Versorgung aus Kohle-, Atom- und Gaskraftwerken kommt es dabei zu naturbedingten Schwankungen.

Ökostrom wird immer dann produziert, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Das sind aber nicht immer die Zeiten, in denen der Strom auch tatsächlich gebraucht wird. Damit das Netz nicht überlastet wird, werden wann immer nötig Kraftwerke egal welcher Art vom Netz abgeriegelt. Wird wieder mehr Strom gebraucht, können sie in Sekundenschnelle wieder hochgefahren werden.

Diese Eingriffe werden von den Netzbetreibern geregelt. Die Kosten für sogenannte Einspeisemanagement-Maßnahmen sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen, auch wegen der immer größer werdenden Anzahl von Wind- und Solaranlagen. Mit dem Ausstieg aus Atom- und Kohleverstromung und immer mehr volatilen Erneuerbaren dürften die Herausforderungen für die Netzbetreiber in den nächsten Jahren noch deutlicher zunehmen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zentral ist dabei laut Birnbaum, dass die Netze digital werden. „Jeder, der glaubt, wir könnten die Netze der Zukunft nicht digital betreiben, hat die Herausforderungen nicht verstanden“, so Birnbaum. „Vor 20 Jahren haben wir 100 Kraftwerke gesteuert, jetzt steuern wir auf vier Millionen Einspeiser zu. Das kann man nur digital managen.“

    „Wir müssen zu einer Beschleunigung der Verfahren kommen“

    Birnbaum räumte auch ein, dass mit digitalen Netzen eine Gefahr von Cyberattacken einhergeht. „Ich verfolge das Thema Cyber mit großer Sorge, das wird eine der Kernherausforderungen unserer Branche“, sagte er. „Jeder muss davon ausgehen: Man wird irgendwann gehackt.“ Wichtig sei, dass man in der Lage sei, das System hinterher wiederherzustellen.

    Als vorrangige Aufgabe sieht Birnbaum es, dass der Ausbau der Netze in Deutschland erleichtert wird. „Wir müssen zu einer Beschleunigung der Verfahren kommen, ohne jeden Zweifel“, sagte er und betonte: „Wenn wir jetzt das Planungsrecht verändern, hat das erst ab 2026 Auswirkungen.“ Eine sofortige Beschleunigung der Verfahren ändere also nichts am Ausbaustau in den kommenden drei bis vier Jahren. „Wir müssen da jetzt ran, und das erfordert Zumutungen an gewisse Klientelen, etwa die grüne Klientel“, so Birnbaum.

    Grafik

    Damit Grünstrom im Netz verteilt werden kann, braucht es auf der einen Seite den Ausbau der Übertragungsnetze, durch sogenannte Stromautobahnen, die die Ökoenergie vom windreichen Norden bei Bedarf in den industrielastigen Süden transportieren. Der geht allerdings seit Jahren nur stockend voran. Von über 12.000 geplanten Kilometer Stromleitungen sind nach dem aktuellsten Stand der Bundesnetzagentur gerade mal etwas über 1800 Kilometer gebaut. Nach den neuesten Berechnungen des Netzentwicklungsplans müssen sogar noch 1000 Kilometer zusätzlicher Trassen gebaut werden.

    Ebenso entscheidend sind jedoch die Verteilnetze, die auch dann stabil bleiben müssen, wenn – wie von der Bundesregierung angepeilt – im Jahr 2030 rund 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Auf die Frage, ob die Netze künftig auch ein gleichzeitiges Laden von so vielen E-Autos aushalten können, zeigte sich Birnbaum allerdings optimistisch, er sagte: „Ja, ich glaube, wir können das.“

    Sorge hingegen bereitet dem Eon-Chef die aktuelle Diskussion um die EU-Taxonomie, in der die Europäische Kommission auch Gas und Atomkraft als nachhaltig einstufen will. Zwar spiele das Thema Atomkraft in Deutschland keine große Rolle, aber die Rahmenbedingungen für Gaskraftwerke seien bislang problematisch.

    „80 Prozent und schnell ist besser als 100 Prozent und nie“

    „Nach der Taxonomie-Verordnung ist überhaupt nicht klar, ob ich taxonomiekonform eine Gasleitung zu einem Kraftwerk bauen kann“, so Birnbaum. „Wenn die Randbedingungen so bleiben, wird das schwierig.“ Damit sei auch der Kohleausstieg gefährdet. „Wenn wir die Gaskraftwerke nicht bauen, müssen die Kohlekraftwerke länger bleiben.“

    Grafik

    Auch in Bezug auf deutsche Regulierungen warnte Birnbaum vor zu viel Bürokratie. „Wir müssen von diesem 100-Prozent-Wahn wegkommen“, sagte er. „80 Prozent und schnell ist besser als 100 Prozent und nie.“

    Entsprechend äußerte sich der Eon-Chef auch zum Thema Energieversorger. In den vergangenen Wochen mussten zahlreiche Strom- und Gasversorger ihre Lieferungen aufgrund der hohen Energiepreise am Markt einstellen – zum Leidwesen der Verbraucher, die in teils sehr teure Grundtarife zurückfielen.

    Birnbaum sprach sich allerdings gegen eine neue Behörde in Deutschland aus, die Versorger strenger beaufsichtigt, um solche Fälle zu verhindern. „Ich glaube, wir haben genug Behörden in Deutschland“, sagte er. „Aber das Problem sind nicht zu wenige Behörden, sondern dass alle bestehenden Regelwerke und Institutionen es zugelassen haben, dass sich die falschen Leute auf dem Markt herumtreiben.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×