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17.01.2022

15:24

Handelsblatt Energie-Gipfel

RWE-Chef Krebber zu hohen Energiepreisen: „Ich habe Angst, dass wir schleichend deindustrialisieren“

Von: Kathrin Witsch, Catiana Krapp

Der Chef des Dax-Konzerns betont die gegenseitige Abhängigkeit mit Russland. Um die Versorgung in Deutschland auch langfristig sicherzustellen, brauche es Pragmatismus.

RWE-Chef Krebber: Angst vor schleichender Deindustrialisierung Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

RWE-Chef Markus Krebber

„Wir müssen damit rechnen, dass es länger dauert, bis die Preise sich normalisieren“, sagt der Manager.

Berlin RWE-Chef Markus Krebber sorgt sich über eine anhaltend angespannte Situation an den Energiemärkten. Auf die Frage nach einer möglichen Gas- oder Stromlücke in Deutschland sagte der Manager am Montag auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel in Berlin: „Ich habe Angst, dass die hohen Industriepreise dazu führen, dass wir schleichend deindustrialisieren und es kaum einer merkt.“

Ein verschärfender Grund für die derzeit angespannte Lage an den Energiemärkten ist der Konflikt des Westens mit Russland um die Ukraine. Die Gasversorgung in Deutschland sei im Hinblick auf den Ukrainekonflikt allerdings nicht akut gefährdet, so Krebber. „Ich habe keine Angst, dass die Gasversorgung flächendeckend zusammenbricht“, sagte er. Die Sorge, dass morgen die Heizungen kalt blieben, sei nicht berechtigt.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass die US-Regierung Notfallpläne für Gaslieferungen nach Europa vorbereitet für den Fall, dass der russische Präsident Wladimir Putin Gaslieferungen unterbricht. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat das US-Außenministerium dafür Gespräche mit Energiekonzernen aufgenommen.

Für die Europäische Union wäre ein russischer Gaslieferstopp eine nie da gewesene Herausforderung. Sie bezieht derzeit rund ein Drittel ihres Gasbedarfs aus Russland. In Deutschland kommt sogar über die Hälfte des Erdgases aus Russland.

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    Krebber machte allerdings klar: „Wir haben eine gegenseitige Abhängigkeit mit Russland. Das Gas aus Russland ist so kurzfristig nicht zu ersetzen, aber Russland braucht auch die Devisen aus dem Verkauft der Rohstoffe.“ Diese gegenseitige Abhängigkeit habe schon in früheren Zeiten wieder den Dialog geöffnet. Ob Gespräche des US-Außenministeriums derzeit auch mit RWE stattfinden, wollte Krebber nicht kommentieren.

    Auf die Frage, ob Gas künftig über Nord Stream 2 nach Deutschland kommen müsse oder besser über ein eigenes LNG-Terminal in Form von Flüssiggas aus den USA, sagte Krebber: „Ich glaube, was die reine Menge des Gases angeht, reicht die Infrastruktur aus. Es ist eher eine Frage der Diversifizierung.“

    „Wir werden nicht über Nacht CO2-neutral werden, es wird Zwischenschritte geben“

    Die Ukrainekrise ist nur die jüngste Zuspitzung einer ohnehin extrem angespannten Situation an den Energiemärkten. Die Preise für Strom und Gas haben in den vergangenen Monaten Rekordwerte erreicht – zum Leidwesen von Verbrauchern und Industrie. So kostete etwa eine Megawattstunde (MWh) Strom im Januar 2019 auf dem Terminmarkt im Schnitt noch 48 Euro. Ende Dezember sprang der Börsenstrompreis dann mit 325 Euro pro MWh auf einen absoluten Rekord.

    Auch wenn die Preise zuletzt wieder sanken, glaubt der RWE-Chef nicht an eine baldige, nachhaltige Besserung. „Wir müssen damit rechnen, dass es länger dauert, bis die Preise sich normalisieren“, sagte er. „Ich glaube auch, dass die geopolitische Lage dazu beiträgt, dass die Unsicherheit an den Märkten höher bleibt.“

    Das Problem solle man aber nicht energiewirtschaftlich lösen. Denn der politische Anreiz hoher Preise für fossile Energieträger sorge ja gerade dafür, dass in neue Technologien investiert würde. Man müsse bei den hohen CO2-Preisen und somit bei den hohen Energiepreisen bleiben. Es brauche gegebenenfalls eine sozialpolitische Abfederung.

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    Zugleich forderte Krebber industriepolitische Unterstützung. Übergangsweise seien deutlich vergünstigte Industriestrompreise notwendig. „Solange wir die Knappheit haben und grüne Produkte aus Deutschland mit internationalen Produkten konkurrieren, brauchen wir eine Förderung der Industrie.“ Die müsse allerdings zeitlich begrenzt sein.

    Grafik

    Beim deutschen Umstieg auf erneuerbare Energien spielt RWE eine zentrale Rolle. Der Konzern will dafür in den kommenden Jahren 50 Milliarden Euro investieren. „Wir haben jahrelang Ausstiegsdebatten geführt – jetzt geht es ums Anschalten“, sagte Krebber. Dabei gehe es auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen und Wohlstand in Deutschland. Er begrüße deswegen die Beschleunigung der Energiewende über das Sofortprogramm, das Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in der vergangenen Woche vorgestellt hat.

    Wichtig sei aber auch ein gewisser Pragmatismus in der Übergangsphase. „Wir werden nicht über Nacht CO2-neutral werden, es wird Zwischenschritte geben“, so Krebber. Zu der Diskussion darüber, dass die EU-Kommission Gas und Atomkraft in ihrer Taxonomie als nachhaltig einstufen will, sagte er: „Man kann zwei Blickwinkel auf das Thema haben. Sie können die Diskussion ideologisch führen, oder man sagt, wir haben da ein pragmatisches Problem zu lösen, nämlich die CO2-Emissionen zu reduzieren.“ Alles, was dazu beitragen könnte, sei erst einmal positiv.

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