Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2022

04:00

Handelsblatt Energie-Gipfel

„Unerfüllbarer Wunschtraum” – Klimaneutralität von Gebäuden ist bis 2045 kaum erreichbar

Von: Silke Kersting, Catiana Krapp

Millionen Haushalte heizen mit Öl und Gas. Das läuft den Klimaschutzplänen zuwider. Doch eine schnelle Umstellung auf Alternativen ist aus Sicht der Branche unrealistisch.

Klimafreundliche Gebäude: Warum die Wärmewende schwerfällt

Thema Wärmewende auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel

Noch ist Gas in Deutschland der meistgenutzte Energieträger, wenn es ums Heizen geht.

Berlin Die Wende zum klimafreundlichen Wohnen ist eine der großen Herausforderungen für die deutsche Politik. Schließlich stehen Immobilien für rund ein Drittel des Energieverbrauchs hierzulande. Die Klimaschutzziele für 2020 wurden bereits verfehlt, und auch für 2021 sieht es nicht viel besser aus. Ohne eine höhere Sanierungsquote, ohne mehr erneuerbare Energien in den Gebäuden ist das Ziel von Klimaneutralität im Jahr 2045 kaum erreichbar.

Georg Friedrichs, Chef des Berliner Stromversorgungsunternehmens Gasag, sieht einen klimaneutralen Gebäudebestand in wenig mehr als 20 Jahren schon heute als „unerfüllbaren Wunschtraum“ an. Die Sanierungsrate in Deutschland liege bei rund einem Prozent, in Berlin mit 0,6 Prozent sogar noch darunter, sagte Friedrichs am Mittwoch auf dem dreitägigen Energie-Gipfel des Handelsblatts.

„Selbst wenn wir das verdrei- oder vervierfachen, erreichen wir eine Sanierungsrate von maximal 2,5 Prozent jährlich.“ Das sei zu wenig, um die Gebäude bis 2045 auf Klimaneutralität zu trimmen. Seine Prognose: „Die Hälfte des deutschen Gebäudebestandes wird 2045 nicht zukunftsfähig saniert sein.“

Auch Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München, ist skeptisch. „Wir gehen davon aus, dass die Sanierungsraten langsam steigen auf eine Größenordnung von 2,5 Prozent, mehr halten wir für illusorisch“, sagte er auf dem Energie-Gipfel.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    Grafik

    Folglich braucht es auch im Gebäudesektor in den kommenden Jahren mehr Strom, um schlechter sanierte Immobilien wenigstens mit grüner Energie beheizen zu können.

    Gasag-Chef: „Der Kampf wird im Bestand gewonnen“

    Das Problem liegt weniger im Neubau, wo schon heute häufig grüne Lösungen eingesetzt werden. „Der Kampf wird im Bestand gewonnen“, so Friedrichs. In Berlin beispielsweise seien 90 Prozent der Wohneinheiten Mehrfamilienhäuser, teilweise mit komplexen Eigentümerverhältnissen, „das ist nicht einfach zu sanieren“.

    Friedrichs räumte mit der Hoffnung auf, dass sich einzelne Häuser oder Quartiere mit eigenem Strom versorgen könnten. „Eine Kapitale wie Berlin kann sich nicht autark mit Energie versorgen“, sagte er. Dieser Traum sei zu begraben. Es mache immer Sinn, dass jede Stadt, jedes Haus versuche, möglichst viel direkte grüne Energie zu produzieren, etwa durch Photovoltaik. Auch der Quartiersansatz sei richtig, vor allem im Neubau. Trotzdem sei das bislang nur ein Baustein. „Ich kenne kein einziges Quartiersprojekt, wo es gelungen ist, mehrere Bestandshäuser zu einer einheitlichen Energieversorgung zusammenzubinden.“

    Für eine Wärmewende in Deutschland sind viele einzelne Lösungsansätze nötig. „Wir müssen spezifisch auf einzelne Standorte eingehen“, sagte Uwe Lauber, Chef des Motorenherstellers MAN Energy Solutions, auf dem Handelsblatt-Energiegipfel. Auch Verena Graichen, stellvertretende Vorsitzende beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), machte klar: „Im Wärmesektor brauchen wir überall maßgeschneiderte Lösungen.“

    Grafik

    Die Wärmewende ist ein wenig beachteter, aber wichtiger Aspekt für eine erfolgreiche Energiewende. Noch ist Gas in Deutschland der meistgenutzte Energieträger, wenn es ums Heizen geht. Laut einer Auswertung des Branchenverbandes BDEW wird noch rund die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland mit Gas beheizt. Ein weiteres Viertel heizt mit Öl. Laut Umweltbundesamt stammen bislang erst 15,6 Prozent der Energie im Bereich Wärme aus erneuerbaren Energien.

    Getan hat sich in den vergangenen Jahren wenig. Anders als die Energiewende in der Stromproduktion, die schon deutlich weiter vorangeschritten ist, hängt die Wärmewende zudem stark an der lokalen Ebene: Millionen privater Haushalte müssen dazu beitragen.

    Fernwärme als dominante Technologie in München

    Eine stärkere Förderung als bisher wird darum unerlässlich sein. Verena Graichen vom BUND mahnte, dass man sich beim Thema Sanieren auch auf Mietende fokussieren müsse sowie auf weniger wohlhabende Eigenheimbesitzer, die Sanierungen finanziell nicht selbst stemmen könnten.

    Zusätzlich zu Sanierungen müssen auch alte Öl- und Gasheizungen gegen klimafreundlichere Alternativen getauscht werden. Zu diesen Alternativen zählen etwa Wärmepumpen, die mithilfe von Strom dem Außenbereich Wärme entziehen und sie ins Haus abgeben. Der Absatz von Wärmepumpen steigt, vor allem aber im Bereich von Ein- und Zweifamilienhäusern, weniger in Mehrfamilienhäusern.

    MAN-Manager Lauber berichtete indes: „Das Thema Großwärmepumpe beschäftigt uns.“ Wärmepumpen seien auch deshalb wichtig, weil sie als Regelorgan der Netzstabilisierung dienen könnten. So können Wärmepumpen etwa zeitweise abgeschaltet werden, wenn gerade wenig erneuerbarer Strom aus Wind und Sonne im Netz ist.

    Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die Versorgung über Fernwärme. Damit wird laut BDEW immerhin im Wohnungsneubau mehr als jede vierte neue Wohnung ausgestattet. Dabei wird etwa Abwärme aus einem nahe gelegenen Kraftwerk direkt zu den Haushalten geleitet.

    In München werde Fernwärme künftig die dominante Technologie sein, sagte Stadtwerke-Chef Bieberbach. Fernwärme kann allerdings nicht nur aus konventionellen Kraftwerken stammen, sondern auch mithilfe von Geothermie, also Erdwärme, produziert werden. Sie wird dem Boden über Erdwärmeübertrager entzogen. Die Stadtwerke München nutzen diese Technik schon seit 2004 und haben mittlerweile sechs Geothermieanlagen gebaut.

    Prioritäten setzen bei Wasserstoff-Nutzung

    Auch wenn es für die Wärmewende maßgeschneiderte Lösungen brauche, so Bieberbach, werde zu oft davon ausgegangen, dass die Geothermie eine spezifische Lösung sei. In Deutschland gebe es an vielen Stellen Geothermie. „Das ist die zweite große Energiequelle neben Sonnenenergie, nur dass sie immer verfügbar ist“, sagte er.

    Klar ist: Um all die notwendigen Erneuerungen auch umzusetzen, braucht es Handwerker – und die sind in Deutschland zunehmend Mangelware, auch das wurde beim Energie-Gipfel noch einmal klar. Branchenvertreter machen sich deshalb dafür stark, dass schleunigst Nachwuchs ausgebildet wird.

    „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die jetzt ins Arbeitsleben eintreten, die entsprechenden Kompetenzen entwickeln“, sagte Karl Gruber, Geschäftsführer des österreichischen Energieversorgers Wien Energie. Auch MAN-Manager Lauber betonte, dass gerade im Bereich der kleineren Handwerksbetriebe kaum Ressourcen vorhanden seien. Umweltexpertin Graichen ergänzte, dass es aber auch darauf ankomme, die Zeit zu reduzieren, die Handwerker auf einer Baustelle verbrächten, etwa, indem man schon vorher Dämmplatten zuschneide.

    Die Frage, wie gut Wasserstoff geeignet ist, um die Wärmewende voranzubringen, ist indes umstritten. Grüner Wasserstoff könnte künftig ins bestehende Gasnetz eingespeist und dem Erdgas beigemischt werden, um weniger Emissionen zu verursachen. BUND-Expertin Graichen sagte allerdings: „Wasserstoff-Beimischungen im Erdgasnetz sind nicht zukunftsfähig.“ Das bringe etwa Probleme für Industriebetriebe, die reines Erdgas als Grundstoff verwenden.

    MAN-Manager Lauber mahnte, genau zu überlegen, in welchen Bereichen der knappe, grüne Wasserstoff tatsächlich notwendig sei und wo es sinnvollere Alternativen gebe. „Es gibt Sektoren wie die Schifffahrt auf den Weltmeeren, da ist Wasserstoff unumgänglich“, so Lauber. „Wasserstoff zur Wärmegewinnung zu nutzen ist nicht die oberste Priorität.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×