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08.06.2022

19:30

Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel

„Maximal zur Unzeit“: Bund und Kommunen streiten über künftige Nutzung der Erdgasnetze

Von: Ben Mendelson

Deutschland soll unabhängiger vom Erdgas werden. Doch noch ist ungeklärt, was mit dem Netz geschieht, wenn keine fossilen Brennstoffe mehr fließen.

Zur Planung zum Rückbau des Gasnetzes: „Dass das auf so viel kritische Resonanz stößt, zeigt ja, dass wir da offensichtlich vor einem Problem stehen.“  Foto Vogt

Wirtschafts-Staatssekretär Oliver Krischer

Zur Planung zum Rückbau des Gasnetzes: „Dass das auf so viel kritische Resonanz stößt, zeigt ja, dass wir da offensichtlich vor einem Problem stehen.“

Essen Gedankenspiele aus dem Bundeswirtschaftsministerium zum Rückbau des deutschen Gasnetzes sorgten zuletzt für massive Kritik der Netzbetreiber. Auf dem Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel in Essen reagierte Oliver Krischer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, auf den Gegenwind aus der Branche. „Dass das auf so viel kritische Resonanz stößt, zeigt ja, dass wir da offensichtlich vor einem Problem stehen“, sagte Krischer.

Man müsse darüber diskutieren, welche Teile des heutigen Erdgasnetzes weiter genutzt und in die vorhandene Wasserstoffinfrastruktur integriert werden können. Krischer warnte aber auch vor der Vorstellung, das Gasnetz lasse sich per Knopfdruck in ein Wasserstoffnetz verwandeln, „und dann ist die Welt mit Wasserstoff genauso, wie wir das jetzt mit Erdgas haben“. Stadtwerke und Netzbetreiber müssten vielmehr genau darauf achten, wie sie ihre Investitionsentscheidungen treffen.

Im Kern steht der Konflikt um die Heizung der Zukunft: Soll künftig mit Wasserstoff über die alten Gasnetze geheizt werden – oder mit elektrischen Wärmepumpen? Das Bundeswirtschaftsministerium bevorzugt die zweite Option – für die nur noch ein wesentlich kleineres Gasnetz gebraucht würde, als heute in Betrieb ist.

Krischers Kollege als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Patrick Graichen, hatte den lokalen Energieversorgern daher Mitte Mai nahegelegt, bereits mit den Planungen für den Rückbau der Gasnetze zu beginnen. Denn 2045 werde „natürlich (...) kein Gas mehr in den Netzen sein“, sagte Graichen auf der Handelsblatt-Tagung Stadtwerke 2022. Heizungen in Privathaushalten durch Gasnetze mit grünem Wasserstoff zu versorgen sei eine „Träumerei“.

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    Wenige Tage später kritisierten Vertreter kommunaler Unternehmen Graichens Äußerungen in der „Welt am Sonntag“. Der Chef des Branchenverbands der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft, Gerald Linke, warf dem Staatssekretär vor, „von Ideologie getrieben“ zu sein. Das Wirtschaftsministerium versuche, Wärmepumpen „mit aller Gewalt in den Markt zu drücken“, für Wärmekunden werde es „nur teuer, sehr teuer“.

    Empörte Reaktion der Stadtwerke

    Ingbert Liebing, der als Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) mehr als 900 Stadtwerke vertritt, kritisierte Graichens Pläne als „nicht zielführend“. Die Gasnetz-Infrastruktur sei Hunderte Milliarden Euro wert und könne auch bei einer klimaneutralen Energieversorgung „eine wichtige Rolle spielen“, etwa durch die Lieferung von grünem Wasserstoff. Benötigt werde „zuerst eine machbare Perspektive“ für Millionen Haushalte.

    Der CTO des Fernleitungsnetzbetreibers Open Grid Europe, Thomas Hüwener, schloss sich der Kritik auf dem Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel an: Die Aussagen aus dem Bundeswirtschaftsministerium kämen „maximal zur Unzeit“. Es gehe darum, Lösungen anzubieten und nicht dogmatisch auf rein elektrische Lösungen zu drängen. Für einen Gasnetzbetreiber, der bereits den Rückbau seines Netzes plane, stehe auch die Wirtschaftlichkeit des heutigen Betriebs infrage. Alle Beteiligten müssten nun in Ruhe über die Zukunft des Gasnetzes debattieren.

    Tatsächlich gibt es Probleme mit beiden Lösungen: Experten bezweifeln, dass sich Heizungen flächendeckend wirtschaftlich lohnenswert mit Wasserstoff betreiben lassen. Gleichwohl sind auch Wärmepumpen aktuell noch nicht geeignet, in allen Haushalten zeitnah als einzige Heizung eingesetzt zu werden.

    Vonovia-Chef Rolf Buch bemängelt Wärmepumpen-Bürokratie

    Wirtschaftsstaatssekretär Krischer plädierte auf dem Wasserstoff-Gipfel dennoch erneut für Wärmepumpen. Etwa in der Eifel und in Einfamilienhausgebieten am Stadtrand müsse auf Wärmepumpen gesetzt werden. Es werde „nicht die Technologie der Wahl sein, mit einer Wasserstoffheizung in Zukunft das Haus zu versorgen“.

    Die Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur (BNetzA), Barbie Haller, bemühte sich um Vermittlung mit den Netzbetreibern. Sie müssten frühzeitig eingebunden werden und wissen, „dass sie auch bis zum Ende der Nutzung der Gasinfrastruktur lebensfähig und einnahmefähig sind“. Aktuell sei die BNetzA noch im Krisenmodus. Die Frage, was mit den Verteilnetzen oder den Fernleitungsnetzen auf lange Sicht passiert, werde ab 2023 „sehr weit oben auf der Agenda stehen“.

    Der Vonovia-Chef beim Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel.  Foto Vogt

    Rolf Buch (r.)

    Der Vonovia-Chef beim Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel.

    Vonovia-CEO Rolf Buch berichtete noch von ganz anderen Problemen mit Wärmepumpen aus der Praxis: Der Wohnungsbaukonzern habe im vergangenen Jahr zahlreiche Wärmepumpen verbaut und entsprechende Anträge gestellt, doch „90 Prozent der im letzten Jahr beantragten Wärmepumpen sind noch nicht genehmigt“. Die Anlagen stünden also einsatzbereit in den Häusern, „aber wir verfeuern weiter Putins Gas“, kritisierte Buch.

    Bei der Hälfte der Wärmepumpenanträge habe sich nach sechs Monaten noch niemand bei Vonovia gemeldet. Das liege nicht an bösem Willen, sondern sei eine Kapazitätsfrage. Die langsamen Genehmigungsverfahren bei Wärmepumpen könnten für den Klimaschutz allerdings zu einem „Riesenproblem“ werden, warnte Buch.

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