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28.04.2022

17:17

Hauptversammlung

Aktivistische RWE-Aktionäre scheitern mit Forderung nach Kohle-Abspaltung

Von: Kathrin Witsch

Enkraft Capital und Bluebell wollen RWE grüner machen, bekommen aber keine Unterstützung. Für die Idee einer Kohlestiftung zeigt sich der Konzern dagegen offen.

RWE: Ortschaft Lützerath am Tagebau Garzweiler dpa

Ortschaft Lützerath am Tagebau Garzweiler

Der letzte Landwirt in dem Ort Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler hat seinen Hof und die damit direkt verbundenen Flächen an den Betreiber des Tagebaus, RWE, verkauft. 

Düsseldorf RWE-Chef Markus Krebber hat eigentlich allen Grund für gute Laune. Immerhin kann er bei seiner ersten Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender von Deutschlands größtem Energieversorger den Aktionären gute Zahlen präsentieren. Mehr Umsatz, mehr Gewinn, eine höhere Dividende und eine grüne Strategie für die Zukunft des einstigen Kohlekonzerns. 

Wenn da nicht der kleine aktivistische Investor Enkraft Capital wäre. Vor der Hauptversammlung am Donnerstag hatte der Mini-Aktionär erneut die Abspaltung des Kohlegeschäfts gefordert und auf die Tagesordnung setzen lassen. Von den Aktionären gab es dafür allerdings ein klares Nein. Für den Antrag hätten 2,44 Prozent gestimmt, dagegen 97,56 Prozent, sagte Aufsichtsratschef Werner Brandt.

Seit einem Jahr versucht Enkraft Capital, die Abspaltung der Kohlesparte von RWE zu erreichen. Obwohl der Investor nur 0,03 Prozent der Aktien hält, schafft er es mit Briefen an Aufsichtsrat und Vorstand immer wieder, zum Gesprächsthema zu werden.

Der Wandel des Geschäftsmodells von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern gehe nicht schnell genug, argumentiert der Investor. Vor allem Braunkohle und Kernkraft würden so zum finanziellen Risiko für RWE

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    „Agieren mit der Brechstange ohne Rücksicht auf politische und rechtliche Hürden ist keine Lösung. Jede Planänderung mit der Braunkohle kann nur mit Einwilligung der Politik erfolgen“, betonte RWE-Chef Krebber in seiner Rede. Man teile das Ziel des Investors, den Wert des Unternehmens zu steigern, eine Abspaltung der Braunkohle-Sparte trage dazu aber in keinem Fall bei.

    Große Aktionäre kritisieren Vorstoß der Aktivisten

    Vorstand und Aufsichtsrat von RWE, die kommunalen RWE-Aktionäre und auch große Stimmrechtsberater wie Glass Lewis und ISS haben sich gegen den Antrag Enkrafts ausgesprochen. „Wir möchten nicht die Handlungsoptionen des Managements per formalen Beschluss begrenzen und durch harte zeitliche Ziele und Offenlegung von Informationen die Verhandlungsposition von RWE schwächen“, sagt auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, laut dem zuvor veröffentlichen Redetext auf der Hauptversammlung. Daher stimme man gegen den Aktionärsantrag von Enkraft. 

    Der Leiter Nachhaltigkeit/ESG im Portfoliomanagement von Union Investment, Henrik Pontzen, lehnte den Vorstoß ebenfalls ab: „Der Umwelt ist nicht geholfen, wenn RWE weniger CO2 emittiert und dafür ein anderer Eigentümer die rheinische Braunkohle verstromt.“

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    Dennoch steigt der Druck auf RWE. Auch Bluebell Capital Partners, ebenfalls ein aktivistischer Minderheitsaktionär, appellierte in einem Schreiben ebenfalls an das Management, das Geschäft mit der Kohle vom Rest des Unternehmens abzuspalten. „Wir stimmen mit den Argumenten von Enkraft nicht überein, aber das Ziel ist dasselbe“, sagte ein Vertreter von Bluebell im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Man werde aber gegen den Antrag von Enkraft stimmen, da man nicht der Auffassung sei, dass Aktionäre dem Aufsichtsrat die Kohleabspaltung vorschreiben sollten. In einem Schreiben an die Unternehmensführung betont Bluebell allerdings auch, dass die Argumente für eine Ablehnung des Vorschlags von RWE falsch seien.

    „Aufgrund des langen Zeithorizonts der Umstellung auf erneuerbare Energien, der schieren Größe der erforderlichen Investitionen, des erhöhten Engagements der Kreditgeber und vor allem des generellen Verbots der meisten Kapitalmarktanbieter, Kredite an Unternehmen zu vergeben, die in der Kohleindustrie tätig sind, kann das Ausführungsrisiko nicht überschätzt werden“, heißt es dort. Der Brief liegt dem Handelsblatt vor. Dieses Risiko zu ignorieren sei „völlig leichtsinnig“. 

    Die Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen RWE-Aktionäre (VKA), Ingolf Graul und Udo Mager, widersprachen dieser Darstellung in einem Interview vor der Hauptversammlung. Das Gegenteil sei der Fall: „Das Ruder kann nicht von heute auf morgen herumgerissen werden. Ein solcher Weg bedarf einer abfedernden Flankierung“, betonte Graul. Er verwies auf die Folgen für Arbeitsplätze, regionale Wirtschaft und Gewerbesteuern.

    Offen zeigte sich RWE allerdings gegenüber der Idee einer Kohlestiftung. Die hatte die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag ins Spiel gebracht. „Geprüft wird die Errichtung einer Stiftung oder Gesellschaft, die den Rückbau der Kohleverstromung und die Renaturierung organisiert“, heißt es dort am Ende des Abschnitts „Kohleausstieg“. 

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    Hinter der Formulierung verbirgt sich laut Branchenkreisen der Plan für ein kompliziertes Tauschgeschäft, in dem die Betreiber des Braunkohletagebaus und der Kraftwerke die Kontrolle über ihre Assets verlieren, sich andererseits aber auch unkalkulierbarer Risiken entledigen könnten.

    Details sind bislang allerdings nicht bekannt. „In die Diskussionen um eine mögliche Umsetzung bringen wir uns aktiv ein“, sagte Finanzvorstand Michael Müller auf der virtuellen Hauptversammlung. „Wir freuen uns, dass der Vorstand mittlerweile die von uns im September ins Gespräch gebrachte Stiftungslösung vom Vorstand der RWE als die favorisierte Struktur zur schnellen Abtrennung der Braunkohleaktivitäten angesehen wird“, sagte Enkraft-CEO Benedikt Kormaier am Donnerstag. Der Vorstand stehe nun unter Druck zu liefern. 

    Mit ihren Forderungen treffen Enkraft und Co. aber auch ohne erfolgreiche Abstimmung einen Nerv. Das Tempo des Umbaus hin zu erneuerbaren Energien geht auch anderen Investoren zu langsam. „Die Art und Weise, wie der Konzern Strom produziert, ist nicht zukunftsfähig. Das Ziel, Klimaneutralität bis 2040 herzustellen, ist in weiter Ferne“, kritisierte Speich von Deka Investment.

    RWE dürfe sich nicht auf seinen Klimazielen ausruhen, müsse seine Emissionen schneller senken. Glaubwürdige Transformation bedeute, dass ambitionierte Ziele verlässlich verfolgt würden, betonte Henrik Pontzen von Union Investment.

    Erklärtes Ziel der neuen RWE-Strategie „Growing Green“ ist es, bis 2030 insgesamt 50 Milliarden Euro in das neue Kerngeschäft mit erneuerbaren Energien, Erdgas und Wasserstoff zu investieren. Außerdem sollen die grünen Kapazitäten von aktuell 25 auf 50 Gigawatt wachsen. Dabei will RWE den Profit aus dem Kerngeschäft bis 2030 im Vergleich zum laufenden Geschäftsjahr auf bis zu fünf Milliarden Euro verdoppeln.

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    Von den insgesamt fast 3,7 Milliarden Euro, die das Unternehmen im vergangenen Jahr investiert hat, flossen immerhin 83 Prozent in Windkraft und Solarenergie. Größter Einzelposten waren die Investitionen in den britischen Nordsee-Windpark Triton Knoll.

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