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03.02.2022

06:30

Kernfusion

Siemens Energy, Trumpf und Thales: Fusions-Start-up Marvel Fusion holt sich Verstärkung

Von: Kathrin Witsch

Das Münchener Unternehmen will die Kernfusion mithilfe von Industriespezialisten schneller vorantreiben. Marvel sammelt zudem frisches Kapital ein.

Die Kernfusion ist nicht weniger als der Traum von einer Energiequelle wie der Sonne – nur auf der Erde. (Illustration: ESO/dpa) dpa

Kernfusion

Die Kernfusion ist nicht weniger als der Traum von einer Energiequelle wie der Sonne – nur auf der Erde. (Illustration: ESO/dpa)

Düsseldorf Die Idee der Kernfusion klingt verlockend: Atomenergie, sicher und unerschöpflich. Das Start-up Marvel Fusion hat es sich zur Aufgabe gemacht, den seit Jahrzehnten unerfüllten Traum der Fusionsenergie wahr werden zu lassen. Das Projekt begeistert auch Investoren: 35 Millionen Euro sammelt Marvel Fusion jetzt ein, Hauptinvestor ist die Wagniskapitalfirma Earlybird.

Es ist eine große Summe für eine Firma, die doch mehr ein Forschungsprojekt ist als, dass sie schon ein Geschäftsmodell vorweisen könnte. „Wir sind zuversichtlich, dass Marvel Fusion im Rennen um die Kommerzialisierung fusionsbasierter Elektrizität vorn liegen wird und zum globalen Champion made in Europe aufsteigt“, sagt Earlybird-Mitgründer Hendrik Brandis, der in den Beirat des Start-ups einzieht. 

Mit an Bord sind auch der Risikofonds Blue Yard Ventures und der Investor Albert Wenger. BMW-Erbin Susanne Klatten ist mit ihrer Investmenttochter Skion Ende 2020 hingegen ausgestiegen.

Die Technologie steht noch am Anfang, die Entwicklung vor hohen Hürden. Deswegen holt sich das Münchener Unternehmen jetzt auch Expertise von Branchenführern. Der Energiekonzern Siemens Energy, Laserhersteller Trumpf und Technologiespezialist Thales sollen der Kernfusion zum Durchbruch verhelfen. „Durch die Zusammenarbeit mit starken Industriepartnern können wir die Entwicklung unserer neuartigen Fusionstechnologie erheblich beschleunigen“, sagt Marvel-Fusion-CEO Moritz von der Linden. 

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    So soll Siemens Energy bei der Entwicklung eines kommerziell tragfähigen Kraftwerkdesigns und Technologien zur Umwandlung von Fusionsenergie in Elektrizität helfen, während Trumpf und Thales die Entwicklung und Produktion von Lasersystemen im industriellen Maßstab voranbringen sollen.

    Die Fusionskraft ist so etwas wie der heilige Gral der Energiewelt, der Traum einer künstlichen Sonne auf Erden. Im Innern unseres Zentralsterns verschmelzen Wasserstoffkerne zu Heliumkernen und setzen dabei jede Menge Energie frei. Bisher ist jeder Versuch, diese Fusion auf der Erde zu erzeugen, gescheitert. 

    Grafik

    Mehrere Start-ups glauben, die Lösung in einem neuen Ansatz gefunden zu haben: hochleistungsfähige Laser. Die müssen allerdings erst noch entwickelt werden. „Die exponentiellen Entwicklungen bei Lasern sind der Schlüssel für den neuartigen Fusionsansatz von Marvel Fusion“, glaubt auch Peter Leibinger, Chief Technology Officer von Trumpf. In seinen Augen ist die Fusionsenergie „ein wichtiger Baustein für die Energiesouveränität von Europa und Deutschland“. 

    An der Zukunftstechnologie versuchen sich nicht nur europäische Unternehmen. Auch HB11 Energy aus Australien arbeitet an der Entwicklung eines Superlasers. Bislang konzentrierten sich die Versuche in der Fusionsenergie an einem magnetbasierten Ansatz. 

    Zum Beispiel im südfranzösischen Cadarache, wo Wissenschaftler aus zwei Dutzend Staaten schon lange daran arbeiten, den Prozess mit dem „Iter“-Reaktor in Gang zu bekommen. Die Magnete sollen in extrem heißen Plasmawolken eine nukleare Fusion erzeugen. Auch das chinesische Projekt EAST (Experimental Advanced Superconducting Tokamak) will Fusionsenergie mit Magnetfeldern produzieren. 

    Mit einem etwas anderen Ansatz geht das kalifornische Unternehmen TAE vor. Mithilfe eines Teilchenstrahls sollen die Elemente Bor und Wasserstoff in einer Fusionskammer bis zum Plasmazustand erhitzt und so zur Fusion gebracht werden. Laut TAE hat der Reaktor mit dem Namen „Norman“ jeden Monat mehr als 600 Experimente durchgeführt und sich dabei selbst mit Energie versorgt. 

    2030 soll die erste kommerzielle Anlage stehen. 20 Jahre lang arbeitet TAE schon an seinem Ziel. Bis dato kostete die Entwicklung 880 Millionen Dollar. „Das ist wissenschaftlich spannend, aber meilenweit weg von einem Durchbruch“, sagt Hartmut Zohm vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching im Gespräch mit dem Handelsblatt. An eine kommerzielle Anlage bis 2030 glaubt er nicht. 

    Insgesamt gibt es weltweit mehr als 30 Privatunternehmen, die an der Entwicklung der Fusionsenergie arbeiten. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Ein stabiler, reproduzierbarer Prozess ist bislang nicht gelungen, eine positive Energiebilanz in weiter Ferne. Nach jetzigem Stand ist frühestens 2035 mit einem ersten Versuchsreaktor zu rechnen. Das ist weit entfernt von einer kommerziellen Nutzung. So verbraucht die Forschung vor allem viel Energie, bevor sie welche erzeugt.

    Marvel Fusion lässt sich davon nicht beirren. Die Münchener glauben, den entscheidenden Unterschied in der Form des Treibstoffs gefunden zu haben. Während Iter und andere Projekte auf der Grundlage von Deuterium- und Tritium-Atomen arbeiten, sind Marvel Fusion, HB11 Energy und TAE überzeugt, durch zwei Elemente fast ohne schädliche Strahlung zum Erfolg kommen zu können. Beim Einsatz von Wasserstoff und Bor wird Helium statt Neutronen freigesetzt. Eine Radioaktivität wäre damit kaum mehr gegeben. 

    Ein riskantes Unterfangen

    „Bei Marvel Fusion geht es im Kern um zwei Dinge: Sie müssen einen Laser entwickeln, den es noch nicht gibt und Fusionsenergie erzeugen“, sagt Zohm. Mit Technikchef Georg Korn habe man in Sachen Lasertechnik einen der besten Entwickler an Bord. „Der kann das bauen“, ist Zohm überzeugt. Nur, dass am Ende tatsächlich eine Fusion stattfindet, daran glaubt der Physiker noch nicht. 

    Denn für seinen ehemaligen Chefwissenschaftler Markus Roth hat Marvel Fusion in seinen Augen noch keinen adäquaten Ersatz gefunden. Der Physiker von der TU Darmstadt gehörte zu den wichtigsten Köpfen des Start-ups, hatte Marvel Fusion Ende März 2020 jedoch überraschend verlassen. Er wolle sich wieder mehr seiner universitären Forschung widmen, hieß es als Begründung. Sein Forschungsfeld: die Laserfusion auf Basis von Deuterium und Tritium. Siemens Energy, Trumpf und Thales könnten Marvel Fusion in der Entwicklung weiterhelfen. Aber der Traum von der Fusionsenergie bleibt ein Wagnis. 

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