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06.12.2020

13:37

Mentoring-Netzwerk

„Silberrücken“ beraten Start-ups: Warum Ex-Manager jungen Energiefirmen helfen

Von: Jürgen Flauger

Sie haben Innogy oder EnBW geführt: Jetzt stehen Ex-CEOs wie Uwe Tigges jungen Energiefirmen zur Verfügung – in einem neuen Mentoring-Netzwerk.

Uwe Tigges hat bis vor einem Jahr Innogy geführt. Jetzt engagiert er sich im E-Combinator für junge Energie-Start-ups. dpa

Uwe Tigges

Uwe Tigges hat bis vor einem Jahr Innogy geführt. Jetzt engagiert er sich im E-Combinator für junge Energie-Start-ups.

Düsseldorf Manche Geschäftsideen können noch so gut sein, ohne die richtige Unterstützung zum Start reicht es nicht für den wirtschaftlichen Durchbruch. Die Geschäftsidee von Suncrafter etwa setzt an einem boomenden Markt an und löst ein drängendes Problem: E-Scooter werden immer beliebter, zum Laden müssen die Mini-Elektroroller aber aufwendig eingesammelt und anschließend wieder verteilt werden.

Das Start-up aus Berlin hat dezentrale Sammel- und Ladestationen für E-Scooter und E-Bikes entwickelt. Auf einer Grundfläche von gerade einmal einem Quadratmeter stehen Solarmodule, die unabhängig vom Stromnetz aufgestellt werden und bis zu vier Scooter gleichzeitig laden. Mit diesen „Smart-City-Hubs“ ließe sich rasch diese „Off Grid“ genannte Form der Ladeinfrastruktur für die boomende Mikro-E-Mobilität aufbauen – modular erweiterbar und aus der Ferne zu steuern.

„Unser Geschäftsmodell ist durchaus ambitioniert“, räumt Suncrafter-CEO Lisa Wendzich ein. Man brauche das Wohlwollen der Kommunen, müsse mit Stadtwerken gut auskommen, würde am besten mit Nahverkehrsunternehmen kooperieren – und auch mit den Sharing-Anbietern. „Unterstützung können wir gut gebrauchen“, sagt die 32-Jährige. Diese Unterstützung bekommt sie jetzt – von hochrangigen Experten aus der Energiebranche.

Suncrafter hat sich bei E-Combinator, einer neuen Initiative für die Energiebranche, beworben. Die will Start-ups aus dem Energiebereich mit zwei erfolgskritischen Faktoren versorgen: Know-how und Kontakten.

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    Beides liefern teilweise echte Branchengrößen, ehemalige Manager, die sich als Mentoren zur Verfügung stellen: Uwe Tigges, bis vor einem Jahr noch Chef von Innogy, ist beispielsweise dabei, sein ehemaliger Vorstandskollege Hans Bünting oder auch Ex-EnBW-Chef Hans-Peter Villis. Aber auch noch aktive Manager sind engagiert, als Experten – und um den Start-ups bei der Suche nach Partnern zu helfen. Das Angebot ist kostenlos, alle Manager engagieren sich ehrenamtlich.

    Die Energiebranche bietet Start-ups große Chancen. Energiewende und Digitalisierung erfordern neue Produkte und Dienstleistungen. Die Branche ist für Newcomer gleichzeitig schwierig: Die Platzhirsche sind konservativ, der Innovationsdruck war über große Zeiträume eher gering, die Auftragszyklen sind lang. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man von den etablierten Unternehmen erst einmal belächelt wird, wenn man eine Off-Grid-Lösung hat“, berichtet Suncrafter-Chefin Wendzich.

    Das Mentoring- und Innovationsnetzwerk unterstützt die Energie-Start-ups individuell nach deren Bedürfnissen: Die Mentoren und Experten geben fachlichen Input zum Produkt, zur Vermarktung oder zum Umgang mit Investoren. Das Netzwerk hilft aber auch bei der Suche nach Pilotkunden oder Partnern aus der Branche.

    Suncrafter will ein Netz an dezentralen Ladestationen für E-Scooter und E-Bikes aufbauen.

    Smart City Hub

    Suncrafter will ein Netz an dezentralen Ladestationen für E-Scooter und E-Bikes aufbauen.

    „Programme für Start-ups gibt es viele – aber es ist schwierig, die Richtigen zu finden“, sagt Matthias Hoffmann. Der 39-Jährige hat zusammen mit Sebastian Hopp, 44, den E-Combinator initiiert. Die beiden haben bis zum Jahreswechsel bei Innogy gearbeitet und sind im Zuge der Übernahme durch Eon ausgeschieden.

    Hoffmann weiß, wie schwierig es für Energie-Start-ups ist, mit den traditionellen Versorgern zusammenzukommen. Er selbst hat zwölf Jahre lang für Innogy und den ehemaligen Mutterkonzern RWE gearbeitet. In den vergangenen fünf Jahren war er für digitale Produktentwicklung und Innovation im Vertrieb verantwortlich.

    Investoren stehen bereit, es fehlt an Know-how

    „Das Geld ist meistens nicht das Problem. Potenzielle Investoren gibt es genügend“, sagt Hoffmann: „Was fehlt, sind das Know-how, eine zielgenaue Beratung – und die richtigen Kontakte.“

    Der E-Combinator richtet sich an Start-ups, die schon die ersten Schritte hinter sich haben, deren Produkt steht, die vielleicht auch schon die ersten Investoren haben – aber bei denen es jetzt um die kritischste Phase geht – die Umsetzung im Markt.

    So wie bei Suncrafter. Lisa Wendzich hat das Unternehmen 2019 zusammen mit Bryce Felmingham gegründet. Anfangs arbeitete das Start-up noch an unterschiedlichen Off-Grid-Produkten, also der Stromversorgung, wo keine Stromleitungen liegen. Aus ausrangierten, noch funktionsfähigen Solarmodulen entwarfen sie kleine Stromerzeuger für die Entwicklungshilfe und den Eventbereich. Inzwischen konzentrieren sie sich auf die Mikromobilität.

    Lisa Wendzich hat Suncrafter 2019 gemeinsam mit Bryce Felmingham gegründet.

    Suncrafter-Gründer

    Lisa Wendzich hat Suncrafter 2019 gemeinsam mit Bryce Felmingham gegründet.

    „Wir wollen ein Netzwerk von vielen, aber sehr kleinen Ladestationen etablieren“, sagt Wendzich. 15 Smart-City-Hubs sind schon produziert, erste Kontakte geknüpft. So zeigt sich etwa Bochum interessiert.

    Das österreichische Start-up EET bietet flexible Solarpanelen, die sich auch an Balkone hängen lassen.

    Solmate

    Das österreichische Start-up EET bietet flexible Solarpanelen, die sich auch an Balkone hängen lassen.

    Noch haben die Anlagen und vor allem die Software aber Optimierungsbedarf – und auch Investoren hätte der Newcomer gerne. Das Know-how von erfahrenen Managern könne man gut gebrauchen, räumt Wendzich ein: „Wir erhoffen uns Feedback und Kontakte, die uns Türen öffnen können“, sagt die Gründerin: „Das sind ja schon Schwergewichte, die sich beim E-Combinator engagieren.“

    Uwe Tigges ist ein „Silberrücken“, wie er sich selbst bezeichnet. Er wolle seine Erfahrung bereitstellen, sein Netzwerk, seine Kontakte und als Mentor und Sparringspartner jungen Unternehmen helfen, sagt der ehemalige CEO von Innogy: „Natürlich habe ich Zugänge zu den Unternehmen, die ein Start-up nicht haben kann.“ Er kenne viele der handelnden Personen und wichtige Ansprechpartner.

    Manager von Eon, Innogy oder EnBW engagieren sich in der Initiative

    Schließlich liegt es nicht nur an den Jungunternehmen, wenn sie nicht ausreichend Gehör finden. „Ich weiß, wie schwierig sich die Energiebranche mit Start-ups tut“, sagt Tigges: „Es gibt viele tolle Ideen, aber es ist sehr schwierig, durch das Dickicht der Organisationen zu kommen.“

    Innogy hatte deshalb eine eigene Start-up-Einheit aufgebaut, war sogar im Silicon Valley präsent. „Das war aber auch ein Spannungsfeld“, erinnert sich Tigges. Je mehr Freiraum die Start-ups hatten, umso schwieriger wurde teilweise die Integration.

    Gerade die Energiebranche könne innovative Produkte und Dienstleistungen gut gebrauchen, sagt der Ex-CEO: „Die Branche tut sich aber schwerer als andere, etwas Neues auszuprobieren. Über Jahrzehnte war sie einfach auf Versorgungssicherheit gedrillt.“ In der Energiebranche habe man traditionell in Jahrzehnten gedacht, Kraftwerke mussten 30, 40 oder 50 Jahre lang Strom produzieren: „Jetzt ist aber eine ganz andere Geschwindigkeit für Innovationen nötig.“

    Jeder Mentor hat Fachthemen benannt. Bei Tigges sind es das Netz, Personal und Smart Home. Der 60-Jährige arbeitet wie alle anderen Ex-Manager und Experten ehrenamtlich.

    „Alle Manager, die mitmachen, haben sich bereit erklärt, pro Monat mindestens zwei Stunden für ein Start-up zur Verfügung zu stehen“, sagt Hoffmann. Eine erste Bewerbungsrunde ist abgeschlossen – zum Thema Solarenergie. Fast 20 Start-ups haben sich beworben, vier durften ihr Unternehmen Anfang Oktober in einem virtuellen Pitch präsentieren, zwei wurden ausgewählt: Neben Suncrafter auch die EET – Efficient Energy Technology GmbH aus Österreich.

    „Wir bieten eine Photovoltaik- und Speicherlösung für jedes Zuhause. Selbst für Stadtbewohner ohne eigenes Dach“, sagt Christoph Grimmer, Gründer und CEO von EET. Solemate ist eine Art dünne Solarmatte, die über den Balkon gehängt werden kann. Der selbst produzierte Strom wird über einen kleinen Stromspeicher inklusive Wechselrichter ins Hausnetz eingespeist.

    In Österreich kann das Produkt an jede Steckdose, in Deutschland muss lediglich eine Sicherheitssteckdose installiert werden. Nach einer Anmeldung beim Netzbetreiber können selbst Besitzer und Mieter von Eigentumswohnungen ihren eigenen Strom produzieren.

    EET ist schon weiter als Suncrafter. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet und brachte im Februar die erste Serie von 500 Solemates auf den Markt. Mit Erfolg: Innerhalb eines Monats waren die Geräte, die je nachdem, ob mit oder ohne Speicher, zwischen 500 und 2500 Euro kosten, vergriffen.

    „Unser Geschäftsmodell an sich müssen wir sicher nicht überprüfen lassen“, sagt Grimmer: „Der Marktstart ist uns ja schon geglückt, aber wir wollen unser Geschäft skalieren und denken auch schon an die nächsten Produkte.“

    EET will expandieren, drängt auf den deutschen Markt, nach Italien und die Iberische Halbinsel. Eine zweite Generation von Solemates ist auch schon geplant. Dafür könne man das Know-how von erfahrenen Managern gut gebrauchen, sagt Grimmer. Vom E-Combinator erhoffe man sich zudem „gute Kontakte zu Energieversorgern und Netzbetreibern“.

    Und EET hat zwar einen ersten Investor. Der österreichische Familienunternehmer Klaus Fronius hat sich mit zehn Prozent beteiligt. Für das geplante Wachstum könne man zusätzliche Investoren aber gut gebrauchen“, sagt Grimmer.

    Suncrafter und EET bekommen ein Team von drei, vier Experten zur Seite gestellt, das in einem ersten Termin mit dem Start-up in den Clinch geht. „Da wird das Geschäftsmodell gut vier Stunden lang durchgesprochen“, sagt Hoffmann, „Das Start-up wird richtig auf links gedreht.“

    Anfang kommenden Jahres steht die nächste Bewerbungsrunde an. Dieses Mal zu den Themen Mobilität und Daten.

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