MenüZurück
Wird geladen.

12.08.2019

16:38

Milliarden-Deal

Saudi Aramco auf Übernahmekurs: So will der arabische Staatskonzern expandieren

Von: Mathias Brüggmann

Saudi-Arabiens Ölriese ist trotz Gewinnrückgang noch immer das profitabelste Unternehmen der Welt – und will sein Geschäft nun weiter ausweiten.

Saudi Aramco steigt beim indischen Mischkonzern Reliance ein Reuters

Saudi Aramco

Ölgiganten aus dem Nahen Osten wie Saudi Aramco expandieren in nachgelagerte Bereiche, um sich von reinen Produzenten zu stärker integrierten Energieunternehmen zu entwickeln.

Berlin Donald Trump, Iran, Russland – die Liste mächtiger Politiker und Länder ist lang, auf die Amin Nasser Rücksicht nehmen muss. Doch der CEO von Saudi Aramco hat sich natürlich in erster Linie von den Interessen des saudischen Königs Salman Abdulaziz Al Saud leiten zu lassen, denn der weltgrößte Ölförderer ist die Haupteinnahmequelle der größten Volkswirtschaft am Golf.

Jahrzehntelang wurde der Staatskonzern wie eine Privatschatulle des Königshauses von Saudi-Arabien betrachtet. Doch nun will das Unternehmen endlich in der globalisierten Welt ankommen.

Ende 2020 bis Mitte 2021 soll Aramco den zwischenzeitlich abgeblasenen Börsengang nach dem Willen von Kronprinz Mohammed bin Salman nachholen. Und um fit dafür zu werden, hielt der Megakonzern mit Sitz in Dhahran im Osten des Königreichs am Montag den ersten Investoren-Call zu den Halbjahreszahlen des Unternehmens ab. Nasser musste da gleich den Rückgang des Nettogewinns um zwölf Prozent auf 46,9 Milliarden Dollar verteidigen. Allerdings bleibt Aramco damit noch immer Weltmeister im Geldverdienen: Apple verbuchte im ersten Halbjahr im Vergleich dazu einen Nettogewinn von 31,5 Milliarden Dollar.

Noch im April, als Aramco die mit zwölf Milliarden Dollar größte Unternehmensanleihe eines Konzerns aus einem Emerging Market emittierte, gab der Konzern einen Nettogewinn für 2018 von 111,1 Milliarden Dollar bekannt. Damit war er so hoch wie die Profite von Apple, Google und Exxon-Mobil zusammen. Die Anleihe war mit Geboten von 100 Milliarden Dollar so überzeichnet wie keine zuvor.

Nasser machte für den Gewinnrückgang im ersten Halbjahr die gefallenen Ölpreise verantwortlich. Das treffe den Konzern, der mit durchschnittlich zehn Millionen Barrel so viel Rohöl fördert wie kein anderer Energiekonzern. Allerdings seien dies „solide Einnahmen“, die einen „starken Cashflow“ gebracht hätten, so Nasser.

Grafik

Der Konzernchef bekam zudem Rückenwind aus Indien: Asiens reichster Mann, Mukesh Ambani, gab auf der Hauptversammlung seines indischen Mischkonzerns Reliance am Montag in Mumbai bekannt, dass Aramco einen 20-prozentigen Anteil der Öl- und Chemikaliensparte von Reliance übernehme. Teil des auf 15 Milliarden Dollar taxierten Deals ist auch die Lieferung von 500 000 Barrel (je 159 Liter) saudischen Rohöls von Aramco an Reliance.

Indiens größtes Privatunternehmen, das auch stark im Telekomsektor vertreten und deshalb ziemlich verschuldet ist, und ebenso im Textil- und Pharmageschäft präsent ist, betreibt die mit einer Kapazität von 1,2 Millionen Fass täglich größte Raffinerie der Welt im indischen Jamnagar. Zu Beginn der Verhandlungen über Aramcos Einstieg in die Petrosparte von Reliance Anfang April war laut „Times of India“ noch von einer Beteiligung von 25 Prozent für zehn bis 15 Milliarden Dollar die Rede.

„Die Beteiligung an Reliance ist Teil unserer globalen Wachstumsstrategie“, unterstrich Aramcos CFO, Khalid Al Dabbagh, in der Telefonkonferenz mit Investoren am Montag. Indien sei ein exzellenter Wachstumsmarkt mit steigendem Ölbedarf.
Indien ist neben China ein Schlüsselmarkt, den Aramco erobern soll – vor allem auf Druck von US-Präsident Trump. Der will dem Iran alle Ölexporte vereiteln und hat sie unter Sanktionen gestellt. China und Indien waren bisher Irans größte Ölkunden und brauchen für einen politisch erzwungenen Importstopp Ersatzlieferanten. Da kommt Saudi-Arabien ins Spiel.

Allerdings musste das Land in Absprache mit Russland seine Ölexporte zuletzt reduzieren. Im sogenannten „Opec-Plus“-Verfahren, also Absprachen des Ölexportkartells Opec mit anderen Lieferanten wie Russland, wurde Anfang Juli eine Fördermengenbegrenzung verlängert.

Zugleich will Aramco seine Ölverarbeitung ausweiten und investiert hier massiv. Für 69,1 Milliarden Dollar kaufte Aramco im März 70 Prozent des saudischen Petrochemiekonzerns Sabic (Saudi Basic Industries) vom Staatsfonds Public Investment Fonds (PIF). 30 Prozent der Sabic-Aktien werden an Riads Börse Tadawul gehandelt.

Gasgeschäft soll massiv wachsen

Zudem hat Nasser zusammen mit Sultan Ahmed Al Jaber, dem CEO des Ölkonzerns Adnoc der Vereinigten Arabischen Emirate, mit drei indischen Energiekonzernen den Aufbau eines 44 Milliarden Dollar umfassenden Öl- und Petrochemiekomplexes im Westen Indiens vereinbart. In Saudi-Arabien selbst hat Aramco dem britisch-niederländischen Shell-Konzern seinen 50-prozentigen Anteil an der Sasref-Raffinerie abgekauft. Auch diese beiden Schritte dienen Nassers Strategie, immer mehr vom geförderten Rohöl selbst zu verarbeiten.

Die Zukäufe in Saudi-Arabien und global sollen laut Nasser „die Abnahme für unser Rohöl verbessern, indem wir die Raffinerie- und Chemiekapazitäten erhöhen, den Wert der Integration nutzen und unsere Aktivitäten diversifizieren“. Erst am Freitag hatte Aramco Investitionen in den Förderungsausbau auf zwei seiner Öl- und Gas-Felder im Umfang von 18 Milliarden Dollar bekanntgegeben.

Neben den Ölaktivitäten baut Aramco sein Gasgeschäft ebenfalls massiv aus: Neben zehn Millionen Barrel Rohöl fördert der Konzern 3,2 Millionen Barrel Öläquivalent täglich. Und vor allem im Gassektor will Nasser seinen Konzern stärken. So ist Aramco kürzlich erstmals in den Handel mit verflüssigtem Erdgas (LNG) eingestiegen, verhandelt mit der norwegischen Equinor über eine Beteiligung an deren US-Schiefergas-Produktion und will die Erdgas- und Schiefergasförderung in Saudi-Arabien selbst hochfahren.

Der Einsatz von Erdgas und erneuerbaren Energien statt Öl für die Stromerzeugung im Königreich soll Aramco eine Steigerung seiner Ölausfuhren um 300 000 bis zu einer Million Barrel täglich ermöglichen, heißt es aus dem Konzern. Saudi-Arabien hat Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien (vor allem Solar- und Windkraft) im Umfang von 350 Milliarden Dollar angekündigt.

Ob der Staat das finanzieren kann, hängt stark von Aramco ab. Denn der Konzern überwies zwar im ersten Halbjahr 46,4 (davon 20 Milliarden Dollar als Sonderdividenden) statt 32 Milliarden Dollar an Dividenden an den staatlichen Eigner. Aber das Unternehmen zahlte mit 45,6 Milliarden Dollar Einkommensteuer 5,4 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten 2018.

Hinzu kommen „Royalty“ genannte Abgaben für die Nutzung der Öl- und Gasförderung je nach Höhe des Ölpreises von 20 bis 50 Prozent. Aramco hat im ersten Halbjahr einen durchschnittlichen Rohölpreis von 66 Dollar pro Barrel erzielt, gegenüber 69 Dollar im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Suche nach dem richtigen Zeitpunkt für den IPO

Der Rückgang der Aramco-Steuerabgaben führt zu Problemen im Staatshaushalt des weiter von der Ölkonjunktur stark abhängigen Königreichs. Im zweiten Quartal weitete sich das Defizit des Staatsbudgets auf 8,9 Milliarden Dollar aus, gegenüber 677 Millionen im zweiten Quartal des Vorjahres. Ursache ist der Rückgang der Öleinnahmen sowie eine erhebliche Ausweitung der Ausgaben für Investitionen und für Subventionen für niedrige Mieten, billiges Benzin und Wasser.

Für noch größere Investitionen will der Staatsfonds PIF fünf Prozent von Aramco an die Börse bringen und so 100 Milliarden Dollar mit dem größten IPO aller Zeiten einspielen. „Der Konzern ist bereit zum IPO“, sagte Al Dabbagh. Es sei nun am Eigner, also dem vom Kronprinzen geleiteten PIF, „den Zeitpunkt dafür zu benennen“. Dazu werde nach einem optimalen Zeitpunkt an den Kapitalmärkten gesucht.

Mehr: Saudi-Arabiens Energieminister nennt einen Zeitraum für den Börsengang des Erdöl-Riesen Saudi Aramco. Banken hoffen auf größere Rolle beim IPO.

Handelsblatt Energie Briefing

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×