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28.08.2019

15:35

Ölkonzern

BP hadert mit der Energiewende

Von: Kathrin Witsch

Der britische Ölriese investiert Hunderte Millionen Euro in erneuerbare Energien. Aber vor einer Strategie und klaren Bekenntnissen schreckt BP zurück – im Gegenteil zur Konkurrenz.

Der britische Ölriese setzt auch in der Zukunft auf fossile Brennstoffe.  REUTERS

BP-Ölplattform

Der britische Ölriese setzt auch in der Zukunft auf fossile Brennstoffe. 

London Es ist etwas, das man im edlen St.-James-Viertel inmitten von London nicht jeden Tag sieht: Ein rotes Transparent zieht sich quer über die Balustrade der BP-Zentrale, einem der größten Ölkonzerne der Welt. „Climate Emergency“ (zu Deutsch: Klimanotstand) steht dort in weißen Lettern geschrieben.

Zeitgleich verbarrikadieren sich Aktivisten in mehreren Containern auf dem Bürgersteig und blockieren den Eingang des aristokratisch anmutenden Herrenhauses. Stundenlang legen sie so das Hauptquartier des Milliardenkonzerns lahm. Die Aktivisten verlangen den sofortigen Stopp aller neuen Öl- und Gasaktivitäten des britischen Unternehmens. Diese Bilder gingen Ende Mai um die Welt. Die Proteste richteten sich gezielt gegen BP. Und sie halten an.

Bei Dev Sanyal lösen die radikalen Forderungen nur ein Kopfschütteln aus. Er sitzt auf der anderen Seite der meterhohen gläsernen Empfangstüren, in der St. James Street in London. Das lange graue Haar trägt er streng zurückgekämmt, der Manager wirkt entspannt. Nach über 30 Jahren bei BP kann den gebürtigen Inder so viel nicht mehr schocken. 

Seit 2016 ist er unter anderem für die Geschäfte mit alternativen Energien verantwortlich. Dass BP zurzeit besonders im Kreuzfeuer der Aktivisten steht, kann er nicht verstehen. Zwischen den Zielen der Umweltschützer und denen des Ölkonzerns sieht er keinen großen Unterschied. „Aktivitäten blind einzustellen, ist nicht hilfreich“, sagt Sanyal im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Mehr tun könne man immer, aber „wir können nicht etwas aufbauen, das sich dann nicht wirtschaftlich lohnt und das unseren Investoren keine Rendite bringt“, ist der 53-Jährige überzeugt. Letztlich sei man schließlich „nur ein Unternehmen“. Klare Aussagen genau an dem Tag, an dem die junge Aktivistin Greta Thunberg nur ein paar hundert Kilometer entfernt im britischen Plymouth über den Seeweg nach New York aufgebrochen ist – um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen.

BP fällt zurück

Konkurrenten wie Shell und Total sehen sich unter dem Druck von Politik, Aktivisten und klimabewussten Investoren gezwungen, ihr Geschäftsmodell für die Zukunft radikal umzubauen. Die britisch-niederländische Shell will mithilfe von grünem Strom zum weltweit größten Energiekonzern werden. Die französische Total will immerhin 20 Prozent der Gewinne bis 2040 aus dem Geschäft mit Erneuerbaren reinholen.

Das einzige Ziel, das BP sich bislang gesetzt hat: die eigenen Emissionen in den nächsten Jahren nicht zu erhöhen. „Keiner der großen Ölkonzerne schmeißt sich an die vorderste Front, aber selbst nach diesem Maßstab liegt BP hinter den anderen zurück“, beobachtet John Feddersen, Ölexperte des Beratungsunternehmens Aurora Energy Research.

Dabei steht das Geschäftsmodell der lange Zeit mächtigsten Branche der Welt vor fundamentalen Veränderungen. Zwar wächst die weltweite Energienachfrage weiter, aber BP selbst prophezeit in seinem jüngsten „Energy Outlook“ ein Ende des Erdölbooms ab 2040. Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Energiewende kommt, sondern nur noch wie schnell sie da ist und ob die fossilen Giganten dann noch eine Zukunft haben.

Keine andere Energieform wird in den nächsten 20 Jahren so rasant wachsen wie die erneuerbaren Energien. Auch das steht im BP-Bericht. „Die Geschwindigkeit, mit der erneuerbare Energien im globalen Energiesystem Fuß fassen, ist schneller als bei jedem anderen Energieträger in der Geschichte“, heißt es dort. Über kurz oder lang bricht den erfolgsverwöhnten Erdölkonzernen das gewinnbringende Geschäftsmodell weg.

Und Big Oil reagiert. Seit Jahren investieren Ölkonzerne wie Exxon Mobil, Chevron, Shell und Total immer mehr Geld in Gas und Chemie. Allein bei BP ist der Anteil des Erdgasgeschäftes innerhalb der vergangenen acht Jahre von 40 auf 50 Prozent gestiegen. Shell und Total konzentrieren sich vermehrt auf den Aufbau ihrer Flüssigerdgassparte (LNG). Und da wo der Druck am stärksten ist, in Europa, investieren die Ölmultis auch gewisse Beträge in alternative Energien.

So will Shell bis 2020 zwei Milliarden Dollar pro Jahr in Bioenergie, Solar und Wind stecken, und auch BP nennt eine Summe von 500 Millionen Dollar jährlich. „Es ist sehr wichtig, genau auf die Zahlen zu schauen. Da sieht man einen großen Unterschied zwischen dem, was die Ölkonzerne sagen und dem, was sie tun“, sagt Feddersen.

Denn bei einem Gesamtvolumen von 15 Milliarden Dollar sind die angepriesenen 500 Millionen von BP gerade mal drei Prozent des Budgets, bei Shell sind es sechs Prozent. Weit über 90 Prozent der Investitionen der Ölmultis gehen also auch heute noch in das Geschäft mit den fossilen Energien. Von grüner Wende keine Spur.

BP fehlt eine richtige Strategie für die Energiewende 

Aber während die anderen immerhin einen klaren Plan für die Zukunft nach dem Ölzeitalter haben, „macht BP zwar von allem ein bisschen, jedoch nichts so richtig“, sagt Experte Feddersen. Tatsächlich hat der Ölkonzern in den vergangenen Jahren einige Investitionen im Grünsektor getätigt.

Allein 2018 gab BP 200 Millionen Dollar für 43 Prozent des britischen Solarkonzerns Lightsource aus, übernahm den ebenfalls britischen Ladesäulenanbieter Chargemaster, investierte 20 Millionen Dollar in das israelisches E-Mobility-Start-up StoreDot und verkündete ein Joint Venture mit dem brasilianischen Zuckerrohr- und Biokraftstoffhersteller Copersucar.

Erst vor wenigen Wochen gab der Konzern außerdem die Zusammenarbeit mit einem der größten Biokraftstoffproduzenten der Welt bekannt – Bunge, ebenfalls aus Brasilien. „Ich denke, im Vergleich zu der Zeit vor ein paar Jahren haben wir schon einiges vorzuweisen“, kommentiert Vorstandsmitglied Sanyal die grünen Deals.

Hier ein bisschen Wind, dort ein bisschen E-Mobilität, ein bisschen Solar und ein bisschen Bioenergie. Eine Strategie ließe sich daraus nicht erkennen, merkt Feddersen an. Sanyal widerspricht, die Strategie sei klar: Emissionen reduzieren, Produkte verbessern und neue Geschäftsfelder entwickeln. „Wir wollen in diesem Bereich investieren, aber das ist für uns kein Hobby, das ist ein Geschäft“, sagt er nachdrücklich und bleibt darauf bedacht, keine verbindlichen Ziele auszusprechen. 

Während Shell und Total also großmündige Ankündigungen und radikale Strategieschwenks verlautbaren lassen, übt BP sich in Zurückhaltung. Zu tief sitzt die Erinnerung an das Fiasko Ende der 1990er-Jahre. Damals hatte BP schon einmal versucht, sich in einen grünen Konzern zu verwandeln und war krachend gescheitert.

Im Zuge einer ausgeklügelten PR-Kampagne tilgte der damalige Vorstandschef John Browne das Wort „british“ schlicht aus dem Firmennamen. Das Kürzel BP sollte künftig für „beyond petroleum“ stehen, also für Geschäfte jenseits des Öls. Browne verbrannte mehrere Milliarden Dollar in Windrädern und Solarzellen, dann wurde seine Strategie beerdigt. 

„ClimateAction 100+“ macht Druck

Anders als damals könnte es nun jedoch sein, dass dem zaudernden Riesen die Entscheidung schon bald aus der Hand genommen wird. Längst sind es nicht nur protestierende Aktivisten, die den Multikonzern unter Druck setzen. Die Gruppe „ClimateAction 100+“, deren Mitglieder ein Vermögen von 33 Billionen Dollar in Fonds verwalten, hat bei der letzten Hauptversammlung im Mai eine Resolution durchgebracht, die BP dazu zwingt, seine Investitionsentscheidungen zukünftig auf eine Linie mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens zu bringen, und das auch nachzuweisen. 

Eine schärfere Forderung der aktivistischen Investorengruppe „FollowThis“ wurde zwar noch einmal abgewendet, aber nach Berichten von Teilnehmern wohl nur um Haaresbreite. Sie forderten, dass der Ölkonzern die Emissionen seiner Kunden, also der Autofahrer, in die eigene CO2-Bilanz mit einrechnet. Aber BP weigerte sich. Auch hier scheint die Konkurrenz längst einen Schritt weiter: Shell und Total haben dem Druck der Investoren nachgegeben.

Auch das ist ein Grund, warum sich die öffentliche Kritik zurzeit mehr auf BP, als auf die anderen beiden Mitglieder des mächtigen Europa-Trios richtet. BP-CEO Bob Dudley nannte die Konzernzentrale in London jüngst gar das „Epizentrum für Klimademonstrationen“.

Dass BP laut einer Analyse der Lobby-Kontroll-Gruppe Influence Map von allen Supermajors, also Exxon Mobil, Chevron, Shell, BP und Total, am meisten dafür ausgibt, strengere Klimaschutzgesetze zu verhindern, hat die Debatte erneut angeheizt. Mehr als ein Viertel der insgesamt 200 Millionen Dollar lässt BP jedes Jahr springen.

„Denke ich, wir könnten mehr tun? Absolut. Aber wir müssen sicherstellen, dass wir klug vorgehen“, wiederholt Sanyal fast stoisch. Bei all den Überlegungen spielten auch Themen wie Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit von Energie eine große Rolle. „800 Millionen Menschen auf der Welt leben ohne Strom, die Hälfte davon in meinem Heimatland Indien – das wird in Europa oft vergessen.“ Er weiß, dass sich die Gewichte in der Energiewelt verlagern werden. Nur wo steht BP, wenn es soweit ist?

Dass der Ölkonzern sich mit seinem Vorgehen ins Abseits befördert, ist für Experten wie Feddersen trotzdem nicht unbedingt gesagt. „Wenn BP sieht, dass es Zeit für Erneuerbare ist, können sie schnell nachziehen, die Mittel dazu sind ja da“, sagt er. Die Frage ist nur, wie lange das Unternehmen dem wachsenden Druck von außen noch standhalten kann.  

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (4)

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Liselotte Pulver

28.08.2019, 17:00 Uhr

Verschiedene Wissenschaftler und Oekonomen haben mehrfach betont, dass die Energiewende nicht durchdacht ist und dem Klima nicht helfen wird. Warum sollte also BP in ein unausgegorenes und im wesentlichen ideologisches Konzept einsteigen? Keine internationale Firma, kann ideologischen Konzepten folgen, wenn sie wirtschaftlich bleiben will. Zudem wird es dem Klima nicht helfen, den die "Umweltsuender" sitzen im wesentlichen in China und restlichen Asien. Und die scheren sich herzlich wenig um die Energiewende der Europaer. Gas ist das effizienteste und umweltfreundlicheste Energie, die es derzeit auf der Welt gibt. Kohle, die Hauptenergiequelle China, das umweltschaedlichste. Warum wird also auf die gasfoerdernden Firmen eingedroschen, waehrend man zu China schweigt? Ideology, stupid!

Herr Michael Rensler

28.08.2019, 19:08 Uhr

@Liselotte
Warum sollte BP die Firma stattdessen auf einen derzeit endlichen Rohstoff ausrichten?

Liselotte Pulver

28.08.2019, 20:06 Uhr

@MichaelRensler: Endlichkeit ist kein Massstab, denn wie Sie wissen, ist auch die Sonne endlich. Es ist so viel Erdgas vorhanden, sodass man es zur Zeit oftmals schlichtweg verbrennt. Eher verschwindet BP und die gesamt westliche Wirtschaft, bevor uns das Erdgas ausgeht.

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