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11.08.2022

04:00

Stromversorgung

Mobilitäts-Start-up Elvah will Deutschlands dezentralen Energiespeicher entwickeln

Von: Anja Holtschneider

Das Unternehmen bietet eine Lade-Flatrate für Elektroautos an – und will künftig auch Strom nach Bedarf digital laden und entladen. Elvah sammelt dafür Millionen ein.

Der Elvah-Mitgründer möchte sein Unternehmen in der Energiewende führend positionieren.

Gowrynath Sivaganeshamoorthy

Der Elvah-Mitgründer möchte sein Unternehmen in der Energiewende führend positionieren.

Düsseldorf Die Energiekrise bereitet deutschen Verbrauchern und Unternehmen mit Blick auf den kommenden Winter große Sorgen. Die Energiekrise hat die Gas- und Strompreise steigen lassen und deutlich gezeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen sein kann. In Deutschland erzeugter Strom aus Solar- und Windenergie könnte das Problem lösen. Das Start-up Elvah will an der Infrastruktur für das ehrgeizige Vorhaben der Energiewende mitarbeiten.

Elvah bietet bisher Lade-Apps für Elektroautos an. Nun will das Start-up Deutschlands größten dezentralen Energiespeicher aufbauen. Dafür hat das Unternehmen einen hohen einstelligen Millionenbeitrag eingesammelt, wie das Handelsblatt erfuhr. „Wir wollen die E-Mobilität mit der Energiebranche zusammenbringen“, sagt Elvah-Chef und -Mitbegründer Gowrynath Sivaganeshamoorthy. Eine Daten- und Softwareplattform soll Ladesäulenbetreiber, Energieversorger und E-Auto-Besitzer miteinander verbinden und sowohl Ladung als auch Entladung steuern.

Mit seinem Ziel geht Elvah ein Kernproblem der Energiewende an. Die Stromerzeugung aus Sonne und Wind ist großen Schwankungen ausgesetzt, sie hängt von Witterung, Tages- und Jahreszeit ab. Für eine dauerhafte Versorgung mit Ökostrom braucht es Planbarkeit. Die kann unter anderem durch Energiespeicher erreicht werden. Dort kann grüner Stromüberschuss für energieärmere Tage bewahrt werden.

Das Potenzial für alternative Energielösungen ist da. Die Bundesregierung hat Anfang Juli den massiven Ausbau der Ökoenergien beschlossen. Bis 2030 soll grüner Strom 80 Prozent des Energiemixes ausmachen. Nachhaltige Energieversorgung gewinnt auch bei Unternehmen stark an Bedeutung. Bis 2035 dürfte sich der Markt für Energielösungen vervierfachen. Das geht aus einer Studie der Strategieberatung „PwC Strategy&“ hervor. Laut Prognose steigt der Marktwert für Energielösungen von Unternehmen zu Unternehmen (B2B) von derzeit 25 Milliarden bis auf 100 Milliarden Euro.

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    Dass Elvah Probleme lösen kann, hat das junge Unternehmen bereits bewiesen. Als bei dem damaligen IT-Dienstleister 2020 in der Coronapandemie die Umsätze einbrachen, suchten sich die Gründer Sivaganeshamoorthy, Sören Ziems und Wilfried Röper einen neuen Fokus und entschieden sich für Ladesäulen.

    Mehr als 200.000 Ladepunkte in 40 Ländern

    E-Auto-Besitzende zahlen an Ladesäulen je nach Anbieter unterschiedliche Preise. Mit Elvah wählen die Kunden ihren Strombedarf und zahlen monatlich einen Fixpreis. Wählbar sind drei verschiedene Tarifgrößen, von zehn Kilowattstunden (kWh) bis zu 180 kWh.

    Wie erfolgreich Elvah damit ist, will CEO Sivaganeshamoorthy nicht preisgeben und hält sich bei Zahlen bedeckt – man habe ein stetiges und gesundes Wachstum. Für das laufende Jahr habe Elvah aber seinen geplanten Marktanteil schon um ein Vielfaches übertroffen.

    Mittlerweile kann das Start-up Zugang zu mehr als 200.000 Ladepunkten in 40 europäischen Ländern anbieten – und ist selbst von seinem Erfolg überrascht. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir so schnell wachsen“, sagt Sivaganeshamoorthy. Seit Kurzem bietet das Start-up für Firmenkunden eigene Tarife und eine Managementsoftware zur Verwaltung von Elektrodienstwagen an.

    Der CEO spricht mit Blick auf sein Unternehmen auch von einem persönlichen Antrieb: „Ich möchte für meine Kinder das Problem der fossilen Energien lösen.“ Die Energiekrise hat Auswirkungen, bremst aber das Wachstum nicht. Seit Februar hat Elvah sich von der ursprünglichen Idee, monatliche Flatrates auf Automodelle zuzuschneiden, verabschiedet. „Wir konnten wegen der steigenden Strompreise unser Geschäftsmodell nicht aufrechterhalten“, begründet Sivaganeshamoorthy den Schritt. Das neue Tarifmodell nach Stromvolumen werde aber vom Großteil der Kunden mitgetragen.

    Elvah legt Wert auf digitale Lösungen und Künstliche Intelligenz (KI). Auf Ladekarten mit RFID-Technologie, wie sie bei Mitbewerbern üblich sind, verzichtet das Unternehmen: Auswahl der Ladesäule und Bezahlung funktionieren komplett über die App. Eine KI schlägt dem Kunden den für ihn am besten geeigneten Ladepunkt vor, ausgewählt nach Performance: „Wir sind wie Yelp für Restaurants, nur machen wir objektive Echtzeitbewertungen“, sagt der Elvah-CEO. Es gehe darum, Qualität transparent zu machen.

    Die KI hat auch einen positiven Nutzen für die Ladesäulenbetreiber: Sie erfahren, wenn eine Störung vorliegt, und können schneller reagieren. Zusätzlich sorgen die Empfehlungen für eine höhere Auslastung der einzelnen Ladepunkte.

    KI soll den größten dezentralen Energiespeicher möglich machen

    Auf KI setzt Elvah auch beim Projekt „dezentrale Powerbank“, wie Sivaganeshamoorthy es nennt. Das Start-up baut eine Daten- und Softwareplattform auf, über die das Laden und Entladen geregelt werden soll. Eine KI soll zusätzlich vorhersagen können, wann wie viel Energie benötigt wird. Der Elvah-CEO sieht dadurch auch einen neuen Energiemarkt entstehen: „Jeder Lade- und Entladevorgang wird zu einem Handel von Energie werden“, sagt Sivaganeshamoorthy. Darüber würden auch die Akkus der Elektroautos zu mobilen Stromspeichern.

    Elvah hat sich dafür Unterstützung geholt. „Wir können gut mit Daten umgehen und kundenzentrische Apps bauen, aber beim Thema Energie müssen wir noch mehr lernen“, sagt Sivaganeshamoorthy. Deshalb kooperiert das Start-up beim neuen Projekt mit Maingau Energie. Der bundesweit aktive Energieversoger hat sich auch an der jüngsten Finanzierungsrunde beteiligt, gibt über den Anteil aber keine Auskunft. „Es braucht intelligente Lösungen, und Elvah hat die nötige IT-Kompentenz“, begründet Richard Schmitz, Geschäftsführer von Maingau Energie, das Engagement. Er ist überzeugt, dass der Mobilitäts- und der Energiemarkt zusammenwachsen werden – und will dabei sein.

    >> Lesen Sie auch: Strategiewechsel bei RWE, Eon und EnBW

    Aus Sicht der Energieversorger sei eine gleichmäßige Auslastung des Stromnetzes wichtig: „Wir müssen Spitzenauslastungen reduzieren“, so Schmitz. Wenn nach Feierabend alle E-Auto-Besitzer ihr Fahrzeug an die Steckdose anschlössen und Abendessen kochten, steige der Stromverbrauch rapide. Elvahs Ansatz, den auch andere Anbieter, Autohersteller und Stromerzeuger verfolgen: intelligent zu steuern, wann die Ladung des Autos beginnen kann.

    Private Pkw bieten sich als Energiespeicher an, da sie durchschnittlich nur eine Stunde am Tag bewegt werden, wie Daten des Bundesumweltamts zeigen. In den übrigen 23 Stunden kann der Akku eines E-Autos zum Speichern von Energie genutzt werden. Auch Autohersteller wie VW haben das bereits erkannt und arbeiten an Pilotversuchen. „Es kommt nicht auf Größe, sondern auf Schnelligkeit an“, sagt Schmitz zu den Mitbewerbern.

    Ende des Jahres starten Elvah und Maingau Energie die ersten Pilotprojekte. Zunächst soll das Be- und Entladen an öffentlichen Ladesäulen getestet werden. Später sollen auch Ladepunkte von Arbeitgebern und Heimladestationen hinzugefügt werden. Wenn alles klappt, werden Mitte nächsten Jahres die ersten E-Auto-Kraftwerke starten.

    Wichtig ist Sivaganeshamoorthy, dass die Dienste rund um die dezentrale Powerbank auch für den Kunden so einfach wie möglich sind. E-Auto-Besitzer könnten mit einem Preisvorteil gelockt werden, ihr Auto als Speicher zur Verfügung zu stellen. „Je nachdem, wie häufig das Auto für das Stromnetz zur Verfügung gestellt und zu welchem Zeitpunkt der Strom eingekauft wird, unterscheidet sich auch der Preis“, sagt Sivaganeshamoorthy. Sparen durch Speichern, wäre dann das Motto für E-Auto-Fahrer.

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