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19.04.2022

04:03

Ukraine-Krieg

Eon-Chef Birnbaum: „Ein Gasembargo könnte Europa zerreißen“

Von: Kathrin Witsch

PremiumDer Chef des Energiekonzerns sieht in einer Abkehr von russischem Gas ein hohes Risiko. Ein Comeback der Kernenergie schließt Birnbaum derweil aus.

Der Eon-Chef hält die Entscheidung der Bundesregierung gegen ein Gas-Embargo für richtig. DPA

Leonhard Birnbaum

Der Eon-Chef hält die Entscheidung der Bundesregierung gegen ein Gas-Embargo für richtig.

Düsseldorf Mehrere Tage reiste der Chef des Energieversorgers Eon kurz vor Ostern durch Polen, die Slowakei und Rumänien. Er besuchte dort Standorte des Essener Unternehmens und vor allem Projekte, die seine Mitarbeiter vor Ort seit Ausbruch des Krieges für Flüchtlinge aus der Ukraine auf die Beine gestellt haben. Das Interview findet deswegen digital statt. 

Ganz untypisch für den studierten Chemieingenieur sitzt er nicht in Anzug und Krawatte vor der Kamera, sondern in einer roten Latzhose und Arbeitsschuhen. Es ist die vorgeschriebene Sicherheitskleidung der Eon-Tochter Delgaz in Rumänien, die Birnbaum nach dem Gespräch besuchen wird. „Es ist schon etwas anderes, wenn man zehn Kilometer daneben ist, als wenn man 1000 Kilometer entfernt ist“, sagt der 55-Jährige sichtlich mitgenommen vom Krieg im Nachbarstaat Ukraine. 

Trotzdem spricht er sich weiterhin gegen ein Embargo für russische Gaslieferungen aus. Aber nicht nur wegen der Folgen für Deutschland: „Wenn wir glauben, wir könnten die deutsche Versorgung sicherstellen, ohne uns auch gemeinsam um die anderen Staaten zu kümmern, dann wird das die EU zerreißen“, sagte der Eon-Chef. 

Eon: Gas ist nicht nur in Deutschland ein Problem

Viele Studien, die sich mit den möglichen Folgen eines Gasboykotts befassen, konzentrierten sich nur auf Deutschland, „die Slowakei ist komplett abhängig vom russischen Gas, und Länder wie Tschechien und Österreich beziehen heute den größten Teil ihres Erdgases aus Russland“. Man dürfe dieses Thema nicht nur national betrachten, schließlich handele es sich um eine europäische Gasmangellage. Deswegen brauche es auch europäisch abgestimmte Notfallpläne.

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    Außerdem kündigte Birnbaum steigende Preise für Stromkunden an. Der Umstieg von Pipeline- auf LNG-Gas verteuere die Gaspreise, und auch Kohlestrom werde durch den CO2-Preis teurer. „Wir pendeln uns erst mal auf einem höheren Niveau ein“, und diese Preise müsse man auch an die eigenen Kunden weitergeben.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview: 

    Herr Birnbaum, Sie waren gerade in Rumänien, nahe der ukrainischen Grenze. Was haben Sie dort gemacht?
    Ich habe die Eon-Gesellschaften besucht, die sich schon seit Kriegsausbruch dort für die Flüchtlinge aus der Ukraine engagieren. Ich war in Polen, der Slowakei und in Rumänien, um mich mit den Menschen vor Ort zu unterhalten. Das ist schon noch mal etwas anderes, wenn man zehn Kilometer daneben ist, als wenn man 1000 Kilometer entfernt ist. 

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Donnerstag gedroht, er könne seine Energielieferungen mit Leichtigkeit in andere Länder umleiten. Wie sicher ist unsere Energieversorgung in diesen Tagen?
    Nicht ausreichend. Wir haben in den letzten Wochen gelernt, dass strategische Abhängigkeiten problematisch sein können. Und wir haben auf die harte Tour gelernt, dass wir als Europa, aber insbesondere als Deutschland, die Versorgungssicherheit nicht genug auf dem Radar hatten.


    Ein Embargo auf Steinkohle gibt es schon, ein Embargo auf Erdöl und auch ein Gasboykott sind im Gespräch. Angesichts der Eskalation des Krieges: Sollte die EU sofort auf russisches Gas verzichten?
    Ich halte das für falsch. Eben weil ich gerade in Europa unterwegs war. Es ist ja nicht so, dass nur Deutschland durch so einen Schritt hart getroffen würde, Europa hätte ein massives Problem. Zum Beispiel ist die Slowakei komplett abhängig vom russischen Gas, und Länder wie Tschechien und Österreich beziehen heute den größten Teil ihres Erdgases aus Russland. In vielen anderen Ländern der EU ist es mindestens ein gewichtiger Anteil. Wenn wir glauben, wir könnten die deutsche Versorgung sicherstellen, ohne uns auch gemeinsam um die anderen Staaten zu kümmern, dann wird das die EU zerreißen. Wir dürfen das nicht als nationales Thema behandeln.

    Die Ökonomen sind über die Auswirkungen eines Gasboykotts uneins. Die einen reden von einem Wachstumseinbruch um bis zu fünf Prozent und mehr, die anderen von gerade mal zwei Prozent ...
    Einige gehen davon aus, dass die Industrie ohne Weiteres 20 bis 30 Prozent ihres Gasbedarfs runterfahren kann, ohne dass ein signifikanter Schaden entsteht. Das kann so sein, aber das würde ich lieber sicher wissen, bevor ich riskiere, Europa in eine schwere Wirtschaftskrise in diesen Zeiten zu führen. Studien, die ohne hieb- und stichfeste Begründung behaupten, dies sei alles verkraftbar, dürfen für niemanden, der in Verantwortung steht, die Basis für eine Entscheidung sein. Deswegen finde ich es nach wie vor richtig und verantwortungsvoll, dass die Bundesregierung ein Gasembargo ablehnt.

    Aber selbst, wenn die EU sich weiter gegen einen Gasboykott stellt, der Befehl kann ja auch aus Moskau kommen – wie bereitet sich Eon auf dieses Szenario vor?
    Wir bereiten uns in jedem Land gemeinsam mit den zuständigen Behörden hierauf vor. Die Notfallpläne der europäischen Länder müssen aber auch aufeinander abgestimmt sein. Alle unsere Notfallpläne sind national, aber wir reden über eine europäische Gasmangellage. Hier ist noch viel zu tun.  

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    Sie bereiten auch Ihre Großkunden aufs Abschalten vor. Wie groß ist die Angst bei den Unternehmen?
    Im Moment würde ich eher sagen, dass die Unsicherheit groß ist. Die Unternehmen wissen ja gar nicht was kommt, wie lange und für wen. Wenn man gar nicht weiß, was kommt, hat man natürlich ein Problem. Deswegen sollten wir hier schnell Klarheit schaffen.

    Was würde ein direkter Gasboykott für Ihre Privatkunden bedeuten? Viele Bürger haben ja Angst, dass Ihnen dann im nächsten Winter die Heizung abgestellt wird.
    Nach bestehender Gesetzeslage wären die Privatkunden als Letztes in der Abschaltreihenfolge dran.

    Energiekonzerne sind seit Ausbruch des Krieges unter besonders hohem Druck. Shell, BP und viele andere sind in der Folge aus ihrem Russlandgeschäft ausgestiegen. Eon ist mit 15 Prozent an der Pipeline Nord Stream 1 beteiligt. Bis jetzt halten Sie daran fest. Warum?
    Wir halten sogar explizit daran fest. Das ist die Pipeline, über die im Moment noch der Großteil des Erdgases kommt, das in Europa und Deutschland verbraucht wird. Wem ist damit gedient, wenn wir unsere Rechte daran jetzt aufgeben? Alles was dann passieren würde ist, dass der russische Mehrheitseigentümer die alleinige Verfügung über diese Pipeline hat. Und das bringt niemandem etwas.

    Früher hat Eon vor der Abspaltung von Uniper auch den Bau von Nord Stream 2 vorangetrieben. Ihr Vorgänger Johannes Teyssen stand des Öfteren mit Angela Merkel und Putin vor der Kamera. Hat Eon nicht wie Uniper und viele andere die Abhängigkeit von Russland mit vorangetrieben?
    Wir sind heute in einer Abhängigkeit, weil Deutschland sich jede Alternative genommen hat. Das war keine einseitige Handlung. Wir haben die Gasimporte aus Russland während des Kalten Krieges in den 70er-Jahren begonnen. Heute fragt man sich, wie man das tun konnte. Das konnten wir eben nur tun, weil wir viele Alternativen hatten, sprich nicht erpressbar waren. Diese Alternativen sind aber nach und nach abgeschaltet worden.

    Was für Alternativen meinen Sie?
    Die europäische Union war vor zehn Jahren nicht bereit, einen einzigen Euro in alternative Gas-Pipeline-Projekte zu stecken. Wer ein LNG-Terminal bauen wollte, hätte wahrscheinlich keine Genehmigung bekommen, und schon gar keine finanzielle Unterstützung.

    „Es gibt keine Zukunft für Kernenergie in Deutschland“

    Mittlerweile laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, um sich unabhängiger von russischem Gas zu machen. Dafür erwägt die Bundesregierung auch, Kohlekraftwerke länger als geplant am Netz zu lassen, eigene LNG-Terminals für Deutschland und mehr Wind- und Solarparks. Reicht das?
    Wir werden alles brauchen, was wir kriegen können. Wir werden auch Energiesparprogramme aufsetzen müssen. Den einen leichten Befreiungsschlag gibt es nicht. Wir brauchen die Kombination von vielen Dingen und da gehören auch unangenehme Entscheidungen dazu, wie die Frage über längere Laufzeiten für Kohlekraftwerke.

    Was ist mit Atomkraft? Bislang schließen Sie einen Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Isar 2 aus. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will das Kraftwerk weiterlaufen lassen. Frankreich und Großbritannien wollen sogar neue Kernkraftwerke bauen.
    Wir haben mit der Bundesregierung darüber ernsthaft diskutiert, und ja, es wäre technisch möglich. Aber der potenzielle Energieertrag ist am Ende zu gering. Es gibt keine Zukunft für Kernenergie in Deutschland.

    Wann glauben Sie, kann Deutschland unabhängig von russischen Energieimporten sein?
    Drei Jahre. Wenn wir schneller sind, ist das schön, aber es ist in jedem Fall keine Frage von drei Monaten.

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    Währenddessen steigen die Strompreise für Verbraucher immer weiter. Auch Eon hat eine Preiserhöhung für seine Kunden angekündigt. Wie teuer wird unser Strom – auch mit Blick auf die Energiewende – noch?
    Mit Blick auf die Energiewende ist ja die Hoffnung da, dass der Strom irgendwann günstiger wird mit mehr Solar und Wind. Kurzfristig sehen wir diese Entlastung aber nicht. Wir pendeln uns auf einem höheren Niveau ein. Der Umstieg von Pipeline-Gas auf LNG verteuert das Gas, Kohle wird vor allem durch den CO2-Preis verteuert – und den Preis setzen eben entweder Kohle- oder Gaskraftwerke. Und ja, so bitter das ist, die steigenden Preise müssen wir auch an unsere Kunden durchgeben.

    Wie lange können die Kunden das angesichts der gleichzeitigen Inflation bei vielen anderen Produkten noch stemmen?
    Dieser Krieg ist ein Krieg, der dazu führt, dass es allen schlechter gehen wird. Es geht vor allem den Ukrainern schlechter, aber auch den Russen und den Europäern. In dieser Situation verliert jeder.

    „Verbraucherpreise können nicht einfach gedeckelt werden“

    Frankreich deckelt seine Strompreise, damit die Bürger nicht überlastet werden. Wäre so ein Modell auch in Deutschland denkbar?
    Frankreich hat die Preise über seinen staatlichen Stromversorger gedeckelt und danach wieder Geld in eben diesen Konzern gesteckt. Preise deckeln ist keine Lösung. Wenn der Bäcker Brötchen zu einem gedeckelten Preis verkaufen muss, sich die Mehlpreise aber verzehnfacht haben, dann können Sie übermorgen keine Brötchen mehr kaufen, weil der Bäcker pleite ist. Und so ist das auch mit uns als Energieversorger. Verbraucherpreise können nicht einfach gedeckelt werden. Die Summen, um die es da geht, können wir als Versorger schlicht nicht tragen.

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    Was halten Sie bislang von der neuen Bundesregierung und natürlich speziell von Wirtschaftsminister Robert Habeck, der ja in den letzten Wochen einiges angestoßen hat, was vor ein paar Monaten noch undenkbar gewesen wäre?
    Die Bundesregierung agiert aus meiner Sicht besonnen und umsichtig. Im Energiebereich wurde in dieser schweren Krise viel angestoßen, was richtig war.

    Darunter auch ein Entlastungspaket unter anderem für Energiekonzerne. VNG, Uniper und Leag haben ja schon Kredithilfen in Anspruch nehmen müssen. Reicht das aus?
    Es ist wichtig, um Kettenreaktionen zu vermeiden, die auch dadurch entstehen können, dass Unternehmen unverschuldet in die Krise kommen. Ob dies ausreicht, wird man sehen. Es ist jedenfalls sinnvoll, sich gut auf einen solchen Fall vorzubereiten.

    Herr Habeck hat auch das Osterpaket vorgestellt, um die Energiewende schneller voranzubringen. Aus der Erneuerbaren-Branche kam zum Teil harsche Kritik, weil man sich deutlich mehr erwartet hatte.
    Die Richtung stimmt, aber der Kritik kann man sich durchaus anschließen. Wir wollen die Wärmewende, wir wollen Elektromobilität und viel mehr Erneuerbare – dafür muss das Netz verstärkt werden. Das Netz – und insbesondere das Verteilnetz – ist das Rückgrat der Energiewende. Hier werden die Erneuerbaren angeschlossen. Das Thema ist aber erst einmal auf 2023 verschoben. Wenn wir die Erneuerbaren ausbauen, aber die Infrastruktur nicht haben, bringt uns das herzlich wenig. Deswegen ist man hier aus meiner Sicht nicht konsequent genug. Das reicht definitiv nicht aus.

    Herr Birnbaum, vielen Dank für das Gespräch.

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