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10.09.2019

18:02

Versorgungssicherheit

Niederländer kappen Gasförderung – Deutschland direkt betroffen

Von: Klaus Stratmann

Die Förderung in Groningen soll aus Sicherheitsgründen bereits Mitte 2022 eingestellt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium reagiert gelassen, der Versorger EWE ist besorgt.

Schon ab Mitte 2022 soll kein Gas mehr in der Anlage gefördert werden. Reuters

Groningen

Schon ab Mitte 2022 soll kein Gas mehr in der Anlage gefördert werden.

Berlin Der Brief des niederländischen Wirtschaftsministers Eric Wiebes hat es in sich. In dem fünfseitigen Schreiben vom 10. September, das dem Handelsblatt vorliegt, erklärt der Minister den Mitgliedern des niederländischen Parlaments, den im März 2018 beschlossenen Ausstieg aus der Erdgasförderung in Groningen deutlich beschleunigen zu wollen.

Statt bis 2030 schrittweise auszusteigen, werde man bereits Mitte 2022 regulär kein Gas mehr in Groningen gewinnen. Durch diese Beschleunigung werde die Lage in Groningen sicherer, schreibt Wiebes. Allenfalls in Ausnahmefällen, etwa an besonders kalten Wintertagen, soll 2022 noch gefördert werden.

Deutschland ist von der Entscheidung direkt betroffen. Etwa zehn Millionen Menschen in rund drei Millionen Haushalten, vornehmlich im Nordwesten Deutschlands, werden mit niederländischem Gas versorgt. Hinzu kommen zahlreiche Unternehmen aus Industrie und Gewerbe.

Eine Substitution des niederländischen Gases durch russisches oder norwegisches Gas ist technisch nicht ohne Weiteres möglich. Bei dem Gas aus Groningen handelt es sich um sogenanntes L-Gas („low caloric gas“), bei russischem und norwegischem Gas dagegen handelt es sich um H-Gas („high caloric gas“).

Die Niederländer liefern ihr L-Gas nach Frankreich, Belgien und Deutschland. Mit den Regierungen der drei Länder hatte man bislang vereinbart, dass die Belieferung erst 2029 endet. Um ihre Lieferverpflichtungen dennoch erfüllen zu können, wollen die Niederländer nun einen technischen Kniff anwenden: Sie wollen H-Gas in L-Gas konvertieren, um damit ihre Kunden in Deutschland, Belgien und Deutschland zu beliefern.

Zwar gibt es solche Konvertierungskapazitäten in den Niederlanden bereits heute. Sie reichen aber nicht aus, um das derzeitige Liefervolumen entsprechend umzuwandeln. Außerdem müssten die Niederländer ab 2022 in größerem Umfang beispielsweise russisches Gas H-Gas beschaffen und in L-Gas umwandeln. Das wiederum könnte erhebliche Auswirkungen auf das Beschaffungsgefüge haben.

Erdgasförderung hat keine Zukunft mehr

Seit einem Erdbeben im Januar 2018 im Raum Groningen hat die Erdgasförderung in den Niederlanden keine Zukunft mehr. Bereits kurz nach dem Beben kündigte die Regierung an, die Förderung drosseln zu wollen. Auch in diesem Jahr hat es bereits kleinere Beben gegeben. Die Erdgasförderung gilt als Auslöser für die Beben.

Der Druck auf die niederländische Regierung ist daher immens. Das Erdgasfeld in Groningen nahe der deutschen Grenze war 1959 entdeckt worden und gilt als eines der größten Vorkommen der Welt.

Das Bundeswirtschaftsministerium reagierte gelassen auf die Ankündigung der Niederländer. Man stehe in engem Austausch mit den niederländischen Partnern, hieß es aus dem Ministerium. „Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur beobachten die Situation in den Niederlanden sowie die dort geführte Debatte um die Erdgasförderung sehr aufmerksam“, hieß es weiter. Die Gasversorgungssicherheit in Deutschland sei sehr hoch, die Gasmärkte seien derzeit sehr liquide, Deutschland verfüge außerdem über eine diversifizierte Pipelinestruktur. Die Niederlande sind nach Russland und Norwegen Deutschlands drittgrößter Ergaslieferant.

Der Oldenburger Versorger EWE hingegen betrachtet die Entwicklung mit Sorge. „Wir erwarten, dass die Niederlande jetzt gemeinsam mit Deutschland und den entsprechenden Akteuren eine Lösung entwickeln, die die Versorgungssicherheit der betroffenen Menschen diesseits und jenseits der Grenze dauerhaft gewährleistet“, sagte EWE-Vorstandschef Stefan Dohler dem Handelsblatt.

Das Versorgungsgebiet des Unternehmens ist über eine Direktleitung in das Groninger Gasfeld an L-Gas angeschlossen. Man sei daher besonders anfällig für Reduktionen der Fördermengen oder einen vollständigen Förderstopp in Groningen, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. EWE sehe „keine Möglichkeit, andere Bezugsquellen für die L-Gas-Versorgung heranzuziehen“.

Man sehe es als „risikoreich“ an, bei der Versorgungssicherheit auf eine hundertprozentige Verfügbarkeit der Konvertierungskapazitäten zu bauen. Ausfallzeiten würden automatisch eine Knappheit erzeugen. Die Stellungnahme entstand allerdings noch vor der jüngsten Ankündigung der Niederländer, noch schneller aussteigen zu wollen. Allein im EWE-Versorgungsgebiet werden 800.000 Haushalte mit L-Gas aus den Niederlanden versorgt.

Für die Umstellung von L-Gas auf H-Gas müssen die Netze und auch die Endgeräte – vom Heizkessel im Keller bis zur industriellen Gasanwendung – umgerüstet werden. Für die deutsche Gaswirtschaft ist das eine große Herausforderung. Verantwortlich für die Umstellung sind die jeweiligen Netzbetreiber. Jährlich müssen bis zu 600.000 Geräte umgestellt werden.

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (3)

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Herr Hans Henseler

10.09.2019, 19:10 Uhr

Die Fachleute haben das vorausgesehen. Nordstream 2 ist die wohl einzige Alternative.

Herr Werner Mocke

11.09.2019, 08:08 Uhr

Nicht jammern, machen!

Herr Helmut Metz

11.09.2019, 12:10 Uhr

"Nicht jammern, machen!"

Ganz genau. Es ist Zeit, meine russischen Erdgasaktien mit einstelligem KGV aufzustocken. LONG Gas-Gerd!!! ;-))
Man darf sich die Laune doch nicht von solchen energie- und wirtschaftspolitischen Vollpfosten vermiesen lassen:
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagsdebatte-merkel-wird-wieder-zur-klimakanzlerin-klimawandel-sei-eine-menschheitsherausforderung/25003484.html

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