Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

11.09.2019

09:51

Weltenergiekonferenz

Grüner Wasserstoff ist weltweit auf dem Vormarsch

Von: Kathrin Witsch

Auf der Weltenergiekonferenz diskutieren die Staaten über Power to X. Dass die Energiewende ohne die Technologie nicht zu bewältigen ist, stellt fast niemand mehr in Frage.

Handelsblatt Live

Brennstoffzellen waren lange keine Konkurrenz zur Batterie – bis jetzt

Handelsblatt Live: Brennstoffzellen waren lange keine Konkurrenz zur Batterie – bis jetzt

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Abu Dhabi Wasserstoff ist nicht nur in Deutschland gerade das Thema der Stunde, auch die internationale Energiebranche diskutiert auf der Weltenergiekonferenz in Abu Dhabi über die Bedeutung der molekularen Speicher der Zukunft. „Grüner Wasserstoff wird 2030 auf dem Kostenniveau von Flüssigerdgas (LNG) sein und bis 2050 mit 0,80 Cent pro Kilogramm sogar günstiger als fossile Kraftstoffe werden“, ist Frank Wouters, Direktor des Clean Energy Networks, überzeugt.

Dass die Energiewende ohne den Einsatz von grünem Wasserstoff nicht zu bewältigen ist, stellt auf dem größten und wichtigsten Treffen der Energiewelt fast niemand mehr in Frage. „Wenn wir wirklich von den fossilen Energien wegkommen wollen, brauchen wir eine große industrielle Speichermöglichkeit für die Erneuerbaren, und da kommen wir an dem Thema molekulare Medien nicht vorbei“, meint auch Willi Meixner, Vorsitzender der Siemens-Sparte Power Generation and Operations. „Die Wirtschaftlichkeit ist noch einen Riesensprung weit weg, aber der Bedarf ist doch heute schon da“, sagt der Manager in Abu Dhabi.

Während lange die Rede von einer „All electric“, also einer komplett elektrifizierten Gesellschaft war, halten die meisten heute einen Mix aus verschiedenen Energieformen für sinnvoll. Und dabei soll die vielversprechende Power-to-X-Technologie eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. „Grüner Wasserstoff könnte einen wirklichen Unterschied für die Energiewende machen“, ist Energieexperte Dieter Helm, Gründer des Beratungsunternehmens Aurora Energy Research, überzeugt.

Der molekulare Energiespeicher hat viele Vorteile. Grüner Wasserstoff entsteht mit dem altbekannten Verfahren der Elektrolyse und erzeugt durch Wasser und – in diesem Fall erneuerbaren Strom – klimaneutralen Wasserstoff. In Strom umgewandelt kann er bei Bedarf wieder ins Netz eingespeist werden und so als saisonaler Speicher für Wind- und Solarenergie dienen.

Grüner Wasserstoff kann aber auch zu synthetischen Kraftstoffen, zum Beispiel E-Fuels oder Methan-Ersatz, gewandelt werden, oder am effizientesten direkt zum Einsatz kommen – beispielsweise in der Industrie. Experten des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG) attestieren Power to X ein Marktpotenzial bis zu einer Billion Dollar im Jahr 2050.

Noch hat es die Technologie zwar nicht aus ihrer Nische geschafft, aber immer mehr Vertreter der Energiebranche glauben an den grünen Wasserstoff. „Wir glauben, dass es beim Thema Wasserstoff eine ähnliche Kostenentwicklung geben wird wie bei Solar- und Windenergie. In den nächsten Jahren werden wir hier auch zu wirtschaftlichen Preisen kommen“, ist auch Siemens-Manager Meixner überzeugt. So sehr, dass alle von Siemens hergestellten Turbinen ab dem nächsten Jahr schon 20 Prozent Wasserstoff verbrennen können und ab 2030 dann 100 Prozent.

Der französische Energiekonzern Engie geht sogar noch einen ganzen Schritt weiter. Schon 2030 könne man grünen Wasserstoff zu denselben Kosten herstellen wie den bislang eingesetzten Wasserstoff aus fossilen Energien, ist Damien Sage überzeugt, der sich bei dem Versorger um die Entwicklung von Wasserstoff-Projekten im Mittleren Osten und Asien kümmert. 

Auch der Chef des norddeutschen Energieversorgers EWE sieht in grünem Wasserstoff wichtiges Pufferpotenzial, vor allem für überschüssigen Strom aus Wind- und Solaranlagen. „Wir haben in unserem Netz schon 92 Prozent Erneuerbare gehabt und damit sehr viele Überschüsse. Wir brauchen die Power-to-X-Technologie und haben auch genug Abnehmer für grünen Wasserstoff – zum Beispiel in der Stahlerzeugung“, sagte Stefan Dohler. Auch EWE hat schon das ein oder andere Pilotprojekt gestartet, aber mit dem großen Durchbruch rechnet aber auch er nicht vor mindestens fünf bis zehn Jahren.

Klar ist allerdings schon heute: Setzt Deutschland in großem Ausmaß auf grünen Wasserstoff, geht das nicht alleine. Der Weltenergierat hat sogar einen Fahrplan für grüne, synthetische Kraftstoffe entworfen.

Auch für die Experten ist klar, dass langfristig große Mengen Strom aus dem Ausland kommen müssen. Zum Beispiel aus Australien, Chile, Argentinien oder dem südlichen Afrika, aber auch aus sonnenreichen Staaten wie Saudi-Arabien.

In den meisten arabischen Ländern ist die neue Technologie allerdings noch lange kein Thema, das die Massen begeistert. „Tatsächlich sieht man das hier sehr differenziert. Noch treiben die Einnahmen aus dem Ölgeschäft Staaten wie die Emirate oder Saudi-Arabien an“, beobachtet Meixner. Die Zurückhaltung sei vergleichbar mit jener der Autoindustrie in Bezug auf die Elektromobilität vor fünf Jahren, aber: „Das kommt noch“, ist er überzeugt.

Bis dahin schaut sich Siemens auch schon mal in anderen Ländern um. Vor allem in Lateinamerika, Australien und China. „Bei dem China-Besuch der Bundeskanzlerin hat Siemens-CEO Joe Kaeser eine Vereinbarung mit der chinesischen State Power Investment Corporation unterschrieben. Wir wollen gemeinsam herausfinden, welche Rolle Wasserstoff in der Mobilität in China spielen kann“, sagt Meixner. Deutschland dürfe jetzt nicht den Fehler machen wieder zu langsam, oder zu isoliert vorzugehen, schließlich stehe man bislang beim Thema Power to X ziemlich gut da.

Den Grundstein dafür hat die Bundesregierung bereits gelegt. Das Wirtschaftsministerium unter Minister Peter Altmaier (CDU) arbeitet bereits an einem Konzept für den Einsatz von grünem Wasserstoff in Deutschland. „Gasförmige Energieträger sind fester und langfristiger Bestandteil der Energiewende“, heißt es in einem internen Ministeriumspapier.

Strombasierte Gase wie Wasserstoff würden Erdgas „kontinuierlich substituieren, insbesondere nach 2030“. Erste offizielle Eckpunkte will Altmaier im Oktober vorlegen. Die Industrie zumindest hofft auf die richtigen Anreize. „Der Zwang, in diese Technologie zu gehen, ist sehr groß. Wir müssen umdenken, uns bleibt gar nichts anderes übrig als massiv auf Power to X zu setzen“, sagt Meixner.

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Eberhard Steinweg

11.09.2019, 11:49 Uhr

Jenseits der Politischen Show gibt es aber auch technische Sachverhalte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×