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24.09.2018

17:00

WindEnergy in Hamburg

Die Windbranche will sich mit Direktabnahme-Verträgen von Fördergeldern lösen

Von: Kathrin Witsch

Die größte Windkraftmesse der Welt zeigt: Die Branche steht vor einer Revolution. Abnahmeverträge mit energieintensiven Unternehmen sollen die die Zukunft sichern.

Ein beherrschendes Thema auf dem Branchentreff wird die Verbreitung fester Stromabnahmeverträge, sogenannter PPAs (Power Purchase Agreements) sein. dpa

WindEnergy

Ein beherrschendes Thema auf dem Branchentreff wird die Verbreitung fester Stromabnahmeverträge, sogenannter PPAs (Power Purchase Agreements) sein.

HamburgGerade einmal eine Stunde von der deutschen Grenze entfernt entsteht in der Provinz Nordholland die Zukunft der Windbranche: 50 Windräder mit einer Kapazität von 180 Megawatt stellt der Anlagenbauer Nordex hier im Auftrag des Energiekonzerns Vattenfall auf.

Der Windpark im Wieringermeer könnte ein Musterbeispiel für den Weg in die wirtschaftliche Unabhängigkeit einer Industrie werden, die bisher vor allem eines ist: subventionsverwöhnt. Anstatt über festgelegte staatliche Fördergelder, hat der schwedische Energiekonzern Vattenfall den Zuschlag für das 200 Millionen Euro-Projekt über Ausschreibungen bekommen. Diese gewinnt immer derjenige mit dem niedrigsten Gebot.

Wenn der Park im nächsten Jahr den Betrieb aufnimmt, wird der gesamte Strom an den Tech-Riesen Microsoft geliefert. Möglich macht das ein Direktabnahmevertrag, auch Power Purchase Agreement (PPA) genannt, also eine langfristige Abnahme des Windstroms zu einem vereinbarten Festpreis. Solche PPAs könnten der Windenergie endlich den Weg in die lang ersehnte Wirtschaftlichkeit freimachen.

Stromabnahmeverträge zwischen Ökostromproduzenten und energieintensiven Kunden wie Microsoft werden weltweit immer beliebter. „Ich gehe davon aus, dass PPAs sich durchsetzen werden“, sagte Fabian Schlüter dem Handelsblatt. Der Experte für Projektfinanzierung bei der Commerzbank beobachtet schon heute, dass PPA-Verträge immer häufiger in Konkurrenz zum System staatlicher Fördergelder treten.

„Das Interesse an solchen Stromabnahmeverträgen ist enorm. Immer mehr große Kunden setzen im Zuge ihrer Nachhaltigkeitsstrategien voll auf Ökostrom“, beobachtet auch Gunnar Groebler, Chef der Windsparte bei Vattenfall.

Die Finanzierungswende

Auch auf der am Dienstag startenden WindEnergy in Hamburg, dem weltweit größten Branchentreff, werden PPAs heiß diskutiert. Die Windkraft ist mittendrin in ihrer nächsten Revolution. Aktuell erhalten die Betreiber von großen Solar- und Windparks für jede erzeugte Kilowattstunde Ökostrom zwar noch eine feste, staatlich garantierte Vergütung.

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Doch seit einem Jahr müssen sich die Betreiber von Windparks bei Auktionen beweisen. Nur das niedrigste Gebot bekommt den Zuschlag. Die Folge: Die Vergütungen für grünen Strom stürzen schon jetzt ins Bodenlose. Allein in Deutschland ist der Preis für Windstrom in den vergangenen zwei Jahren teilweise um bis zu 40 Prozent gefallen.

Der Preisverfall setzt der gesamten Branche enorm zu. Weil viele Projektentwickler sich nicht mehr in der Lage sehen, Windparks ohne Verluste zu bauen, geben sie den Kostendruck an die Turbinenhersteller weiter. In der Folge kämpfen Branchenriesen wie Vestas, Siemens Gamesa oder Senvion mit sinkenden Umsätzen und erodierenden Gewinnen. Allein der Hamburger Windradbauer Nordex musste im ersten Halbjahr 2018 einen Verlust von 35,8 Millionen Euro verbuchen.

Um sich auch nach dem Ende staatlich garantierter Vergütungen für Strom eine Zukunft zu sichern, bemüht sich die Windbranche nun um die Gunst der Wirtschaft. Und der Plan scheint aufzugehen: Innerhalb der vergangenen drei Jahre haben sich PPAs, gemessen an der neu installierten Leistung, fast verdoppelt. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass fast die Hälfte der neu installierten Ökostromkapazität zwischen 2017 und 2022 mit einem PPA abgewickelt wird.

2016 waren es nur etwa 20 Prozent. Spitzenreiter sind die USA, hier sind feste Stromabnahmeverträge längst die Regel. Aber auch in Europa haben sich PPAs in einigen Ländern schon durchgesetzt, zum Beispiel in Schweden und Spanien. Und in Großbritannien verkündete der Bremer Windparkprojektierer Energiekontor vor wenigen Monaten, den ersten Windpark ohne staatlich gesicherte Vergütung zu bauen.

Dass die Windbranche kurz vor ihrer Mündigkeit steht, ist zwei parallel laufenden Entwicklungen zu verdanken: den in vielen Ländern sinkenden staatlichen Förderungen und dem neu entdeckten grünen Gewissen vieler Großkonzerne. „Unternehmen stehen unter dem Druck, ihren CO2-Ausstoß zu senken und das auch nachzuweisen.

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Durch einen PPA haben sie den Beweis für ihre Nachhaltigkeit direkt in der Hand“, erklärte Commerzbank-Experte Schlüter. Spitzenreiter auf der Seite der Abnehmer sind laut der neuen Marktprognose der Commerzbank-Analysten Google, Amazon und Microsoft. Allein in der Initiative RE100 haben sich mehr als hundert einflussreiche Unternehmen zusammengeschlossen, die ihre Energieversorgung teils schon bis 2020 komplett auf Erneuerbare umstellen wollen. Zu den Unterstützern zählen neben den Tech-Riesen auch deutsche Großkonzerne wie BMW oder SAP.

„Die Zunahme an festen Stromabnahmeverträgen ist ein Zeichen dafür, dass die Windbranche erwachsen geworden ist“, sagte Nordex-CEO José Luis Blanco dem Handelsblatt. Natürlich nicht in allen Ländern, schränkt der gebürtige Spanier ein, „aber Auktionen und PPAs werden der neue Standard“, ist Blanco überzeugt.

In Deutschland zeigen sich die Unternehmen traditionell noch etwas vorsichtiger, aber auch hierzulande gewinnen PPAs an Wichtigkeit. Dazu beitragen dürfte das Auslaufen der ersten EEG-geförderten Anlagen ab dem Jahr 2021. Weil die feste Einspeisevergütung auf 20 Jahre begrenzt ist, müssen einige Ökokraftwerke daher schon bald ohne sie klarkommen. Hier könnten PPAs sich als langfristige Absicherung von Preisrisiken als Alternative etablieren, so Commerzbank-Experte Schlüter.


Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (1)

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Herr Staffan Reveman

26.09.2018, 10:22 Uhr

Wie und wo wird die Energie zwischengespeichert damit Erzeugung und Verbrauch synchron verläuft? Strom können wir nicht „auf Halde“ produzieren und dann konsumieren, wenn es uns passt. Wir müssen jeden Tag, jede Stunde, Minute und Sekunde genau so viel Strom erzeugen wie wir verbrauchen, sonst driftet die 50 Hz Netzfrequenz ab und einen „Blackout“ sollten wir vermeiden.

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