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08.11.2019

17:39

Windindustrie

Turbinenhersteller Enercon baut bis zu 3000 Jobs ab

Von: Kathrin Witsch

Enercon ist der zweite deutsche Windkonzern in kurzer Zeit, der massiv Stellen kürzt. Grund ist unter anderem der harte Preiskampf auf dem Windmarkt.

Große Windkonzerne bauen reihenweise Stellen ab.  dpa

Enercon-Mitarbeiter im Einsatz

Große Windkonzerne bauen reihenweise Stellen ab. 

Düsseldorf Nur wenige Tage nachdem die Windtochter des Münchner Industrieriesen Siemens angekündigt hat, insgesamt 1.200 Jobs abzubauen, drohen jetzt auch massive Stellenkürzungen bei dem norddeutschen Turbinenhersteller Enercon. Es geht um 3.000 Jobs.

Am Freitagnachmittag gab es bei zahlreichen Zuliefererbetrieben von Enercon Betriebsversammlungen, auf denen die Mitarbeiter informiert wurden. Die politischen Rahmenbedingungen und der harte Preiskampf auf dem Windmarkt sind nach Angaben des Unternehmens der Grund für den radikalen Schritt. 

„Unser Unternehmen verzeichnet erstmals erhebliche Verluste“, sagte Enercon-Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig. Die Krise der Energiewende sei auch bei Enercon angekommen. Lieferte der Turbinenhersteller in den vergangenen Jahren jährlich teils mehr als 700 Anlagen für den deutschen Markt aus, waren es in diesem Jahr nach Unternehmensangaben erst 65.

Der Konzern hat seine Produktion fast vollständig an kleinere Drittfirmen ausgelagert, die aber oft allein von Enercon abhängen. Werden Lieferverträge wie geplant beendet, droht vielen dieser Firmen das Aus. „Wir ziehen diesen Firmen den Boden unter den Füßen weg“, räumt Kettwig ein. Aus Mangel an Aufträgen habe man dazu selbst keine Alternative.

Gewerkschaftsvertreter kritisieren die Jobabbau-Pläne des Konzerns. „Wie auch schon im vergangenen Jahr muss Enercon hier Verantwortung übernehmen. Wir fordern eine vernünftige sozialverträgliche Lösung für alle Beteiligten, an der sich auch die Landespolitik mit an den Tisch setzen muss“, sagt Thomas Gelder von der IG Metall Leer-Papenburg. Das ganze sei „desaströs“ für Ostfriesland. Enercon ist der größte Arbeitgeber in der Region. 

Nur wenige Windräder werden neu aufgestellt

Enercon leidet wie die gesamte Windbranche in Deutschland an dem lahmenden Ausbau der Windkraft an Land. Obwohl laut einer aktuellen Umfrage der Fachagentur Windenergie an Land 82 Prozent der Bevölkerung den Ausbau der alternativen Energiequelle unterstützen, ist die Zahl der aufgestellten Windräder in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. 

Im ersten Halbjahr 2019 wurden hierzulande so wenige Windräder gebaut wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Gerade einmal 86 Anlagen sind laut dem Bundesverband Windenergie (BWE) neu dazugekommen – ein Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Abzüglich der zurückgebauten Windräder schrumpfte der Neubau auf 35 Anlagen zusammen – ein historischer Tiefpunkt.

Hinzu kommt ein harter Wettbewerb auf dem internationalen Markt. Auf der ganzen Welt sind Länder von festen staatlichen Vergütungen auf freie Ausschreibungen umgeschwenkt.

Nun müssen die Konzerne im freien Wettbewerb um die Höhe der Fördergelder streiten – und nur, wer billig ist, bekommt den Zuschlag. Während die Nachfrage nach Windrädern weltweit boomt, kämpft die Branche mit sinkenden Margen. 

Gleichzeitig spitzt sich die Situation auf dem deutschen Windmarkt zu. Kaum ein Projekt wird mehr geplant, ohne vor Gericht zu landen. Mehr als 1.000 Bürgerinitiativen engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen. Zusätzlich ziehen sich die Genehmigungsverfahren in die Länge und können mittlerweile bis zu drei Jahre dauern. 

Deutscher Windmarkt in der Krise

Lange Zeit konnte sich die Branche auf den deutschen Markt als den stärksten Europas verlassen. Das ist jetzt vorbei. Für heimische Schwergewichte wie Siemens Gamesa und Nordex ist das besonders hart. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden in der Windindustrie mehr als 34.000 Arbeitsplätze abgebaut. Aber am schlimmsten trifft es den deutschen Marktführer Enercon.

Mehr als die Hälfte aller aufgestellten Anlagen stammen von dem Konzern aus Aurich. Bei keinem anderen war die Konzentration auf den Heimatmarkt lange so groß wie bei Enercon. Für die Ostfriesen ist es schon der zweite große Stellenabbau innerhalb von einem Jahr. Bereits im September 2018 hatte das Unternehmen mehr als 800 Arbeitsplätze gestrichen. 

„Es ist ein dramatischer Kahlschlag in der Windindustrie“, kommentierte Meinhard Geiken, Vorsitzender der IG Metall Küste die Meldung. Er warnte davor, dieselben Fehler zu machen wie beim letzten Mal. „Gerade in schwierigen Zeiten ist das Unternehmen in der Verantwortung für seine Beschäftigten. Gefordert sind kluge Konzepte, um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten und die Folgen für die Beschäftigten abzufedern“, so Geiken. 

Enercon selbst hat nun erst einmal einen Einstellungsstopp verhängt, will das Unternehmen komplett neu strukturieren und kündigt einen harten Sparkurs an. „Wir gehen davon aus, dass unsere Neuausrichtung innerhalb der Windindustrie in Gänze eine Betroffenheit von mehreren Tausend Arbeitsplätzen auslösen wird“, sagte Geschäftsführer Kettwig. Vermutlich bis zur Schließung ganzer Werke. 

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (2)

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Herr Wilfried Zekert

08.11.2019, 16:54 Uhr

Auf Dauer werden alle industriellen Arbeitsplätze in Deutschland aus Kostengründen wohl verloren gehen. Der freie und angeblich faire Welthandel kostet nun einmal Arbeitsplätze in einer angebliche sozialen Marktwirtschaft. Wer das Gegenteil behauptet lügt sich etwas in die Tasche und den Menschen ins Gesicht.

Herr Markus Breidenbach

08.11.2019, 19:06 Uhr

Die Branche war sicherlich lange Zeit verwöhnt worden. Doch aktuell ist sie wohl das Opfer einer beispiellosen Blockadehaltung der GroKO (inkl. Ausschreibungschaos 2017), hier insbesondere der CDU.
65 % regenerative Energieerzeugung in Deutschland. Ich Frage mich, ob das die Politik überhaupt will. Trifft besonders auf unseren Wirtschaftsminister zu, der in meinen Augen ein Ankündigungsweltmeister ist.
Wie heisst es so schön:
Es gibt nichts gutes außer man tut es. (frei nach Erich Kästner)
Schön, wenn es denn mal so käme

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