Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

02.08.2022

11:38

Windkraftkonzern

Minus 5,5 Prozent Rendite: Siemens Gamesa senkt Ausblick nochmals deutlich

Von: Kathrin Witsch

Hohe Rohstoffpreise, Lieferkettenchaos und hausgemachte Probleme setzen dem Windkraftkonzern zu. Nun könnten auch Arbeitsplätze wegfallen.

Die spanische Siemens-Tochter steht vor der harten Sanierung. Reuters

Gamesa-Turbine auf Gran Canaria

Die spanische Siemens-Tochter steht vor der harten Sanierung.

Düsseldorf Der angeschlagene Windkonzern Siemens Gamesa muss seine Ziele noch weiter unten ansetzen – und das, obwohl das Unternehmen schon zuvor mit einem deutlichen Verlust gerechnet hatte. Statt minus vier Prozent könnte die Rendite nun sogar auf minus 5,5 Prozent sinken, verkündete der deutsch-spanische Turbinenhersteller am Dienstag mit der Veröffentlichung seiner Quartalszahlen. Auch 2023 werde die Rendite negativ ausfallen.

„Die Lage bleibt angespannt. Wir sehen, dass die Materialkosten weiter nach oben gehen, und gleichzeitig haben wir langfristige Verträge, die 2021 mit deutlich niedrigeren Preisen geschlossen wurden“, sagte Konzernchef Jochen Eickholt. Die Siemens-Energy-Tochter schreibt seit Jahren rote Zahlen.

Durch die Rekordpreise für Rohstoffe, das Lieferkettenchaos und interne Probleme spitzt sich die Lage immer weiter zu. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters erwägt Siemens Gamesa den Abbau von rund 2500 Arbeitsplätzen, um die Verluste in den Griff zu bekommen. Noch sei unklar, welche Sparten und Regionen betroffen seien, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen.

Siemens-Gamesa-Chef Eickholt wollte dies am Dienstag nicht kommentieren. In einem Interview mit dem Handelsblatt im Juni hatte er aber bereits gesagt, dass er in der aktuellen Lage weder einen Stellenabbau noch die Schließung weiterer Werke ausschließen könne.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Obwohl Siemens Gamesa einer der größten Windkonzerne der Welt ist, auf dem Meer sogar Marktführer, laufen die Geschäfte schlecht. Die Bilanz der letzten sechs Jahre: mehrere Gewinnwarnungen, rote Zahlen und vier Chefs. Zuletzt hatte der Sanierungsspezialist Eickholt im März Andreas Nauen abgelöst. 

    Im abgelaufenen Quartal schrumpfte der Umsatz allerdings auch unter Hoffnungsträger Eickholt weiter, auf 2,44 Milliarden Euro von 2,7 Milliarden im Vorjahr. Der Nettoverlust weitete sich auf 446 Millionen Euro von 314 Millionen Euro aus.

    Grafik

    Ein Problem von vielen ist die Krise auf dem Weltmarkt für Windkraft. Auch Marktführer Vestas und Konkurrenten wie Nordex, Enercon und GE Renewables schreiben seit Monaten Verluste. Und das nicht erst, seit Rekordrohstoffpreise, Lieferkettenchaos und der Ukrainekrieg das Geschäft belasten.

    Seit Jahren herrscht auf dem Markt ein harter Preiskampf. Vor allem die Umstellung von festen staatlichen Vergütungen auf freie Ausschreibungssysteme, in denen nur noch der Günstigste den Zuschlag bekommt, hat die Turbinenhersteller in einen ruinösen Wettbewerb getrieben. 

    Gleichzeitig ist der deutsche Markt, einer der Hauptabsatzmärkte, in den vergangenen Jahren eingebrochen. Zudem sorgte Donald Trump in seiner Zeit als Präsident auf dem US-Markt für heftige Verunsicherung. Immer mehr Werke wurden geschlossen und Zehntausende von Mitarbeitern entlassen. Zuletzt sorgte Nordex für Aufsehen, als es eines der letzten Rotorblattwerke in Deutschland schloss.

    Nordex und Siemens Gamesa kämpfen mit Altlasten

    Nordex wie auch Siemens Gamesa macht vor allem zu schaffen, dass sie ihre prall gefüllten Auftragsbücher nicht schnell genug und vor allem nicht zu aktuellen Kosten abarbeiten können. Während die Rohstoff- und Logistikkosten massiv gestiegen sind, müssen Turbinen zum vertraglich vereinbarten Preis geliefert werden. Zwar verhandelt die Branche in aktuellen Verträgen neu, aber das dauert. 

    „Wir müssen ein anderes Preisniveau sehen, sonst wird die Energiewende sich weiter nach hinten verschieben“, sagte Eickholt am Dienstag. Zum ersten Mal seit 20 Jahren haben die Hersteller die Preise auf dem Markt etwa für Turbinen angehoben, teilweise um bis zu 20 Prozent. Und sie dürften erst einmal weiter steigen.

    Hinzu kommen nun auch noch fehlende Komponenten und Lieferengpässe, die wiederum Produktion und Projekte verzögern. Bei Siemens Gamesa erschweren massive Probleme mit der Turbinengeneration 5X die Lage zusätzlich. Zwei Drittel der Probleme bei Siemens Gamesa seien hausgemacht, gibt Konzernchef Eickholt zu. 

    Der Umsatz des Windanlagenbauers ging in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres um über zwölf Prozent auf 6,4 Milliarden Euro zurück. Die bereinigte Marge (Ebit) liegt bei desaströsen minus 14,8 Prozent. „Mit unserem neuen Geschäftsmodell werden wir schneller wieder in die Gewinnzone kommen”, versprach Eickholt nun.

    Der 60-Jährige will die Arbeitsweisen des Windkonzerns komplett überholen, Prozesse sollen vereinfacht und verschlankt werden. Vor allem aber will Eickholt die Kompetenzen auf zwei Kernpositionen konzentrieren: den Chief Operating Officer (COO) und den Posten des Chief Technology Officer (CTO). Einen CTO für das Gesamtgeschäft gab es bei dem Turbinenhersteller bislang nicht. Wer den Job übernimmt, ist allerdings noch unklar.

    Vor allem Siemens Energy dürfte daran gelegen sein, die Ergebnisse des kriselnden Windkonzerns wieder in den Griff zu bekommen. Schon jetzt hält der Technikkonzern knapp 77 Prozent der Aktien. Die Verluste der Tochter haben bislang jedes Quartal auch für schlechte Ergebnisse beim Mutterkonzern gesorgt. Für die 33 Prozent an Siemens Gamesa, die es noch nicht hält, bietet Siemens Energy deswegen gut vier Milliarden Euro und will den Windanlagenbauer anschließend von der Börse nehmen.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×