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18.05.2022

14:32

Windkraftunternehmen

Milliarden für Verlustbringer: Siemens Energy will defizitäre Tochter Gamesa komplett übernehmen

Von: Axel Höpner, Arno Schütze

Der Mutterkonzern plant eine Komplettübernahme von Siemens Gamesa. Der Kurs des spanischen Spezialisten für erneuerbare Energien springt in die Höhe.

Eigentlich soll Siemens Gamesa ein Hoffnungsträger sein. Reuters

Windrad

Eigentlich soll Siemens Gamesa ein Hoffnungsträger sein.

München, Frankfurt Siemens Energy will die Probleme bei der verlustreichen Windkraft-Tochter Siemens Gamesa mit einer Komplettübernahme in den Griff bekommen. Das Management bestätigte am Mittwoch, ein Barangebot für die außenstehenden Aktien zu prüfen. Die Entscheidung könnte nach Informationen des Handelsblatts aus Unternehmenskreisen noch vor dem Kapitalmarkttag in der kommenden Woche verkündet werden.

Investoren fordern schon seit Langem eine Komplettübernahme der Tochter, an der Siemens Energy bislang rund zwei Drittel hält. Die Verluste im Geschäft mit den erneuerbaren Energien hatten den ganzen Konzern nach unten gezogen. Immer wieder überraschte Gamesa auch die Muttergesellschaft in München mit Gewinnwarnungen und neuen Verlusten.

Eine erste Bestandsaufnahme des neuen Siemens-Gamesa-Chefs Jochen Eickholt, den die Zentrale Anfang April als „Troubleshooter“ nach Madrid geschickt hatte, zeigte, dass die Probleme noch größer sind als angenommen. „Es geht jetzt darum, die Blutung zu stoppen“, hieß es in Unternehmenskreisen.

Das Management von Siemens Energy hatte lange die Risiken einer Komplettübernahme gescheut. Schließlich schreibt der noch junge Konzern, der aus der Abspaltung der Siemens-Energietechnik hervorgegangen ist, wegen der Probleme bei Gamesa selbst rote Zahlen.

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    Noch ist keine offizielle Entscheidung gefallen, auch ein Scheitern des Projekts ist noch möglich. „Die mögliche Übernahme wird ein finanzieller Kraftakt“, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Es gebe mit Blick auf die Zukunft des Gesamtkonzerns aber keine Alternative. Siemens hatte die Energietechniksparte aber finanziell solide in die Unabhängigkeit entlassen. Das Handelsblatt hatte bereits in der vergangenen Woche berichtet, dass eine Komplettübernahme die bevorzugte Option ist.

    Siemens Gamesa wird derzeit an der Börse mit mehr als zehn Milliarden Euro bewertet. Das Barangebot könnte Siemens Energy also deutlich mehr als drei Milliarden Euro kosten.

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    Am Mittwoch stieg der Kurs von Siemens Gamesa nach Bestätigung der möglichen Übernahme zwischenzeitlich um zehn Prozent auf rund 16 Euro. Laut Insidern könnte die Offerte zwischen diesem Wert und dem durchschnittlichen Kursziel von 18 Euro liegen, das Analysten Siemens Gamesa derzeit geben. Dem spanischen Übernahmerecht nach muss das Angebot von der Börsenaufsicht genehmigt werden. Der Preis darf nicht unter dem Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate liegen.

    Siemens will die Übernahme laut Finanzkreisen mithilfe einer von JP Morgan und Bank of America organisierten Brückenfinanzierung von mehr als vier Milliarden Euro bezahlen. Später ist eine Kapitalerhöhung geplant. Die beteiligten Banken wollten die Informationen nicht kommentieren.

    In den vergangenen Wochen hatten Investoren Druck gemacht, das Problem mit der Windkraft-Tochter zu lösen. Die Komplettübernahme sei „der nächste logische Schritt, um endlich den vollen Durchgriff auf das operative Geschäft der Siemens Gamesa zu bekommen“, sagte Felix Schröder, Fondsmanager von Union Investment, am Mittwoch. „Nur unter der vollständigen Kontrolle von Siemens Energy kann der Turnaround des problematischen Geschäfts mit Windturbinen gelingen.“

    Auch Siemens-Energy-Großaktionär Siemens hatte zuletzt seine Unzufriedenheit ungewöhnlich offen geäußert. Der Münchner Technologiekonzern will seinen 35-Prozent-Anteil so schnell wie möglich auf 25 Prozent abbauen, schreckt aber wegen des niedrigen Aktienkurses zurück. Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas erwartet, dass Siemens-Energy-Chef Christian Bruch auf dem Kapitalmarkttag am 24. Mai wichtige Maßnahmen vorstellen wird: „Das wird wegweisend, davon gehen wir aus.“

    Nach Informationen des Handelsblatts aus Finanzkreisen arbeitete Siemens Energy bereits vor zwei Monaten an einem Übernahmeangebot. Wegen des Ukrainekriegs sei das Projekt aber noch einmal verschoben worden.

    Chefs von Siemens Gamesa wurden mehrfach ausgetauscht

    Siemens hatte noch unter Ex-Chef Joe Kaeser die eigene Windkraft in die börsennotierte Siemens Gamesa eingebracht und dafür die Mehrheit an dem neuen Konzern übernommen. Dadurch spielten die Münchener eine führende Rolle bei der Konsolidierung der Windkraftbranche, ohne dafür Milliarden in die Hand nehmen zu müssen. Schnell zeigten sich aber die Nachteile der Konstruktion: Es fehlte der direkte Durchgriff, als es schlecht lief.

    Mehrmals wurde der Chef bei Siemens Gamesa ausgetauscht. Nun ruhen alle Hoffnungen auf Ex-Siemens-Energy-Vorstand Eickholt. Er sei der richtige Manager, um bei Siemens Gamesa aufzuräumen, sagte Fondsmanagerin Diehl. „Man sollte ihm die dafür notwendige Zeit geben.“ Auch im Aufsichtsrat von Siemens Energy um Chefkontrolleur Kaeser genießt Eickholt einen großen Vertrauensvorschuss.

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    Siemens Gamesa steht derzeit aus zweierlei Gründen unter Druck. Da ist zum einen das Marktproblem: Keiner der großen Windkraftanbieter verdient derzeit Geld. Zwar ist die Nachfrage angesichts des Kampfes gegen den Klimawandel und des Wunsches groß, unabhängiger von konventionellen Energieträgern wie Gas aus Russland zu werden.

    Doch gibt es einen starken Preiskampf zwischen Wettbewerbern wie Siemens Gamesa, Vestas, Nordex und GE Renewables. Gleichzeitig leiden die Anbieter unter den massiv gestiegenen Materialpreisen zum Beispiel für Stahl. In den Verträgen wurde meist nicht abgesichert, dass die höheren Kosten an die Kunden weitergegeben werden können.

    Doch die Probleme bei Siemens Gamesa sind nach Einschätzung des neuen Chefs Eickholt zu etwa zwei Dritteln hausgemacht. Der Windkraft-Spezialist hat unter anderem Probleme beim Hochlauf der neuen Onshore-Turbinengeneration 5X. Einen ersten Großauftrag erhielt das Unternehmen aus Brasilien. Allerdings ist dort ein Anteil lokaler Fertigung gefordert – und der Aufbau der Produktion bereitet Schwierigkeiten.

    Zudem ist die Transparenz im Zahlenwerk weiterhin gering. Vor allem beim Mutterkonzern in München sorgt das immer wieder für Verärgerung. Eine Komplettübernahme sei auch notwendig, um Transparenz in die Zahlen zu bekommen, hieß es in Unternehmenskreisen.

    Wegen des hohen Kaufpreises fällt die Entscheidung dem Management dennoch nicht leicht. Die operativen Probleme seien damit ja noch nicht gelöst, heißt es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats: „Der Laden muss so oder so in Ordnung gebracht werden.“ Denn die Probleme von Siemens Gamesa drücken nicht nur auf die Bilanz von Siemens Energy, sondern auch auf den Aktienkurs. Dieser ist seit dem vergangenen Sommer um ein Drittel gefallen, der Siemens-Ableger musste nach einem kurzen Gastspiel seinen Platz im Dax wieder räumen.

    Vor diesem Hintergrund stießen die Pläne für eine Übernahme von Siemens Energy am Mittwoch bei den Investoren auf Zustimmung. Der Kurs legte um zwischenzeitlich mehr als fünf Prozent auf knapp 18 Euro zu. Zwar legte sich die Euphorie im Lauf des Tages angesichts der offensichtlichen Risiken ein wenig. Doch dass sowohl das Übernahmeobjekt als auch der mögliche Käufer zulegt, ist eher selten und zeigt, wie sehr die Kapitalmärkte eine Lösung des Gamesa-Problems herbeisehnen.

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