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19.04.2022

13:59

Energiewende

Revolution am Heizungsmarkt: Heizungsbauer stehen vor einem historischen Wandel

Von: Catiana Krapp

Der Heizkessel war jahrzehntelang das Maß der Dinge – jetzt drücken Klimagesetze und Gaspanik die Wärmepumpe in den Markt. Die Heizungsbauer müssen umdenken.

Die großen Heizungsbauer stellen sicher, dass sie sich im wachsenden Wärmepumpenmarkt etablieren. dpa

Vaillant-Mitarbeiterin mit Wärmepumpe

Die großen Heizungsbauer stellen sicher, dass sie sich im wachsenden Wärmepumpenmarkt etablieren.

Düsseldorf Es herrscht Aufruhr im Heizungsmarkt: „Die Menschen sind extrem nervös, was das Thema Öl und Gas betrifft“, sagt der Geschäftsführer des Heizungsbauers Stiebel Eltron, Nicholas Matten. Seitdem Russland in der Ukraine einmarschiert ist, fragen doppelt so viele Kunden bei ihm an wie zuvor.

Die Entwicklung beobachten auch andere. Die Deutsche Auftragsagentur, die auf ihren Internetseiten wie heizungsfinder.de monatlich mehr als 500.000 Nutzer zählt, verzeichnet einen extremen Anstieg der Nachfrage nach erneuerbaren Heizungen – auch hier haben sich die Anfragen seit Kriegsbeginn verdoppelt.

Jahrzehntelang waren Öl- und Gasheizungen das Maß der Dinge in Deutschland. Nun orientieren sich Hausbesitzer massenhaft um. Der Krieg in der Ukraine beschleunigt den Wandel. Die ohnehin hohen Energiepreise sind Anfang März auf ein neues Rekordniveau gestiegen – und die Diskussionen um einen möglichen Stopp von Öl- und Gaslieferungen aus Russland tun ihr Übriges.

Wärmepumpe: Nachfrage bei Heizungsbauern wie Stiebel Eltron steigt

Unternehmen wie Stiebel Eltron spüren den Effekt. Der Hersteller produziert vorwiegend Wärmepumpen. „2021 hatten wir 30 Prozent mehr Anfragen als 2020“, sagt Stiebel-Geschäftsführer Matten. In den ersten Monaten dieses Jahres stiegen die Anfragen noch einmal um 50 Prozent – und haben sich von diesem Niveau aus seit Kriegsbeginn noch einmal verdoppelt.

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    Das hohe Nachfrageplus ist Matten angesichts des Krieges sichtlich unangenehm. Doch er sagt auch, was derzeit im Heizungsmarkt passiere, sei für sein Unternehmen eine große Chance. „Wir stellen gerade Leute ein ohne Ende“, sagt er. Mindestens bis 2027 sollen jedes Jahr neue Mitarbeiter in Vertrieb und Kundendienst hinzukommen.

    Grafik

    Die Nachfrage nach Alternativen zu Öl- und Gasheizungen war schon in den Vorjahren gewachsen: Die Fridays-for-Future-Bewegung weckte ab Anfang 2019 bei manchen ein grünes Gewissen und den Wunsch nach Veränderungen. Als dann die ehemalige Bundesregierung Ende 2019 ihr Klimapaket beschloss, entstand zusätzlich eine neue Förderung für umweltfreundliche Heizungen.

    Dann kam Corona und mit der Pandemie auch zahlreiche Lockdowns. Ausgaben für Reisen, Restaurants und Freizeit fielen weg. Geld, das viele Menschen in die eigenen vier Wände investierten. „Dieser Faktor hat in ganz Europa Menschen zum Austausch von Heizungen bewegt“, erinnert sich Matten.

    Zuletzt übernahmen die Grünen das Bundeswirtschaftsministerium, ab 2024 soll nach dem Willen der neuen Bundesregierung jede neu eingebaute Heizung zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Und mit dem Krieg in der Ukraine denken auch Hausbesitzer über einen Heizungswechsel nach, die sich von ökologischen Argumenten bislang nicht überzeugen ließen.

    Der Trend beschert der ganzen Branche eine starke Entwicklung: Der gesamte Heizungsmarkt ist im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie um zehn Prozent gewachsen. Doch erneuerbare Energien profitierten überproportional stark. Der Absatz von Pelletheizungen wuchs um 51 Prozent, der von Wärmepumpen um 28 Prozent.

    „Nachfrage nach fossilen Heizungen ist vollständig eingebrochen“

    Eigentlich ist Wandel für die deutschen Heizungsbauer nichts Neues: Familienunternehmen wie Viessmann und Vaillant gibt es bereits seit mehr als 100 Jahren. Sie haben erlebt, wie die Ölheizung Holz und Kohle verdrängte, wie sich danach zunehmend das sauberere Gas durchsetzte. Jetzt drängt die nächste Innovation in den Markt.

    Doch für die Branchengrößen Viessmann, Vaillant und Bosch ist die Lage am Heizungsmarkt komplexer. Zwar profitieren auch sie vom Boom der klimafreundlichen Heizungsarten. Schließlich investieren sie selbst seit Jahren im Bereich Wärmepumpen, und können dabei eigentlich ihre Größenvorteile ausspielen. Auf den Montagelinien für Gaswandgeräte könne Viessmann auch Inneneinheiten von Wärmepumpen fertigen, sagte der Technologievorstand bei der Vorstellung der Jahreszahlen für das Geschäftsjahr 2020.

    Allerdings spüren die breit aufgestellten Heizungsbauer auch noch einen zweiten Trend: Die Gasheizung wird unbeliebter. Seit 2019 ist ihr Anteil am Absatz Jahr für Jahr zurückgegangen. In diesem Jahr könnte der Rückgang besonders deutlich ausfallen. Michael Hilpert, Präsident des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (ZVSHK), sagt: „Die Nachfrage nach ausschließlich mit fossilen Brennstoffen betriebenen Heizungen ist vollständig eingebrochen.“

    Zudem hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck Anfang April verkündet: „Wir beenden einen Anachronismus und fördern künftig nicht mehr den Einbau von Gasheizungen.“

    Unternehmen wie Viessmann und Vaillant kann das nicht gefallen. Wie hoch bei ihnen der Anteil von Gasheizungen am Geschäft ist, geben sie nicht bekannt. Doch Viessmann-Vorstand Klausner bezeichnete Gaswandgeräte im vergangenen Jahr als „Hauptstückzahlträger“. Zudem sagt ein Branchenkenner, Wärmepumpen seien für die großen Heizungsbauer nur ein kleiner Teil ihres Geschäfts. Und ein anderer meint, die Umsätze seien bei Gaswandgeräten noch viel größer als bei Wärmepumpen.

    Die Unternehmen setzen darum auf eine doppelte Strategie, um sich im wachsenden Wärmepumpenmarkt zu etablieren. Vaillant wirbt aktuell mit dem Slogan „Geht nicht – geht doch“. In der Kampagne zeigen Handwerker, dass Wärmepumpen auch in Häusern installiert werden können, die auf den ersten Blick nicht geeignet dafür erscheinen.

    Schulungen zu Wärmepumpen für Zehntausende Handwerker

    Außerdem schulen die Heizungsbauer traditionell Handwerker, um ihre Heizungslösungen zu installieren. Bei vielen Handwerkern gibt es wohl noch erhebliche Vorbehalte gegen die neue Technologie. Die Heizungsbauer wollen das ändern. Vaillant-Deutschlandchef Tillmann von Schroeter sagt: „Historisch schulen wir 10.000 Handwerker pro Jahr, das werden wir massiv ausbauen. Die Branche macht sich jetzt auf den Weg, etwas Neues zu lernen.“

    Tillmann von Schroeter bemerkt auch: „Wir sind groß geworden mit Gasheizungen. Unser wichtigstes Geschäft von morgen werden Wärmepumpen sein.“ Allerdings ist die Konkurrenz im Wärmepumpenmarkt vielfältiger als im klassischen Heizungsmarkt. Hier spielen auch Unternehmen eine Rolle, die traditionell gleichfalls auf Geschäftsfelder wie Klimaanlagen gesetzt haben, etwa Mitsubishi Electric oder Daikin.

    So investieren die großen Heizungsbauer zwar in das Geschäftsfeld Wärmepumpen, fordern aber auch immer wieder Technologieoffenheit – konkreter: die Offenheit fürs Heizen mithilfe von Wasserstoff. Schließlich können auch Gasheizungen unter bestimmten Umständen mit Wasserstoff betrieben werden.

    Einige Experten haben allerdings starke Zweifel, dass Wasserstoff im Heizungsbereich zur Verbrennung sinnvoll ist. Detlef Stolten, Leiter des Instituts für Techno-ökonomische Systemanalyse am Forschungszentrum Jülich, sagt in Bezug auf klimafreundlich hergestellten, „grünen“ Wasserstoff: „Es ist unwahrscheinlich, dass sich grüner Wasserstoff bei Haushalten wirtschaftlich im Vergleich zur Wärmepumpe durchsetzt.“

    Wärmepumpe: Diskussion um Heizen mit Wasserstoff als Alternative

    Kurzfristig erscheint vielen blauer Wasserstoff – also aus Erdgas produzierter Wasserstoff – beim Heizen wirtschaftlicher. Allerdings sagt Stolten: „Es ist fraglich, ob man in der aktuellen Energiekrise eine komplette Erzeugungsinfrastruktur für blauen Wasserstoff aufbauen will, der in zehn Jahren nicht mehr den hohen Klimaschutz-Anforderungen genügt und die Versorgungslage mit Erdgas nicht entspannt.“

    Zuletzt sprach sich Viessmann-Chef Max Viessmann im Handelsblatt-Podcast dennoch für eine „Dekarbonisierung durch Wasserstoff im Gebäudesektor“ aus. Tatsächlich ist die Wärmepumpe nach einhelliger Expertenmeinung bislang nicht geeignet, um unmittelbar sämtliche Häuser allein damit auszustatten – es dürfte also auch noch andere Lösungen brauchen. In der Branche mutmaßt man allerdings auch: Für Viessmann und Co. gehe es bei ihrem Einsatz für den Wasserstoff um die Verteidigung einer Marktführerschaft.

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