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17.05.2019

13:58

Essenslieferdient

Amazon investiert in Deliveroo – Jetzt will der Lieferdienst in Deutschland angreifen

Von: Christoph Kapalschinski

575 Millionen Dollar haben die Londoner eingesammelt. Sie wollen in die Fläche zurückkehren –und die Politik überzeugen, die Branche weniger zu regulieren.

Das Geschäftsmodell der Firma ist umstritten. AFP

Deliveroo-Bote

Das Geschäftsmodell der Firma ist umstritten.

Hamburg Im Spätsommer 2018 sah es für den Lieferdienst Deliveroo in Deutschland nicht besonders rosig aus: Die Briten zogen sich aus zehn Städten von Dortmund bis Mainz zurück, nur fünf Metropolen wie Berlin und Hamburg blieben übrig.

Doch ein Jahr später will Marcus Ross, seit März Deutschlandchef, wieder expandieren. Im dritten Quartal werde Deliveroo wieder neue Städte hinzunehmen, sagte er dem Handelsblatt. „Wir wollen letztlich möglichst flächendeckend vertreten sein“, sagte er.

Das nötige Kleingeld hat Deliveroo nun, um die weltweite Expansion in neue Städte voranzutreiben: Weitere 575 Millionen Dollar hat das Unternehmen eingesammelt. Anführer der Finanzierungsrunde ist Amazon, dazu kommen bestehende Investoren wie Fidelity. Insgesamt stecken nun 1,53 Milliarden Dollar in dem Unternehmen.

Die jüngsten Umsatzzahlen stammen von 2017: Damals kamen 277 Millionen Pfund zusammen. Damit lag Deliveroo hinter dem Berliner Unternehmen Delivery Hero und Takewaway.com aus den Niederlanden.
Deliveroo kämpft mit hohen Kosten, weil das Londoner Unternehmen anders als die großen Konkurrenten den Großteil der Speisen mit eignen Kurieren ausliefert. Die Konkurrenz hingegen nimmt hauptsächlich Restaurants mit eigenen Lieferanten auf eine Plattform.

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Gespräche mit Uber über eine Übernahme sollen Ende 2018 an unterschiedlichen Preisvorstellungen gescheitert sein. Nun soll Ross offenbar in Deutschland, einem der potenziell größten der 14 Deliveroo-Länder, für neues Wachstum sorgen.

Dabei will Ross an dem Prinzip festhalten, die Kuriere nicht fest anzustellen. Stattdessen fahren sie etwa als Freiberufler gelotst durch eine Deliveroo-App ohne feste Schichtpläne von Restaurants zu Kunden. Der niederländische Konkurrent Takeaway, der vor wenigen Monaten das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero für 930 Millionen Euro übernommen hat und somit klarer Marktführer in Deutschland ist, stellt hingegen die Fahrradkuriere als Mini-Jobber an und stellt E-Bikes zur Verfügung.

Ein häufig kritisiertes Modell

Deliveroo-Chef Ross will nun die Politik überzeugen, für sein häufig kritisiertes Modell mehr Freiräume zu schaffen. „Wir sind überzeugt von unserem Modell. Unsere Kuriere wollen so arbeiten, weil es super flexibel ist“, sagte Ross. Er wünscht sich etwa Berücksichtigung der Gig-Ökonomie bei den Plänen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), eine verpflichtende Altersvorsorge für Solo-Selbstständige einzuführen.

Die Politik solle ermöglichen, dass Unternehmen wie Deliveroo selbständigen Kurieren etwa einen Zuschuss zur Altersvorsorge zahlen können, ohne dass dadurch ein Angestelltenverhältnis begründet wird. „Wir wollen unser Wissen beisteuern – auch durch die Studie“, sagte Ross.

Laut der Untersuchung, die die Marktforscher von Capital Economics für Deliveroo durchgeführt haben, unterstützt Deliveroo zusätzlich zu seinen 1000 Fahrern weitere 4700 Jobs – vor allem in den Restaurants, deren Geschäft der Lieferdienst ankurbelt.

70 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen entstünden für die Restaurants, 22,9 Millionen Euro landeten als Steuern und Abgaben in der Staatskasse. Bei weiterem Wachstum könne Deliveroo im Jahr 2020 sogar bis zu 4400 Jobs sichern, behauptet die Studie, die Deliveroo dem Handelsblatt vorab zur Verfügung gestellt hat.

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Fest angestellt bei Deliveroo arbeiten weltweit 2000 Menschen, davon 100 in Deutschland für die Betreuung der Gastronomen. Konkurrent Takeaway hat rund 800 Mitarbeiter in der Berliner Deutschland-Zentrale. Takeaway-Chef Jitse Groen sagte zuletzt im Gespräch mit dem Handelsblatt, die eigene Auslieferung habe keine Chance, profitabel zu werden, sei aber als Abrundung des Angebots wichtig. Ross dagegen will mit der Lieferlogistik Geld verdienen – und ist dafür auf niedrige Kosten angewiesen, ohne die Akzeptanz der Politik zu verlieren.

„Wir sollten vor Augen haben, wie viele Jobs die Plattform-Ökonomie schafft“, warb Ross für sein Modell. Dafür streite er auch in Gesprächen mit Abgeordneten und Think-Tanks. Ein Vorbild sei eine von Präsident Emmanuel Macron in Frankreich angestoßene Regelung: Danach können Unternehmen wie Deliveroo und Uber eine Charta aufstellen, in der sie den freiberuflichen Mitarbeitern Risikoabsicherung oder Weiterbildung zusichern, ohne dass die Behörden das als Angestelltenverhältnis werten.

Problem: Scheinselbständigkeit

Denn es gibt einigen Widerstand: Die Gewerkschaft NGG etwa kritisiert mit der Initiative „Liefern am Limit“ seit Jahren lautstark mögliche „Scheinselbständigkeit“ und Bezahlung bei den Lieferdiensten. „Wir befürchten eine Schwächung des Sozialstaats, sollte sich das Modell weiter verbreiten“, sagte eine Sprecherin dem Handelsblatt.

Die NGG sei daher in Gesprächen mit Bundesarbeitsminister Heil, um eine stärkere Regulierung zu erreichen. Zudem stelle Deliveroo das Vergütungssystem um, sodass die Fahrer nach zurückgelegter Strecke bezahlt werden. Das könne zu Einbußen führen, warnt die Gewerkschaft.

Inzwischen nähert sich Deliveroo dem Takeaway-Modell an anderer Stelle etwas an: Zusätzlich zu eigenen Auslieferungen hat der Anbieter nun auch Bringdienste auf seiner Plattform. Sie machten inzwischen etwa zehn Prozent des Angebots aus, sagte Ross – und brächten vor allem preisgünstigere Speisen wie Pizza und Pasta mit.

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Mit diesen neuen Angeboten soll Deliveroo auch in den bisherigen fünf Städten wachsen. Zudem kann Deliveroo so auch in weniger dicht besiedelten Gebieten seine App starten.

Dabei helfen könnten auch Mietküchen, wie sie Deliveroo bereits etwa in London aufgestellt hat. Dort können sich Gastronomen in von Deliveroo aufgebaute Container-Küchen einmieten. „Wir können so das Angebot aktiv ausweiten, ohne selbst zum Gastronom zu werden“, sagte Ross. Einen konkreten Starttermin dafür gebe es aber in Deutschland noch nicht.

Übertriebene Eile sei nicht nötig: Noch immer bestelle die Mehrzahl der Deutschen, die Essen geliefert bekommen möchte, per Telefon. Daher habe Deliveroo noch viel Wachstumspotenzial. Da ist sich Ross mit Takeaway-Gründer Groen einig, der ähnlich argumentiert.

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