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05.03.2019

07:28

Autosalon in Genf

Wie Volkswagen der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen will

Von: Stefan Menzel

Volkswagen will bei Elektroautos zum Massenhersteller werden. Dabei soll ein Elektrobaukasten helfen. Aber auch der Hochschullehrer Günther Schuh ist mit von der Partie.

Auf dem Konzernabend von VW auf der Automesse in Genf wird der ID Buggy vorgestellt. dpa

ID Buggy von Volkswagen

Auf dem Konzernabend von VW auf der Automesse in Genf wird der ID Buggy vorgestellt.

GenfAuf die Bühne rollt ein Auto, das auf den ersten Blick überhaupt nicht so richtig zu Volkswagen passt. Kein Golf, kein Passat, kein Standardmodell aus den Wolfsburger Designabteilungen. Stattdessen fährt ein Auto mit großen schwarzen Reifen mit Geländeprofil, weit ausladendem Kotflügel, grün gehalten wie ein Laubfrosch, vor. Nicht aus Blech, sondern aus Plastik.

Und dann gibt es noch ein Detail, das dieses am Montagabend auf dem Genfer Autosalon vorgestellte Fahrzeug ganz besonders auszeichnet – es hat kein Dach. Der Wolfsburger Autokonzern präsentiert auf der Automesse in der Schweiz ein eigenes Strandauto, den ID Buggy. Weniger geeignet für wetterbedingte graue deutsche Gefilde, sondern ein Auto für südliche Regionen.

Der VW-Konzern verordnet sich damit selbst neue Emotionen. „Volkswagen steht für mehr als nur die klassischen Fahrzeugsegmente“, sagt Vorstandschef Herbert Diess auf der Bühne der Genfer Messehalle.

Der ID Buggy ist allerdings noch aus einem anderen Grund ein ausgefallenes Auto. Das Strandgefährt für den Süden hat einen Batterieantrieb und steht auf der neuen MEB-Plattform des Wolfsburger Autokonzerns, des neuen modularen Elektrobaukastens von Volkswagen.

Mit der MEB-Plattform will der VW-Konzern bei Elektroautos aus der Nische zum Massenhersteller aufsteigen. Auf Basis dieses Baukastens sollen in den kommenden Jahren millionenfach neue Elektroautos die Produktionsstraßen des Konzerns verlassen.

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Und nicht nur bei Volkswagen, auch Audi, Seat und Skoda sollen die MEB-Plattform verwenden. Der Baukasten soll der Elektromobilität zum dauerhaften Durchbruch verhelfen. Bis Mitte des nächsten Jahrzehnts will der Konzern jährlich drei Millionen E-Autos fertigen, etwa ein Viertel der gesamten Produktion. Heute sind es gerade mal einige Zehntausend.

Konkurrenten sollen MEB-Plattform ebenfalls nutzen

Zugleich hat Volkswagen in den zurückliegenden Wochen regelmäßig erklärt, dass die neue MEB-Plattform auch anderen Automobilherstellern angeboten werden könnte. Die Entwicklungskosten für solch einen Baukasten gehen in die Milliarden.

Volkswagen würde sich einen Teil des Geldes zurückholen, wenn der eine oder andere Konkurrent die MEB-Plattform übernehmen würde. Die Plattform aus Wolfsburg hätte auch die Chance, zu einem weltweiten Standard für die gesamte Automobilindustrie aufzusteigen.

Doch so weit ist es noch nicht. Volkswagen müsste es dazu gelingen, einen größeren Partner von einer MEB-Übernahme zu überzeugen. Seit mehreren Monaten gibt es zwar bereits Gespräche mit dem US-Konzern Ford, doch bislang sind die Gespräche ohne konkretes Ergebnis verlaufen.

VW und der US-amerikanische Konkurrent sprechen darüber, ob Ford die neue Plattform für sein China- und sein Europageschäft verwenden könnte. Insbesondere für Europa ist bei den Amerikanern bislang keine klare Elektrostrategie zu erkennen. Die Volkswagen-Plattform könnte für Ford eine wesentliche Hilfe darstellen, ein eigenes Angebot an E-Fahrzeugen zu entwickeln.

Volkswagen hat Ford auf dem Autosalon in Genf nicht als neuen Abnehmer der E-Plattform präsentieren können. Aber immerhin: Der erste Kunde für die neue MEB-Plattform ist jetzt in Sicht, wenn auch erst einmal nur ein sehr kleiner.

Denn Vorstandschef Herbert Diess hat sich in Genf nicht allein auf die VW-Bühne gestellt. Er bekam Unterstützung von Günther Schuh, Aachener Hochschullehrer und vor allem bekannt als Gründer des E-Transporterherstellers Streetscooter. Aus der Schuh-Gründung ist inzwischen eine Post-Tochter geworden.

Der Aachener Hochschullehrer will jetzt einen eigenen Elektro-Pkw auf den Markt bringen, den Ego. Etwa 20.000 E-Autos wird der Aachener Professor künftig wahrscheinlich jährlich produzieren, kein Vergleich zu den sechs Millionen Autos von Ford.

VW will mit Hochschullehrer kooperieren

Das zweite Schuh-Unternehmen unter dem Namen Ego soll jetzt der erste Abnehmer der MEB-Plattform von Volkswagen werden. Verträge sind zwar noch nicht unterschrieben, doch in Genf haben Herbert Diess und Günther Schuh ernsthaft ihr gegenseitiges Interesse bekundet, beim Elektroantrieb kooperieren zu wollen. Konkret geht es um die Idee, dass das Unternehmen des Hochschullehrers den ID Buggy künftig produzieren wird.

Von diesem Strandgefährt könnten einmal 5000 oder 6000 Exemplare pro Jahr gefertigt werden. Für Volkswagen wäre das viel zu wenig. Bei den Wolfsburgern lohnt sich die Fertigung eines Modells erst dann so richtig, wenn die jährliche Produktionszahl sechsstellig wird. Ego und Günther Schuh könnten an dieser Stelle helfen: Das Unternehmen ist auf deutlich kleinere Produktionszahlen für Nischenmodelle eingestellt.

Günther Schuh ist gewillt, sich auf die Kooperation mit Volkswagen einzulassen, weil er damit Zugang zu den MEB-Komponenten bekomme. „Das ist billiger, als ich sie selbst kaufen könnte“, betont er.

Und Herbert Diess hat offenbar an den niedrigen Ego-Produktionszahlen Gefallen gefunden: „Mit einem Nischenprodukt ist das ein ganz anderer Ansatz als bei Volkswagen.“ Vielleicht hilft in diesem Fall die gegenseitige lange Bekanntschaft: Der VW- und der Ego-Chef sind sich schon vor mehr als 20 Jahren das erste Mal über Weg gelaufen. Schuh arbeitete damals als junger Research-Mitarbeiter und Diess bei BMW.

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Diese in Genf verkündete erste kleinere Übernahme des MEB-Baukastens von Volkswagen durch Ego stößt unter Experten auf ein geteiltes Echo. Trotz der kleinen Stückzahlen ist dieser Schritt „ein Signal“ für Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Aus diesem ersten kleinen Projekt könne später noch viel mehr werden.

Sein Kollege Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ist wesentlich skeptischer. „Nach den vielen anderen neuen Kooperationen in der Autobranche will Volkswagen zeigen, dass der Konzern ebenfalls kooperationsfähig ist“, findet er. Ego sei ein viel zu kleiner Partner. Volkswagen brauche mindestens ein Gegenüber wie Ford, um die MEB-Plattform zu einem Industriestandard machen zu können.

Die Verhandlungen zwischen Volkswagen und Ford sind noch nicht abgeschlossen. Zuletzt hatten sich beide Seiten optimistisch gezeigt, dass es zu einer weitreichenden Kooperation inklusive der MEB-Plattform durch Ford kommen könnte.

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