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16.03.2022

11:32

Nutzfahrzeuge

Elektro-Transporter erobern die Straßen

Von: Andreas Schulte

Noch sind batteriebetriebene Lieferfahrzeuge die Ausnahme. Doch das Interesse von Flottenmanagern wächst. Die Hersteller erweitern ihr Angebot.

Tier Mobility in London nutzt für den Transport der Scooter E-Nutzfahrzeuge. MAN

MAN ETGE

Tier Mobility in London nutzt für den Transport der Scooter E-Nutzfahrzeuge.

Köln Elektromobilität ist das Geschäft von Tier Mobility. In 180 Städten in 17 Ländern verleiht das Start-up E-Scooter. Doch um die Roller zu warten und Batterien zu wechseln, setzte das Unternehmen bislang klassische Transporter mit Verbrennungsmotor ein. Damit soll bald Schluss sein: Ein Rahmenvertrag mit MAN sieht die Lieferung von bis zu 130 E-Transportern vor. In Deutschland und Großbritannien sind seit November die ersten Fahrzeuge vom Typ des batteriebetriebenen ‧eTGE schon unterwegs. Bis Ende April sollen 25 Städte erschlossen sein. Derzeit sind es acht.

Ein erstes Fazit fällt positiv aus: „Mit der Reichweite des MAN eTGE von 130 Kilometern kommen unsere Mitarbeiter gut aus und können problemlos ihren täglichen Aufgaben nachgehen“, sagt Tier-Sprecher Patrick Grundmann. Zeitverluste beim Aufladen gegenüber dem Tanken der üblichen Dieselfahrzeuge entstehen kaum. Der eTGE lädt seine Batterie innerhalb von 45 Minuten von null auf bis zu 80 Prozent auf. Diese Zeitspanne wird in den üblichen Arbeitsablauf integriert. „Die Transporter werden in den Pausen und über Nacht geladen“, sagt Grundmann.

Zur Wirtschaftlichkeit der E-Flotte im Vergleich zum Diesel will das Unternehmen keine detaillierte Auskunft geben. „Die Elektrifizierung unserer Service-Flotte ist keine reine Kosten-Nutzen-Abwägung, sondern Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie“, sagt Grundmann. Allerdings spare man aktuell angesichts hoher Spritpreise Betriebskosten. Die Wirtschaftlichkeit des Fuhrparks hängt langfristig freilich auch von der Einsatzzeit der Fahrzeuge ab. Bedenken wegen einer möglichen kurzen Lebensdauer der Batterie zerstreut MAN. Der Fahrzeugbauer gibt auf den Akku acht Jahre oder 160.000 gefahrene Kilometer Garantie.

Logistiker fahren voraus

Mit der Elektrifizierung der Transporterflotte liegt Tier Mobility im Trend. Mehr als jeder dritte Fuhrparkverantwortliche in Deutschland kann sich mittlerweile vorstellen, zukünftig E-Transporter einzusetzen, ergab eine Befragung von Dataforce. Den Marktanalysten zufolge sind batteriebetriebene Fahrzeuge in dem Segment aktuell zwar noch vergleichsweise selten. Doch ihr Anteil am gesamten Transporterbestand stieg im vergangenen Jahr von 3,4 auf immerhin 5,3 Prozent.

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    Die Wachstumskurve dürfte in den kommenden Jahren steil nach oben gehen. Dataforce verweist darauf, dass die Hersteller für dieses Jahr zahlreiche neue Modelle angekündigt haben – und Flottenmanager endlich mehr Auswahl haben. Die Unternehmensberatung McKinsey rechnet damit, dass bis zum Jahr 2030 bereits 54 Prozent der gewerblichen Transporterflotten in Europa elektrifiziert sind.

    Grafik

    Mit den aktuellen Förderungen seien E-Transporter bei den Kosten pro Kilometer bereits heute günstiger als Dieselmodelle, sagt Bernd Heid, Senior Partner bei McKinsey. „Langfristig werden sie sich auch ohne Förderung durchsetzen.“ Ein weiterer Treiber seien drohende Einfahrtsverbote für Dieselfahrzeuge in Innenstädten – das rege etwa Handwerker zum Umdenken an. An der Spitze der Entwicklung stünden aktuell aber die großen Lieferdienste, sagt Heid: „Sie können es sich schon aus Gründen der Nachhaltigkeit nicht mehr leisten, auf E-Transporter zu verzichten.“ Zudem seien ihre Routen mit im Schnitt 60 Kilometern sehr genau planbar, sodass keine Reichweitenprobleme entstünden.

    Zu den Vorreitern gehört die Deutsche Post mit ihren „Streetscootern“. Mit inzwischen 17.000 E-Transportern werden Sendungen ausgeliefert. Doch das Ende 2014 vom Logistikkonzern gekaufte Start-up belastet die Bilanz: Im Jahr 2020 gab es einen Verlust von 318 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 115 Millionen. Anfang des Jahres gab die Post die hauseigene Street‧scooter-Produktion nach einer langen Käufersuche an die luxemburgische Firma Odin Automotive ab.

    Grundsätzlich halten die Bonner aber am Streetscooter fest und garantierten beim Verkauf ein Abnahme von 9500 Fahrzeugen. Anfang Februar gab Odin den Produktionsstart in der Fabrik in Düren bekannt. „Mit der aktuellen Linie können wir 30.000 Autos pro Jahr fertigstellen“, sagt Veronica Grigoriou, Kommunikationschefin von Odin. Der Streetscooter soll nun auch für andere Lieferdienste interessanter werden, die bislang vor einem Einkauf bei der Konkurrenz zurückschreckten.

    Grundlegendes ändern wird Odin zunächst nicht. Insgesamt sei der Streetscooter gut konstruiert, daher seien nur kleine Änderungen nötig, um das Auto an neue Märkte wie etwa die USA anzupassen, sagt Grigoriou. Man arbeite aber daran, die Batterie zu verbessern – für eine höhere Reichweite.

    Reichweite steigt stark

    Die Konkurrenz wächst – denn auch etablierte Autohersteller gehen von einer steigenden Nachfrage aus. Mercedes-Benz Vans etwa hat kürzlich eine Studie des E-Sprinters vorgestellt, die spezielle Anforderungen von Paketauslieferern berücksichtigt. Eine Lichtschranke öffnet und schließt die häufig benutzte Schiebetür automatisch. Der Sicherheitsgurt ist mit einer Heizung versehen. Ob und wann diese Annehmlichkeiten der E-Sprinter-Studie in Serie gehen,verrät der Automobilhersteller nicht.

    Für Kunden abseits des Logistiksektors locken die Hersteller aktuell vor allem mit hohen Reichweiten. Die für Ende 2023 geplante Version des Mercedes E-Sprinters etwa soll mit einer Akkuladung mehr als 300 Kilometer weit kommen. Konkurrent Ford verspricht für seinen E-Transit, der ab Mai ausgeliefert werden soll, bis zu 317 Kilometer. Als reichweitenstärkstes Modell galt bisher die elektrische Version des Fiat Ducato mit 360 Kilometern. Übertrumpfen will das das Start-up Elaris, das in China hergestellte Elektroautos in Deutschland verkauft. Der Hochdach-Kastenwagen „Caro“ soll bis zu 450 Kilometer weit kommen.

    Um Mittelständlern und Handwerksbetrieben den Umstieg auf E-Transporter schmackhaft zu machen, setzen die Hersteller zunehmend auf zusätzliche Dienstleistungen. So will Odin rund um den Streetscooter künftig auch Ladetechnik, Finanzierung und Telematikdienste anbieten, kündigt Kommunikationschefin Grigoriou an. Das Ziel: „Wir entwickeln einen ganzheitlichen Ansatz als Service-Anbieter.“ Nach Einschätzung des McKinsey-Experten Heid ist dies der richtige Weg: „Der begrenzende Faktor beim Markthochlauf bei den E-Transportern ist das Angebot an Komplettlösungen für Flottenbetreiber. Hier gibt es vor allem noch bei der Planung und Bereitstellung der Infrastruktur Nachholbedarf.“

    Die E-Scooter-Firma Tier Mobility nutzt neben eigenen Stationen in Lagerhäusern auch das öffentliche Netz, um die Batterien der Transporter aufzuladen. In die Klagen über die schlecht ausgebaute Infrastruktur für E-Mobilität will das Unternehmen nicht einstimmen. „Da wir die E-Transporter fast ausschließlich im urbanen Gebiet und für Kurzstrecken einsetzen, betrifft uns das nicht“, sagt Firmensprecher Grundmann.

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