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05.04.2022

10:24

Fluggesellschaften

Wie Leasingfirmen versuchen, ihre Jets in Russland zurückzubekommen

Von: Jens Koenen

Ein Rechtsstreit mit Air Bridge Cargo zeigt, wie russische Kunden die Herausgabe gemieteter Flugzeuge verweigern – und internationale Regeln brechen.

Die Leasingfirma BOC konnte sich bisher nur einen ihrer drei Jets zurückholen, die sie an die russische Fracht-Airline vermietet hat. imago images/Arnulf Hettrich

Eine Boeing 747 von Air Bridge Cargo beim Start in Frankfurt

Die Leasingfirma BOC konnte sich bisher nur einen ihrer drei Jets zurückholen, die sie an die russische Fracht-Airline vermietet hat.

Frankfurt Eine einzelne Klage zeigt das Dilemma der Flugzeug-Leasingfirmen, das der Ukrainekrieg und die Sanktionen gegen Russland verursacht haben. Unter Case-No. 22 Civ.2070 hat BOC Aviation aus Singapur versucht, per Gerichtsbeschluss ein Frachtflugzeug vom russischen Kunden Air Bridge Cargo zurückzubekommen. Es gelang, die betreffende Boeing 747-8F steht mittlerweile in San Bernadino in Kalifornien. Doch zwei weitere Frachter des Typs will der Kunde nicht rausrücken.

Was sich in den Akten wie ein Wirtschaftskrimi liest, könnte internationale Regularien verletzt haben. Und es gibt Anhaltspunkte, dass das nicht nur in einem Fall geschehen ist.

Der Fall begann damit, dass die EU Ende Februar drastische Sanktionen gegen die russische Luftfahrt verhängte. Unter anderem mussten Leasingfirmen bis zum 31. März ihre Verträge mit Kunden in Russland kündigen. Das bedeutet: Sie mussten ihre Flugzeuge zurückfordern, wollten sie einen Verlust ihrer Vermögenswerte verhindern.

Das ist nicht so einfach, wie der Fall von BOC Aviation zeigt. Die drei Boeing 747-8F, die die Leasingfirma an Air Bridge Cargo vermietet hat, standen in Hongkong, Schanghai und Zhengzhou. Das geht aus den Unterlagen hervor, die die Anwälte der Leasingfirma – die Kanzlei Smith, Gambell & Russel LPP – beim Bezirksgericht Southern District of New York am 14. März eingereicht haben. Außerhalb russischen Hoheitsgebiets standen die Chancen eigentlich gut, das Fluggerät zu beschlagnahmen.

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    Russland: Frachtfirmen und Aeroflot geben Flugzeuge nicht zurück

    Das Management von Air Bridge Cargo hatte offensichtlich eigene Pläne. Die beiden Frachter in China seien am 6. März kurzfristig nach Moskau geflogen worden, obwohl BOC den Kunden angewiesen habe, die Flugzeuge am Boden zu lassen, ist im Schriftsatz der Anwälte zu lesen: „In einem Fall, nachdem das Leasing bereits beendet worden war und infolgedessen das Flugtüchtigkeitszeugnis für das Flugzeug aufgehoben war.“ Das bedeutet: Ein Frachtflugzeug wurde nach Auffassung von BOC sogar ohne die erforderliche Registrierung nach Russland gebracht. Das wäre ein Bruch internationaler Luftfahrtregeln.

    Dezidiert wird von den Anwälten geschildert, was BOC unternahm, um Zugriff auf die drei Flugzeuge zu bekommen. Nach dem Beschluss der Sanktionen durch die EU und weitere Staaten erhielt BOC am 1. März vom Flugzeugversicherer ein Schreiben, in dem die sogenannte Hull War Reinsurance für die drei Boeing-Frachter von Air Bridge Cargo gekündigt wurde. Sie versichert schwere Schäden etwa in Folge eines Krieges.

    Flugzeuge fliegen ohne Zulassung zurück nach Russland

    Die Folge: Wesentliche Voraussetzungen für die Leasingverträge waren nicht mehr erfüllt. Am 3. März informierte BOC seinen russischen Kunden über die Kündigung des Versicherungsschutzes und wies an, den Betrieb mit den drei Flugzeugen schnellstmöglich, spätestens aber bis zum 7. März einzustellen. Die Flugzeuge sollten außerhalb Russlands geparkt werden.

    Am 5. März forderte BOC die Verantwortlichen bei Air Bridge Cargo erneut dazu auf, die Jets dort zu parken, wo sie sich zu dem Zeitpunkt befanden: Hongkong, Schanghai und Zhengzhou. Einen Tag später mussten die Experten bei BOC dann über den Trackingdienst Flightradar beobachten, wie sich die beiden in Festlandchina geparkten Flugzeuge in Richtung Moskau bewegten.

    Über die Webseite des Flughafens in Hongkong erfuhr BOC am 6. März, dass auch der dritte Frachter den Airport noch am selben Tag um 23.05 Uhr Ortszeit verlassen sollte, wahrscheinlich ebenfalls Richtung Moskau. Sie hoben den Leasingvertrag für den Jet mit sofortiger Wirkung auf. Gleichzeitig wurde das Flugzeug mitsamt allen erforderlichen Dokumenten zurückgefordert. Parallel entzog die Luftfahrtbehörde der Bermudas, wo der Jet registriert war, die Zulassung.

    Die Verantwortlichen bei Air Bridge Cargo reagierten in einem Telefonat mit BOC auf ihre Weise. Sie hätten von BOC die Zustimmung verlangt, das dritte Flugzeug in Hongkong Richtung Russland starten zu lassen, schreiben die Anwälte der Leasingfirma. Erst wenn diese Forderung erfüllt worden wäre, seien sie dazu bereit gewesen, die beiden anderen Flugzeuge zurückzugeben. BOC lehnte ab.

    Am Ende setzte BOC den dritten Frachter in Hongkong fest, nachdem das US-Gericht einen entsprechenden Gerichtsbeschluss ausgestellt hatte. Der gilt auch in Hongkong, Basis ist ein internationales Abkommen zur Sicherung geleaster Flugzeuge, dem die meisten Länder auf der Welt beigetreten sind – auch Russland. Es wird Cape Town Treaty genannt und stammt aus dem Jahr 2001.

    Doch dieser eine Fall, in dem die Sicherung gelang, könnte die Ausnahme bleiben. Mittlerweile gibt es immer wieder Berichte, nach denen dieses Abkommen durch russische Airlines gebrochen wurde. So etwa Anfang März, als ein Airbus A321 Neo von Aeroflot, der dem irischen Leasinggeber SMBC Aviation Capital gehört, in Ägypten hätte festgesetzt werden müssen. Der Jet hob kurz nach der Landung wieder ab, das Ziel: Moskau. Eine gültige Zulassung hatte er zu dem Zeitpunkt nicht mehr.

    Leasing-Flugzeuge: Schaden in Milliardenhöhe durch Russland

    Für BOC geht es wie für alle Leasingfirmen um sehr viel Geld. Allein der Wert des dritten und nun beschlagnahmten Frachters wird in den Gerichtsunterlagen mit 148 Millionen Dollar angegeben. Ob BOC irgendwann auch den Zugriff auf die beiden anderen 747 zurückerlangen kann, ist offen. Bei Air Bridge Cargo schweigt man, verweist lediglich auf laufende Gespräche mit den Leasingfirmen.

    Der russische Verkehrsminister Witali Saweljew hatte vor wenigen Tagen berichtet, Leasinganbieter hätten 500 Flugzeuge zurückgefordert, im Gesamtwert von rund 20 Milliarden US-Dollar. Nach Angaben der auf Luftfahrt spezialisierten Beratungsfirma IBA befanden sich Mitte März noch 523 Maschinen ausländischer Flugzeugfinanzierer in Russland. Die Regierung im Kreml hat die Airlines angewiesen, ihre geleasten Flugzeuge nur noch im Inland zu betreiben. Außerdem können die Jets kurzfristig in Russland eine neue Registrierung bekommen, sollte diese im Ausland entzogen werden.

    Die Aussichten für die Leasinggeber sind entsprechend schlecht. Aercap, die weltgrößte Leasingfirma in der Luftfahrt, hat ihrer Versicherung mittlerweile einen Schaden in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar gemeldet.

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