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22.06.2022

15:38

Gasversorgung

„Reduzierung der Lieferungen ist dramatisch“: Chef der Netzagentur warnt eindringlich vor Gasengpässen

Von: Catiana Krapp

Die gedrosselten Erdgaslieferungen aus Russland bereiten Industrie und Politik große Sorgen. Plant die Bundesregierung die nächste Alarmstufe?

Der Chef der Bundesnetzagentur warnt vor den möglichen Folgen ausbleibender Gaslieferungen aus Russland. dpa

Klaus Müller

Der Chef der Bundesnetzagentur warnt vor den möglichen Folgen ausbleibender Gaslieferungen aus Russland.

Essen Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, warnt eindringlich vor Gasengpässen in Deutschland. „Die Reduzierung der Gaslieferungen durch Nord Stream 1 um 60 Prozentpunkte ist dramatisch“, sagte er am Dienstagmittag bei einer Diskussionsrunde auf der Energiemesse E-World in Essen. „Ich bin dankbar für jeden Vorschlag, wie wir den Gasverbrauch im nächsten Winter herunterkriegen. Stand heute haben wir ein Problem.“

Russland hat seine Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 seit dem 13. Juni in zwei Schritten gesenkt. Moskau begründet das mit einer fehlenden Gasverdichterturbine von Siemens Energy, die in Kanada gewartet wurde und aufgrund der Sanktionen dort festhängt. Zuletzt flossen 60 Prozent weniger Gas durch Nord Stream 1 nach Deutschland.

Fehlende Gasimporte: Schwere Folgen für Industrie und Verbraucher

Bevölkerung und Unternehmen stehen nun vor der Frage, ob Deutschland genügend Gas erhalten wird, um über den Winter zu kommen. Falls das nicht gelingt, könnte das schwerwiegende Konsequenzen für große Teile der Industrie und schlimmstenfalls sogar Verbraucher mit sich bringen.

Die jährliche Wartung der Pipeline, auf die sich Russland zuletzt bezog, steht eigentlich erst im Juli an. Müller sagte im Hinblick darauf: „Ich weiß nicht, ob danach noch 60, 40, 100 oder null Prozent Gas nach Europa fließen. Darum bin ich sehr, sehr angespannt.“

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    Uniper: Gasspeicherung deutlich zurückgefahren

    Derzeit versuchen die deutschen Betreiber, so schnell wie möglich ihre Speicher aufzufüllen, um bestmöglich für den Winter gerüstet zu sein. Das allerdings ist bereits jetzt angesichts der reduzierten Lieferungen aus Russland schwer geworden.

    Das sagte auch Klaus-Dieter Maubach, Chef des Energiekonzerns Uniper, der große Mengen Gas aus Russland importiert und Speicher in Deutschland betreibt. „Wir sind in einer sehr schwierigen Situation“, erklärte er bei der Messe am Dienstag. „Die Gasspeicherung haben wir aufgrund der Versorgungslage deutlich zurückgefahren. Uns fehlen erhebliche Mengen aus den Russlandverträgen.“

    Uniper habe deshalb nicht mehr die nötigen Gasmengen übrig, um einzuspeichern, sondern brauche das vorhandene Gas, um Gaskunden zu beliefern.

    Bundesnetzagentur: „Müssen den Leuten reinen Wein einschenken“

    Netzagenturchef Müller hatte am Nachmittag erklärt, aufgrund der aktuellen Prognosen könne er nicht davon ausgehen, dass sich die Speicher weiterhin so schnell füllten wie in den vergangenen Wochen. Er sagte: „Ich fühle mich schlecht, wenn ich als Miesepeter durch die Gegend laufe“, warnte aber: „In zwölf Wochen beginnt die Heizsaison. Das ist praktisch übermorgen.“

    Müller sagte weiter: „In meinem Freundes- und Bekanntenkreis spricht man über den nächsten Freibadbesuch. Das korrespondiert nicht mit dem Arbeitsalltag in der Bundesnetzagentur.“ Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft müssten sich jetzt zusammenschließen und „den Leuten reinen Wein einschenken“. Nur dann könnten die Menschen verstehen, wie ernst die Situation sei. „Man muss jetzt damit anfangen, damit der Winter halbwegs glimpflich verläuft“, sagte Müller.

    Bereitet Bundesregierung die nächste Alarmstufe vor?

    Die Bundesregierung bereitet derweil nach einem Bericht der Zeitung „Welt“ die Ausrufung der Alarmstufe des nationalen Notfallplans Gas innerhalb weniger Tage vor. Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen habe die Energiewirtschaft am Montag auf den bevorstehenden Schritt vorbereitet, schreibt das Blatt unter Berufung auf die Branche. Diese Darstellung wurde auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa am Dienstagabend in Kreisen der Energiewirtschaft bestätigt. Diese zweite Stufe könnte Erdgas für alle Verbraucher unmittelbar und erheblich verteuern.

    Das Wirtschaftsministerium will nicht über die Ausrufung der nächsten Stufe im Notfallplan Gas spekulieren. „Für die Stufen des Notfallplans Gas gelten die gesetzlichen Regelungen und Vorgaben. Nach diesen Vorgaben entscheiden wir und spekulieren nicht darüber. Es wird jeweils nach aktueller Lage und aktuellem Lagebild entschieden“, sagte eine Sprecherin. Die Versorgungssicherheit sei aktuell weiter gewährleistet, aber die Lage sei ernst.

    Ausrufung der Alarmstufe innerhalb von fünf bis zehn Tagen?

    Die „Welt“ berichtete, dass die Versorger davon ausgehen sollten, dass die Ausrufung der Alarmstufe innerhalb von fünf bis zehn Tagen erfolge. Graichen habe mit der Ankündigung die 55 Mitglieder des Vorstands des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) adressiert. Bei dem Verband hieß es, Gremiensitzungen seien grundsätzlich nichtöffentlich: „Über Verlauf und Inhalte solcher Sitzungen informiert der BDEW daher grundsätzlich nicht und kommentiert keine diesbezüglichen Spekulationen.“

    Der Notfallplan Gas regelt das Vorgehen in Deutschland, wenn sich die Versorgungslage deutlich zu verschlechtern droht - oder wenn dies der Fall ist. Es gibt drei Stufen. Ende März hatte das Wirtschaftsministerium die erste Stufe ausgerufen, die Frühwarnstufe. Die zweite Stufe wäre die Alarmstufe.

    Gas-Branche sieht den Staat gefragt

    Die Spekulationen nähren die Sorge, dass das Gas auch für private Haushalte knapp wird. Timm Kehler, Geschäftsführer des Verbands Zukunft Gas, zeigte sich auf der E-World-Messe jedoch zuversichtlich: „Für Privatleute wird ausreichend Gas zur Verfügung stehen“, sagte er. „Die Gasheizungen werden nicht kalt.“

    Wie Gas auch bei Privathaushalten gespart werden kann, war ebenfalls Thema der Diskussionsrunde. Besprochen wurde unter anderem die Idee, Haushalten eine Prämie von 500 Euro auszuzahlen, wenn sie besonders wenig Gas verbrauchen. Thomas König, Vorstandsmitglied des Netzbetreibers Eon, sagte allerdings: „Die Margen sind dünn, da ist für eine 500-Euro-Prämie keine Luft.“

    König mahnte, punktuell besser jenen Menschen zu helfen, die es am nötigsten hätten. Er sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass wir in Deutschland ernsthaft mal über Energiearmut nachdenken müssen. Dafür sollte es Förderprogramme geben, aber die sollten nicht von den Unternehmen kommen, sondern da ist der Staat gefragt.“

    „Viele unserer Kunden sehen die volle Preiswucht heute noch nicht“

    Uniper-Chef Maubach schloss sich dem Gedanken an, dass die soziale Komponente mitgedacht werden müsse. Er sprach über die Idee, eine bestimmte Menge Gas zum Heizen für Haushalte günstig anzubieten und nur darüber hinausgehenden Verbrauch teuer zu machen. „Das hätte eine soziale Komponente und einen hohen Preisanreiz“, so Maubach.

    Müller gab indes zu bedenken, man müsse Mechanismen zum Einsparen von Gas bei Haushalten theoretisch innerhalb der nächsten zwölf bis 16 Wochen umsetzen. Das aber sei so gut wie unmöglich. Müller sagte im Hinblick darauf: „Wir haben nicht nur den Winter 2022/2023, sondern auch den Winter 2023/2024. In allen Prognosemodellen, die ich kenne, brauchen wir mindestens bis Sommer 2024, bis wir guten Gewissens auf russisches Gas verzichten können.“

    Uniper-Chef: „Müssen noch mehr Transparenz schaffen“

    Deutschland habe nicht nur einen, sondern zwei Winter zu bestehen. „Der zweite Winter trifft auf eine Bevölkerung, die schon einen richtig unangenehmen Winter hinter sich hat“, so Müller.

    Bevor Haushalte von einer Gasknappheit betroffen sind, müsste nach aktueller Regelung allerdings die Industrie mit Einschränkungen rechnen. Maubach warnte hier: „Viele unserer Kunden sehen die volle Preiswucht heute noch nicht.“ Die Gasmengen, die Uniper heute liefert, kommen häufig aus Verträgen, die vor langer Zeit zu günstigeren Preisen geschlossen wurden. „Die Kunden sehen viel, viel niedrigere Preise“, sagte Maubach. „Wir müssen da noch mehr Transparenz schaffen.“

    Auktionsmodell zur Einsparung von Industriegas

    Wenn es in Deutschland zu einem akuten Gasmangel käme, etwa weil Russland gar kein Gas mehr liefert, müsste nach aktueller Regelung die Bundesnetzagentur als „Bundeslastverteiler“ agieren und entscheiden, wer noch wie viel Gas erhält. Dazu erklärte Müller: „Es wird Sie nicht wundern, dass wir alles tun wollen, damit wir diese Stufe nicht erreichen.“ Er habe mal Volkswirtschaftslehre studiert aus der Überzeugung, dass es niemals klug ist, wenn der Staat entscheidet, wer welches Gut braucht.

    Müller verwies auf ein Auktionsmodell zur Einsparung von Industriegas, das Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) angekündigt hatte. „Das ist ein marktliches Angebot an die Industrie, in einer permanenten Auktion Gas anzubieten, das sie nicht mehr braucht, um eine Gasnotlage hinauszuzögern oder zu vermeiden“, so Müller. Es sei für ihn in „keinster Weise eine Traumvorstellung“, Präsident einer Behörde zu sein, die Entscheidungen über die Gasverteilung treffen müsse.

    Erstpublikation: 21.06.22, 16:20 Uhr (zuletzt aktualisiert: 21.06.22, 19:43 Uhr).

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