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08.06.2022

17:09

Gleichberechtigung

Die neue EU-Frauenquote trifft viele deutsche Firmen an einer empfindlichen Stelle

Von: Tanja Kewes

Börsennotierte Unternehmen in der EU sollen in spätestens vier Jahren Frauenquoten in ihren Führungsgremien umsetzen. Bei Verstößen droht Bußgeld.

Nach jahrelanger Blockade kommt nun die europaweite Frauenquote. AP

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

Nach jahrelanger Blockade kommt nun die europaweite Frauenquote.

Düsseldorf Die neue sogenannte Geschlechterquote der EU, auf die sich die Unterhändler in Brüssel am späten Dienstagabend geeinigt haben und die ab 2026 gelten soll, wird die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen. Sie liegt mit 40 Prozent zehn Prozentpunkte über der bisher seit 2015 bestehenden gesetzlichen Frauenquote hierzulande. Zudem wird sie für alle börsennotierten Gesellschaften angewendet und nicht nur für die paritätisch mitbestimmten.

„Der Dax 40 startet auf hohem Niveau, und die meisten Dax-Unternehmen werden es bis 2026 auf dem Weg, den sie bereits eingeschlagen haben, sicherlich schaffen. Herausfordernder wird es hingegen für die vielen börsennotierten Unternehmen, die bisher nicht unter die gesetzliche Regelung fielen“, sagte Thomas Tomkos, Leiter der deutschen Board Practice der international tätigen Personalberatung Russell Reynolds. „Sie müssen jetzt handeln.“

In der deutschen Wirtschaft hat sich zwar in den vergangenen Jahren in Sachen Frauen in Führungspositionen einiges getan. Allerdings war der Nachholbedarf im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr hoch – und es passierte auch erst etwas durch gesetzlichen Druck.

Erst die Einführung der Frauenquote für die Aufsichtsräte von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen im Rahmen des „Ersten Führungspositionengesetzes“ 2015 brachte den Wandel. Der Frauenanteil in den Kontrollgremien der Dax-Konzerne stieg seitdem von unter zehn Prozent auf aktuell knapp 33 Prozent.

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    Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei der erst im vergangenen Jahr eingeführten Frauenquote für Vorstände ab. Seitdem wurden so viele weibliche Dax-Vorstände berufen wie noch nie. Der Frauenanteil in den Dax-Vorständen lag am 1. März dieses Jahres bei rund 14 Prozent.

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    Deutschland liefert damit auch so etwas wie die Blaupause für die Notwendigkeit und Wirksamkeit einer solchen Quote. Die Einigung der Unterhändler der Mitgliedstaaten und des EU-Parlaments nach jahrelanger Blockade kam nun dennoch überraschend.

    Staaten können bis 2026 zwischen zwei Modellen wählen

    Konkret sollen die Staaten zwischen zwei Modellen wählen können. Entweder sollen mindestens 40 Prozent der Mitglieder von nicht geschäftsführenden Aufsichtsratsmitgliedern Frauen sein, wie die Vizepräsidentin des EU-Parlaments Evelyn Regner mitteilte. Eine andere Möglichkeit sehe vor, einen durchschnittlichen Frauenanteil von 33 Prozent für Aufsichtsräte und Vorstände zu erreichen.

    Wer sich nicht an die Regeln halte, müsse Bußgelder zahlen. Das Vorhaben ist geschlechtsneutral. Sprich: Wenn in einem entsprechenden Gremium mehr Frauen als Männer säßen, profitierten auch Männer von der Regelung.

    Eine solche Vorgabe sei längst überfällig, sagte Regner: „Nach Schätzungen des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen sind derzeit nur 30,6 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder weiblich und nur 8,5 Prozent der Vorstände in der EU mit Frauen besetzt“, so die als Chefverhandlerin an den Verhandlungen beteiligte Sozialdemokratin.

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    Die neue wie die bisherige Frauenquote findet ein sehr geteiltes Echo in der deutschen Wirtschaft. Allgemein wird eine Quotenreglung abgelehnt. Viele Unternehmer und Aufsichtsräte empfinden sie als Eingriff in ihr Geschäftsgebaren.

    Gleichzeitig steigt aber auch die Einsicht, dass diverse Teams erfolgreicher sind. Schließlich belegen Studien, dass divers aufgestellte Unternehmen wettbewerbsfähiger sind. So zeigt der „Gender Diversity Index“ der Boston Consulting Group, dass diverse Unternehmen im Schnitt neun Prozent höhere Gewinnmargen erreichen und innovativer sind. Sie generieren um 19 Prozentpunkte höhere Innovationseinnahmen. Zudem steigt durch den Fachkräftemangel der Druck auf die Konzerne, sich als attraktive Arbeitgeber für alle Bevölkerungsgruppen zu positionieren.

    Prominente Frauen hatten für die Quote geworben

    Vielfalt ist deshalb inzwischen bei einigen Dax-Konzernen zur Vorstandssache erklärt worden: Bei der Allianz ist Personalchefin Renate Wagner dafür verantwortlich und bei Puma Konzernchef Björn Gulden. Bei beiden sind zudem die Boni der Vorstandsmitglieder an Diversitätsziele gebunden. Und auch bei anderen Konzernen ist Vielfalt, wie eine Analyse der Initiative Beyond Gender Agenda jüngst gezeigt hat, schon im Topmanagement verankert: bei Bayer, Adidas, Merck, Siemens und Continental.

    Als ein Treiber von Vielfalt gilt – auch aufgrund ihres gezeigten Erfolgs – die Frauenquote. Entsprechend mehrten sich die Stimmen, die eine solche Geschlechterquote aktiv einforderten. So trommelten am Wochenende deutsche Managerinnen und Unternehmerinnen in den sozialen Netzwerken LinkedIn und Twitter für die EU-Frauenquote. Sie forderten diese „jetzt und ohne Kompromisse“.

    Zum Kreis der Aktivistinnen gehörten die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer, Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta, die langjährige Lanxess-Personalerin Stephanie Cossmann, die Unternehmerinnen Victoria Wagner und Tijen Onaran, die Soziologin Jutta Allmendinger, die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und die Deutschlandchefin von Philip Morris, Claudia Oeking.

    Schnitzer, seit 2020 im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, zeigte sich am Dienstagabend von der Einigung erfreut und schrieb auf Twitter von „sehr guten Nachrichten“.

    Allmendinger, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung leitet, ergänzte im gleichen Kanal: „High Five. Nach zehn Jahren kommt nun endlich die 2012 beschlossene Quotenregelung und muss bis 2026 umgesetzt werden.“ Und Bahn-Vorständin Nikutta jubelte auf LinkedIn: „Das ist ein wahrer Erfolg für Diversität in der europäischen Wirtschaft. Herzlichen Dank an die VerhandlerInnen und die vielen UnterstützerInnen! Weiter geht’s!“

    Maßgeblich für die nun gefundene Einigung war auch der Regierungswechsel in Deutschland. Unter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stand Deutschland einer Einigung noch im Weg. Bereits vor rund zehn Jahren hatte die EU-Kommission versucht, verbindliche Regeln einzuführen. Unter der damaligen Justizkommissarin Viviane Reding gab einen entsprechenden Vorstoß, der jedoch auch von der Bundesregierung unter Merkel abgelehnt wurde. Damals waren in Deutschland nur 15,6 Prozent der Aufsichtsräte weiblich.

    Der Umschwung kam Anfang des Jahres, als sich die deutsche EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron überraschend klar und deutlich für die Verabschiedung der Frauenquote in der EU in Höhe von 40 Prozent für die Aufsichtsräte aller Unternehmen eingesetzt hatten. Am 14. März hatten sich dann auch die EU-Minister für die Richtlinie ausgesprochen.

    Nun wurde der Richtlinienvorschlag im sogenannten Trilog zwischen Parlament, Kommission und Rat verhandelt. Die jetzt gefundene Reglung muss noch von den EU-Staaten und dem Europaparlament bestätigt werden, was jedoch als Formsache gilt.

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