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14.03.2022

04:00

Gleichstellung

Neue EU-Frauenquote setzt deutsche Konzerne unter Druck

Von: Tanja Kewes

PremiumAm Montag will Brüssel eine Quote auf den Weg bringen, die auch nicht paritätisch mitbestimmte Unternehmen trifft. Zwei Dax-Konzerne würde das zum Handeln zwingen.

Mit einer EU-Quote steigt der Handlungsdruck auf einige Konzerne bei der Gleichstellung massiv. E+/Getty Images

Managerin im Büro

Mit einer EU-Quote steigt der Handlungsdruck auf einige Konzerne bei der Gleichstellung massiv.

Düsseldorf Ursula von der Leyen hat sich schon in ihrer Zeit als Bundesfamilienministerin für die Gleichstellung von Frauen und Männern eingesetzt und etwa die Elternzeit und das Elterngeld eingeführt. Nun steht sie als EU-Kommissionspräsidentin kurz vor ihrem nächsten Coup. Am Montag soll der Ministerrat den Weg frei machen für eine Frauenquote in Höhe von 40 Prozent für die Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen.

Diese würde auch deutsche Konzerne treffen. In Deutschland gilt zwar seit 2015 schon eine Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte. Darüber hinaus gibt es seit vergangenem Jahr eine Mindestbesetzung für Vorstände. Doch diese Vorgaben gelten nur für börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Konzerne. Dax-Konzerne wie Porsche SE, Siemens Healthineers, Linde und Qiagen sind bisher nicht betroffen.

Mit einer EU-Quote steigt der Handlungsdruck für zwei dieser Konzerne massiv. Bei der VW-Dachgesellschaft Porsche SE ist mit der Kommunikationsstrategin Marianne Heiß eine von zehn Kontrolleuren weiblich. Beim Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers sind es mit der Ex-Chefin der Siemens-Stiftung, Nathalie von Siemens, und der Multiaufsichtsrätin Marion Helmes auch nur zwei von zehn Aufsichtsräten.

„Einige nicht paritätisch mitbestimmte deutsche Unternehmen, die bisher nicht unter die deutsche Quote fallen und immer noch darunter liegen, werden sich bewegen müssen“, erklärt Jens-Thomas Pietralla, Partner der Personalberatung Russell Reynolds. „Der 40-Prozent-EU-Zielwert ist dann der neue Maßstab.“

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    Unternehmen, die auch in Zukunft noch deutlich darunter lägen, bekämen nicht nur ein Reputationsproblem, das insbesondere bei der Rekrutierung von gesuchten Talenten negative Auswirkungen haben kann. „Sie schöpfen auch die Potenziale eines divers aufgestellten Unternehmens nicht aus“, sagt Pietralla.

    Porsche SE und Siemens Healthineers stehen damit vor der Herausforderung, ihren Frauenanteil in den Aufsichtsgremien in naher Zukunft mehr als verdoppeln zu müssen. Fünf MDax-Konzerne haben bisher gar keine Frau im Aufsichtsrat: Sixt, Nemetschek, Hypoport, Rational und Varta.

    Grafik

    Für Experten wie Pietralla sind die Beharrungskräfte einiger deutscher Konzerne schwer nachvollziehbar. „Es ist bedauerlich, dass einige Unternehmen erst unter dem Druck einer gesetzlichen Quote reagieren, während andere seit Jahren vorbildliche Arbeit in Sachen Diversität leisten“, sagt er. „Dass Vielfalt ein Erfolgsfaktor gerade in Transformationssituationen sein kann, ist hinlänglich bewiesen.“

    Schließlich gibt es nicht nur aus gesellschaftlicher, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht gute Gründe, vermehrt auf Frauen zu setzen. Unternehmen mit hohem Frauenanteil haben mehr Chancen, überdurchschnittlich erfolgreich zu sein, wie die Strategieberatungen Boston Consulting Group und McKinsey schon mehrfach in Studien darlegten. Hinzu kommt: Der Druck durch Investoren wie Blackstone, die nur in divers geführte Unternehmen investieren wollen, steigt.

    Führungsetagen geraten in Bewegung

    So sieht es auch Natalie Daghles, die Partnerin der Sozietät Noerr ist, und sich im Frauennetzwerk IWiL engagiert: „Die deutsche Wirtschaft droht im internationalen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten.“ Einflussreiche Investoren am Kapitalmarkt würden sehr genau auf Diversität und ein breites Mindset im Management achten und ihre Entscheidungen entsprechend treffen.

    Demgemäß zeichnet sich Bewegung ab: Beim Softwarehaus Nemetschek soll der Aufsichtsrat bei der Hauptversammlung am 12. April erweitert und weiblich verstärkt werden. Das erfuhr das Handelsblatt aus dem Unternehmen. Beim Tech-Konzern Teamviewer wurde jüngst der bis dato rein männliche Aufsichtsrat mit der Hongkong-Chinesin Hera Kitwan Siu verstärkt. Und Siemens Healthineers verweist auf die anstehenden Neuwahlen für den Aufsichtsrat im Februar 2023.

    Dass gesetzliche Quoten wirken, haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre gezeigt. So steigt der Frauenanteil in den deutschen Aufsichtsräten börsennotierter Konzerne seit 2015 kontinuierlich. Nach einer Analyse von Russell Reynolds ist bei den Dax-40-Unternehmen derzeit mit 35,9 Prozent gut jeder dritte Aufsichtsrat weiblich.

    Die bisher geltende 30-Prozent-Quote erfüllen 36 der 40 Mitglieder. Konzerne wie die Deutsche Bank, Eon, Continental und BMW, die genau 30 Prozent erreichen, müssten sich mit der neuen EU-Quote von 40 Prozent aber auch noch einmal mit weiblicher Kraft verstärken.

    Das Parlament zusammen mit Kommissionspräsidentin von der Leyen am Weltfrauentag. dpa

    Ursula von der Leyen

    Das Parlament zusammen mit Kommissionspräsidentin von der Leyen am Weltfrauentag.

    Sanktionen müssen die Unternehmen, die die neue EU-Quote nicht einhalten, vorerst nicht fürchten. Sie müssen sich aber erklären, warum es ihnen nicht gelingt, die Vorgabe zu erfüllen. Zudem könnten Mitgliedsländer Strafen auf nationaler Ebene beschließen. Sollte sich am Montag nun eine Mehrheit unter den Ministern finden, muss noch das Europaparlament zustimmen.

    Die politische Debatte entspannt beobachten können die Konzerne, die sich schon bisher bewegt haben und die deutsche gesetzliche Quote sogar schon übererfüllen. Dazu gehören im Dax insgesamt zwölf Konzerne, darunter die Deutsche Telekom, Zalando, Covestro, Infineon, SAP, Henkel, Heidelberg Cement und Munich Re. Im 50 Werte umfassenden MDax erreichen zehn Unternehmen die 40-Prozent-Quote.

    Zu welchen Verwerfungen die gesetzliche Frauenquote führen kann, wenn die Förderung von Frauen nicht schon langfristig und aus Überzeugung angegangen wurde, sondern erst durch Quotendruck, zeigte jüngst der Fall des Kölner Konzerns Deutz. Der Streit bei dem Motorenhersteller über die gesetzlich vorgeschriebene Besetzung eines Vorstandspostens mit einer Frau eskalierte und hatte gravierende personelle Konsequenzen. Vorstandschef Frank Hiller musste das Unternehmen verlassen, und auch Aufsichtsratschef Bernd Bohr gab seinen Vorsitz ab.

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