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17.01.2019

12:17

Hall of Fame 2019

„Die Welt schaut mit Bewunderung auf unser Land“

Von: Anja Müller

Das Handelsblatt hat zum elften Mal die Pioniere der deutschen Unternehmer ausgezeichnet. Die Gewinner wurden in die Hall of Fame der Familienunternehmen 2019 aufgenommen.

Das Handelsblatt hat zum elften Mal die Pioniere der deutschen Unternehmer ausgezeichnet.

Hall of Fame Gewinner 2019

Das Handelsblatt hat zum elften Mal die Pioniere der deutschen Unternehmer ausgezeichnet.

MünchenFrust oder Freude? So lautete die Frage, die Sven Afhüppe den 190 geladenen Unternehmern am Mittwochabend im The Charles-Hotel in München in seiner Willkommensrede stellte. Sie wollten etwas über Freude hören, riefen sie dem Chefredakteur des Handelsblatts zu.

Er hätte stundenlang über die Krisen der Welt, die Folgen eines harten Brexits, das Börsenbeben, den Handelskrieg zwischen den USA und China oder den Konjunkturabschwung sprechen können. Deutschland liefere aber auch viele Heldengeschichten, die Zuversicht geben.

Nur sei Optimismus eben die knappste Ressource, sagte Gastgeber Afhüppe. „Die Welt schaut mit Bewunderung auf unser Land. Deshalb sollten wir stolz sein, auf dieses Land und unsere Helden“.

Zu diesen Helden zählt Berthold Leibinger, der bereits 2009 in die Hall of Fame der Familienunternehmen aufgenommen wurde. Leibinger verstarb im vergangenen Oktober und wurde jetzt zum Ehrenmitglied ernannt. Der Ingenieur und „Übervater des Maschinenbauers Trumpf“, wie Laudator Afhüppe ihn bezeichnete, besaß mehr als 100 Patente und wurde einst mit Firmenanteilen von Trumpf belohnt.

In den Sechzigerjahren kaufte Leibinger die ersten Anteile an Trumpf, ganze 2,4 Prozent. „Und er sparte, eine Königsdisziplin in Baden-Württemberg, in den folgenden 40 Jahren, bis ihm und seiner Familie die ganze Firma gehörte.“

Berthold Leibinger schrieb nicht nur eine überaus erfolgreiche Firmengeschichte, sondern setzte sich ein, für sein Land und bezog Stellung, immer klar, immer gerade. In seinem letzten Gastbeitrag für das Handelsblatt schrieb er im vergangenen März zur Diesel-Krise: „Wahrscheinlich würde ein Familienunternehmen sofort mit Nachrüstungen beginnen.“

„Nicht nur der Reputation willen oder um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Sondern aus einer Haltung der Verantwortung heraus“, zitierte Afhüppe. Vor dem Lebenswerk Berthold Leibingers erhoben sich am Ende der Lobrede alle Gäste und gedachtem dem großen Unternehmer.

Nachdenklich stimmte der kurzweilige Vortrag des Philosophen Richard David Precht über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und über die Fragen, was Menschen von Maschinen und Philosophen von Unternehmern unterscheidet. Precht gab zu bedenken, dass Menschen emotional und fiktionsbedürftig seien, sie also nicht gern im hier und jetzt leben, sondern Pläne schmieden, Visionen haben, Geschichten erdenken, oder sich schlicht ablenken.

Unternehmer verfügten über eine hohe ökonomische Kompetenz in einem Meer von Inkompetenz und ein Philosoph, wie er, könnte ihnen helfen, sich darin zurechtzufinden mit seiner Inkompetenz-Kompensationskompetenz. So erläuterte Precht, wie man die Prozesse vom Ende her denken müsse. Zum Beispiel beim autonomen Fahren.

Eine ethische  Programmierung könne es nicht geben. Man könne nicht ein Menschenleben gegen drei andere oder das eines Kindes gegenüber dem Leben einer älteren Dame abwägen. Das verstoße schon gegen das Grundgesetz. Denn wenn die Würde des Menschen unantastbar sei, dann sei sie quasi unüberbietbar und daher könne man nicht abwägen, wen man zuerst überfahren soll, oder lieber nur einen statt mehrere andere Menschen.

Er argumentierte mit Immanuel Kant, der Mensch dürfe nicht verzweckt werden, also dürfe man endlich niemanden opfern: Kurzum man kann auch damit aufhören, zu versuchen, ethisch zu programmieren, empfahl Precht.

Stefan Messer: Wie der Chef der Messer Group sein Unternehmen vor dem Aus rettete

Stefan Messer

Wie der Chef der Messer Group sein Unternehmen vor dem Aus rettete

Hundert Prozent Familie, hundert Prozent global: Das ist das Ziel von Stefan Messer, der den Industriegasehersteller in dritter Generation führt.

Unterstützt von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG und der Stiftung Familienunternehmen, zeichnete die Jury die neuen Mitglieder für die Hall of Fame aus. Zunächst Stefan Messer, Eigentümer der Messer Group, einem Spezialisten für Industriegase, dem einzigen familiengeführten Unternehmen im internationalen Geschäft mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro.

Messer führt das Unternehmen in dritter Generation und hat sich „großen Respekt“ verschafft, wie Vera-Carina Elter, Vorstandsmitglied von KPMG in ihrer Laudatio auf den Preisträger erklärte. Und zwar „indem er eine der spektakulärsten Firmenübernahmen der deutschen Unternehmensgeschichte gestemmt hat. Durch seinen beharrlichen Einsatz ist die Firma Messer wieder vollständig im Familienbesitz.“

Denn die Geschichte war wechselvoll, für das Unternehmen, von dem sein Vater einst zwei Drittel an Hoechst verkaufte. Und auch für ihn, den Nachfolger, der schon immer ins Unternehmen wollte, es aber mit größenwahnsinnigen Fremdmanagern und arroganten Konzernführungskräften zu tun bekam.

Aufgeben gehört nicht zum Repertoire der Familienunternehmer

Mithilfe von Finanzinvestoren gelang es ihm das Unternehmen von Hoechst zu trennen und schließlich durch den Verkauf großer Unternehmensteile wieder zu einem 100-Prozent-Familienunternehmen zu machen. Der beharrliche Kämpfer schaffte es nicht nur, das Unternehmen wieder neu aufzubauen und eine schwere Krankheit zu überwinden. Er traut sich sogar zu, noch einmal mit einem Finanzinvestor das US-Geschäft des Konkurrenten Linde zu übernehmen.

Es war ein besonderer Moment, als Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle Stefan Messer gratulierte. Es waren aber ebenso besondere Moment, als Stefan Messer auf der Bühne von seiner Leidenschaft für Karaoke berichtete sowie von den Demütigungen, die er einst ertragen musste, als er zu Hoechst-Zeiten zwar Geschäftsführer war, jedoch wie ein Schuljunge behandelt wurde.

Martin Krengel: Der Wepa-Chef hat zweimal alles riskiert – und gewonnen

Martin Krengel

Der Wepa-Chef hat zweimal alles riskiert – und gewonnen

Der Zusammenhalt der Unternehmerfamilie sucht seinesgleichen im deutschen Mittelstand. Martin Krengel kann so mutige Entscheidungen treffen.

Das Publikum war angerührt von dem Durchhaltevermögen des Unternehmers, der in seinem Leben nie aufgegeben hat. Ein Unternehmer zum Anfassen, betonte Elter.

Mit Wepa-Chef Martin Krengel hat die Jury einen Mann ausgezeichnet, der sich ebenso wenig als Patriarch bezeichnet. Er muss führen und die drei Brüder einbinden. Der Zusammenhalt der Familie hat Martin Krengel geprägt, als er einst lieber Fußballprofi statt Unternehmer werden wollte, als der Hygienepapierspezialist 2008 einen gleich großen Wettbewerber übernahm und als ein Finanzinvestor wieder herausgekauft werden musste.

Heute setzt das Unternehmen aus Arnsberg 1,2 Milliarden Euro um. Und Martin Krengel weiß Dinge über Menschen zu berichten, die garantiert vorher niemand im vollbesetzten Saal des Charles Hotels wusste. Auf Nachfrage der Moderatorin Judith Rakers erklärte er, dass die Deutschen lieber vierlagiges Toilettenpapier bevorzugen und die Südeuropäer sich auch mit zweilagigem zufrieden geben.

Er wusste zudem, dass die Deutschen lieber falten, statt knüllen, aber auch, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Hygienepapieren in den USA mit 28 Kilo weitaus höher ist, als in Deutschland mit 16. In Osteuropa beträgt er gerade einmal sieben Kilo. Das Potenzial ist bei Krengels vorhanden, nicht nur bei der Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauchs ihrer Kunden, sondern auch in der nächsten Generation: Sohn Andreas steht bereit.

Renate Pilz und Kinder: Das Erfolgstrio hinter dem Automatisierungsspezialisten Pilz

Renate Pilz und Kinder

Das Erfolgstrio hinter dem Automatisierungsspezialisten Pilz

Renate Pilz hat nach dem Tod ihres Mannes den Mittelständler zum Global Player gemacht. Die Schwäbin begeisterte auch ihre Kinder fürs Unternehmen.

Den Übergang in die nächste Generation auf ungewöhnliche Weise haben Renate Pilz, ihre Tochter Susanne Kunschert und ihr Sohn Thomas Pilz geschafft. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, der aus einer Glasbläserei einst ein Unternehmen für die Sicherheit in der Automation schuf, stand Renate Pilz 1975 plötzlich als alleinerziehende Unternehmerin mit zwei kleinen Kindern da.

Nicht eine Sekunde habe Pilz gezögert, sie wollte das Unternehmen behalten: „Es war ein Stück von ihm.“ Auch wenn ihr technisches Know-how gleich null gewesen sei. Sie habe einst zu ihrem Mann gesagt, als er ihr ein Relais zeigte, da „fängt das Wunder an“. Doch Renate Pilz fuchste sich ein, führte zunächst den Beirat und übernahm 1994 doch selbst die Geschäftsführung.

Sie investiert jedes Jahr 20 Prozent in Forschung und Entwicklung und setzt früh ein Zeichen gegen den Fachkräftemangel, internationalisiert das Unternehmen und holt die Kinder mit sanftem Druck ins Unternehmen. Von da an sitzen die zwei Generationen an drei Schreibtischen in einem Büro. Seit einem Jahr nun führen Susanne Kunschert und Thomas Pilz die Geschäfte. Und auch wenn es manchmal schwerfällt, bleibt Renate Pilz konsequent und lässt die Kindern machen.

Dass sich das erfolgreiche Unternehmertum der Ausgezeichneten auch poetisch verdichten lassen kann, bewies Dominique Macri mit ihrer abschließenden „Heldenreise“, auf die sich die versammelten Gäste sehr gern begaben. Und sie nahmen ihre Aufforderung an, als die Poetin sagte: „So geht die Heldenreise für heute zu Ende, doch die Zukunft liegt weiter in Euren Händen!“

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