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06.08.2019

17:29

Amokläufe in den USA

Nach den Anschlägen mischen sich US-Firmen ein – und werden in die Pflicht genommen

Von: Katharina Kort

US-Unternehmen fordern nach den Schießereien eine Waffenkontrolle. Sie treten in der Debatte aber nicht nur als auf Kläger auf. Einige Firmen werden selbst zu Angeklagten.

Gedenken an die 22 Toten im texanischen El Paso. Xinhua / eyevine / laif

Tatort Walmart

Gedenken an die 22 Toten im texanischen El Paso.

New York Apple-Chef Tim Cook war der erste bekannte Vorstandsvorsitzende, der sich nach den Schusswaffenattentaten am Wochenende in den USA zu Wort meldete. Man könne nicht weitermachen wie bisher, stellte er auf Twitter klar.

Es sei „Irrsinn, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“, schreibt er. „Es ist Zeit für gute Menschen mit verschiedenen Ansichten, aufzuhören, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und zusammenzukommen, um etwas zu tun, um diese Gewalt zum Wohle unseres Landes anzugehen“, twitterte er am Montag.

Sogar Vollblut-Kapitalisten wie Alan Patricof melden sich zu Wort. Der Gründer des mächtigen Wagniskapitalgebers Greycroft rief die Unternehmenslenker dazu auf, Druck auf Washington auszuüben, Waffen stärker zu kontrollieren. „Es ist verrückt, was in diesem Land passiert“, sagte er gegenüber dem Fernsehsender CNBC. „Wir sollten uns alle schämen“, sagte er, „wir sollten auf den Straßen sein und gegen Waffengewalt demonstrieren.“

Nach Schießereien immer das Gleiche zu tun, wie es Tim Cook ausdrückt, bedeutet in den USA vor allem eins: zu beten und zu gedenken und sonst alles beim Alten zu belassen. Die jüngsten Massaker in Ohio und Texas waren die 250. und 251. seit Anfang dieses Jahres.

Trotz landesweiter Schülerproteste nach der Schießerei an einer Highschool in Parkland in Florida im vergangenen Jahr und Forderungen vor allem von Demokraten hat sich bisher wenig geändert an den Waffengesetzen in den USA. Während in Neuseeland nach den blutigen Anschlägen in Christchurch der Staat sämtliche halbautomatischen Waffen für Zivilisten verboten und wieder eingesammelt hat, passiert in den USA kaum etwas.

Doch die jüngsten Morde mit ihrem rassistischen Hintergrund haben eine neue Debatte angestoßen. Dabei kommen auch die US-Unternehmen ins Spiel. Nicht nur als Ankläger wie Cook und Patricof, sondern auch als Angeklagte, insbesondere die sozialen Medien: Zum einen werfen Kritiker ihnen vor, die feindliche Stimmung angestachelt zu haben.

Zum anderen bittet US-Präsident Donald Trump die Unternehmen um Mithilfe, als eine Art Frühwarnsystem potenzielle Attentäter zu melden. „Ich habe das Justizministerium angewiesen, mit den lokalen und Bundesbehörden zusammenzuarbeiten und auch mit den Social-Media-Unternehmen, um Werkzeuge zu entwickeln, die Attentäter ausfindig machen können, bevor sie zuschlagen“, sagte Trump.

8chan steht in der Kritik

Vor allem ein eher kleines soziales Netzwerk steht in der Kritik: Der Plattform 8chan, auf der sich viele Rechte und weiße Rassentheoretiker austauschen, wird vorgeworfen, den geistigen Nährboden für die Täter bereitet zu haben. Auch der Attentäter von El Paso soll dort über eine Invasion der Hispanics gewettert haben, bevor er losgeschossen hat.

Sogar der Gründer von 8chan, Fredrick Brannon, der heute nicht mehr an dem Unternehmen beteiligt ist, mischte sich in die Debatte ein und rief dazu auf, die Seite abzuschalten. Daraufhin hat der Cloud-Anbieter Cloudflare, wo 8chan sich Server-Platz gemietet hatte, seine Dienste für das Unternehmen eingestellt. „8chan hat mehrfach bewiesen, eine Senkgrube des Hasses zu sein“, begründete der Vorstandsvorsitzende von Cloudflare, Matthew Prince, seine Entscheidung.

Jim Watkins, der heutige Besitzer von 8chan, weist alle Verantwortung weit von sich. In einem aufgezeichneten Video auf Twitter spricht er von der Tat eines Geisteskranken. Er weist darauf hin, dass sein Unternehmen stets mit der Polizei zusammenarbeite. „Wir haben alle Informationen gegeben, die wir hatten“, und „wir halten uns an das Gesetz“, sagt er.

„8Chan ist ein leeres Blatt Papier, auf dem man schreiben kann“, erklärt Watkins. Es sei beunruhigend, dass es so einfach heruntergefahren werden kann. Er vermutet, dass das wohl nur deshalb geschehen sei, weil Cloudflare bald an die Börse gehen wolle.

Das Beispiel von 8chan zeigt, dass die Social-Media-Unternehmen heute stärker in die Pflicht genommen werden für die Inhalte, die bei ihnen geteilt werden. „Lange hieß es immer, die Verantwortung liegt bei dem Autor eines Posts“, erklärt Irina Raicu, Direktorin des Internet-Ethic-Programms der Santa Clara University im Silicon Valley gegenüber Voice of America. „Heute sind wir erfahrener, was die Rollen angeht, die die anderen Spieler haben“, ist Raicu überzeugt.

Den großen Social-Media-Anbietern wie Facebook, Twitter oder Youtube kann der Fokus auf den kleinen Konkurrenten 8chan nur recht sein. Damit stehen sie zur Abwechslung einmal nicht im Rampenlicht.

Ihnen wurde in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, durch die Inhalte und Werbungen auf ihren Seiten die Stimmung im Land aufzustacheln oder auch Wahlen zu beeinflussen. Da die Computer die Hass-Sprache oft nicht identifizieren können, haben die Unternehmen zuletzt massiv Mitarbeiter eingestellt, die die Einträge durchlesen.

Nach den jüngsten Plänen von Trump sollen die Plattformen demnächst auch Verdächtige melden. Facebook gibt laut seinem „Community Standards Enforcement Report“ schon heute der Polizei Bescheid, wenn es eine „spezifische, unmittelbar bevorstehende Gefahr für ein menschliches Leben“ sieht. Außerdem arbeiten die großen Social-Media-Firmen schon heute bei der Terrorismusbekämpfung mit den US-Behörden zusammen.

Strengere Altersgrenzen

Es wäre nicht das erste Mal, dass Unternehmen auf Massaker reagieren. Da die Regierung mit Taten auf sich warten lässt, haben einige von ihnen in der Vergangenheit freiwillige Maßnahmen ergriffen. Bank of America und Citigroup haben nach Schießereien in Schulen die Finanzierung von Unternehmen verboten, die Sturmgewehre an Zivilpersonen verkaufen.

Der Versicherer Chubb zog seine NRA-Police für Mitglieder des Waffenverbands zurück. Auch der Autovermieter Hertz und der IT-Sicherheitsspezialist Symantec stellten ihre Vergünstigungen für NRA-Mitglieder ein.

Der Freizeitausrüster Dick‘s Sporting Goods nahm freiwillig Sturmgewehre aus dem Sortiment und führte strengere Altersgrenzen ein. Damit nahm die Kette auch Umsatzeinbrüche in Kauf. Der Einzelhandelsriese Walmart hat die Sturmgewehre bereits 2015 aus dem Sortiment genommen und erhöhte nach der Tragödie in Parkland in Florida ebenfalls die Altersgrenze für Waffenkäufe.

Mehr: Donald Trump steht nach tödlichen Massenschießereien massiv in der Kritik. Sein Umfeld verteidigt den US-Präsidenten gegen Vorwürfe, er schüre rassistisch motivierte Gewalt.

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