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23.05.2019

15:26

Bahn-Konkurrent

Flixtrain kämpft mit den Tücken der Eisenbahn

Von: Dieter Fockenbrock

Der Bahn-Konkurrent hat seine dritte Strecke eröffnet. Bald dürfte aber der Punkt kommen, an dem Flixtrain sein Erfolgsrezept ändern muss.

Flixtrain: Bahn-Konkurrent kämpft mit den Tücken der Eisenbahn dpa

Flixtrain in Berlin-Spandau

Der junge Fernzuganbieter hat seine dritte Verbindung in Deutschland in Betrieb genommen.

Düsseldorf Der Fernbuspionier Flixbus hat mit der Linie Berlin-Köln eine weitere Schnellverbindung mit hohem Kundenpotenzial gestartet. Am Donnerstag fuhr der erste Flixtrain-Zug, grün wie auch die Fahrzeuge der Fernbusschwester, – und er war pünktlich.

Wobei das Einhalten des Fahrplans nicht in der Hand von Flixbus allein liegt: Hätte es ein Problem auf der mehr als 500 Kilometer langen Strecke gegeben, wäre auch Flixtrain daran gescheitert, genau wie ein ICE der Staatskonzerns Deutsche Bahn.

Mehr als eine Million Fahrgäste sind bislang mit dem Flixtrain auf den Strecken Berlin-Stuttgart und Hamburg-Köln gefahren, berichtet Geschäftsführer Fabian Stenger stolz. Doch die gelungene Premierenfahrt Richtung Rheinland kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch private Zugbetreiber an der Komplexität eines Eisenbahnsystems scheitern können. Wer hier mitmischen will, braucht Streckenrechte und Fahrzeuge, Geld und einen langen Atem.

Flixtrain, sagt Stenger in aller Deutlichkeit, wolle sich nicht mit einem Prozent Marktanteil begnügen. „Wir wollen auf der Schiene wachsen.“ So baut das Unternehmen die Zugkapazitäten aus und hat auch in Schweden Trassen beantragt.

Das Problem ist nur, dass Züge eben nicht wie Fernbusse kurzfristig beschafft und auf die Fahrt geschickt werden können. Erst einmal müssen sogenannte Trassen bei der Bahntochter DB Netz beantragt werden.

Da geht das Problem oft schon los: Die Streckenführung oder die Zeiten, die der Netzbetreiber zuteilen will, sind teilweise nicht mit den Wünschen in Einklang zu bringen. Halteslots an Bahnhöfen müssen frei sein, die Strecken ohnehin.

„Wir wollen auf der Schiene wachsen.“ dpa

Flixtrain-Geschäftsführer Fabian Stenger

„Wir wollen auf der Schiene wachsen.“

Noch schwieriger aber ist die rechtzeitige Beschaffung von Fahrzeugen. Denn verfügbare Fernzüge sind rar in Europa. Flixtrain hat nach Angaben Stengers weitere Strecken für den Fahrplanwechsel zum Jahresende beantragt, wird aber wohl erst im Juli wissen, ob das auch klappt.

Stenger versichert zwar, dass sich Flixtrain für seine Planungen genügend Fahrzeuge gesichert habe. Die Berlin-Köln-Linie fährt beispielsweise das Unternehmen BTE aus Nürnberg.

Die ursprünglich von Flixtrain geplante Verbindung Berlin-München ist letztlich auch daran gescheitert, dass das Start-up keine geeigneten Züge fand. Auf der Strecke sind nur speziell ausgerüstete Züge zugelassen, die den Druckwellen in den zahlreichen Tunnel standhalten – und das bei Tempo 300 .

Doch für Stenger ist klar, dass für Flixtrain „irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo man sich entscheiden muss“, selbst Züge zu kaufen. Das widerspricht allerdings komplett der bisherigen Firmenstrategie.

Flixbus ist als reine Reiseplattform ohne eigene Fahrzeuge gegründet worden, die Schwesterfirma Flixtrain arbeitet nach demselben Prinzip. Nur muss auch Stenger erkennen, dass „das Zuggeschäft anderen Regeln folgt als der Fernbus“.

So interessierte sich Flixtrain kürzlich für mehrere gebrauchte, aber relativ neue Züge der privaten Wiener Westbahn. Auch die Deutsche Bahn hat Interesse angemeldet, weil immer noch Mangel an Zügen herrscht. In Rede steht ein Kaufpreis um die 300 Millionen Euro.

Streit um Vertriebsplattformen

Das könne Flixtrain derzeit nicht stemmen, sagt Stenger. Und auch die Investoren wir Silverlake oder General Atlantic, die hinter dem Start-up stehen, sind offensichtlich von der Idee nicht begeistert. Allenfalls „um Geschäfte anzuschieben“, so heißt es in ihren Kreisen, könnte man sich vorstellen, dass Flixtrain selbst Züge kauft.

Eine weitere Hürde für Newcomer im Bahngeschäft kann Flixtrain dank seines Bekanntheitsgrades leicht überwinden: den Ticketverkauf. Andere private Betreiber in Deutschland wie der HKX (Hamburg-Köln-Express) oder Locomore (Berlin-Stuttgart) seien daran gescheitert, sagt Stenger.

Allerdings liegt auch er mit der Deutschen Bahn im Streit darüber, dass Flixtrain-Züge inzwischen zwar im Buchungssystem der Bahn angezeigt, aber nicht gekauft werden können. Flixtrain, so Stenger, habe der Bahn ohnehin im Gegenzug angeboten, DB-Tickets über Flixmobility zu verkaufen. Doch da steht eine Antwort aus Berlin schon lange aus.

Konkurrenten der Deutschen Bahn sind ohnehin der Meinung, dass der viel gelobte Bahn-Navigator und auch die Bahn.de-Seite als die dominierenden Vertriebsplattformen in Deutschland aus dem Staatskonzern ausgegliedert werden müssten. „Das ist eigentlich Infrastruktur“, stellt Stenger fest. Und die sollte von jedem Verkehrsunternehmen diskriminierungsfrei genutzt werden können.

Eine Zerschlagung der Deutschen Bahn in eine Infrastrukturgesellschaft und eine Bahn-Betriebsgesellschaft steht derzeit allerdings nicht auf der politischen Agenda. Dafür aber das Ziel, bis 2030 die Zahl der Eisenbahnkunden auf jährlich 280 Millionen zu verdoppeln. Daran kann Flixtrain jetzt kräftig mitarbeiten.

Mehr: Eisenbahnlobbyisten werben dafür, stillgelegte Strecken wieder in Betrieb zu nehmen. Damit könnte das Ziel, die Fahrgastzahlen zu verdoppeln, noch erreicht werden.

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