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17.05.2019

16:27

Belastende Akten

Aufarbeitung der Firmengeschichte: Bahlsen muss sich auf brisante Ergebnisse einstellen

Von: Christoph Kapalschinski

Im Bundesarchiv lagern zwei heikle Schriftstücke über den Kekshersteller Bahlsen. Ihr Inhalt dürfte bald ausgewertet werden und könnte das Unternehmen belasten.

Der Kekshersteller will seine Geschichte aufarbeiten lassen. dpa

Bahlsen-Werk

Der Kekshersteller will seine Geschichte aufarbeiten lassen.

HamburgDer Kekshersteller Bahlsen muss sich nach der Ankündigung, seine Geschichte durch Historiker aufarbeiten zu lassen, auf brisante Ergebnisse einstellen. In den Archiven schlummert wohl noch heikles Material: Das Bundesarchiv in Berlin verzeichnet mindestens zwei Akten, die belastende Fakten enthalten könnten. Das ergibt eine Online-Suche im Register des Archivs.

Bahlsen hatte nach viel kritisierten Äußerungen der 26-Jährigen Firmenerbin Verena Bahlsen am Donnerstag eine Aufarbeitung der Firmengeschichte angekündigt. Neben internen Akten dürften die Unterlagen aus dem Bundesarchiv, das staatliche Akten aus der Geschichte von Reich und Bundesrepublik umfasst, eine wichtige Rolle spielen.

Das Archiv verzeichnet in seinem Bestand etwa eine Akte zur Errichtung einer Kosmetikfabrik in Dachau, die „aufbauhaltige Nahrungsmittel“ produzieren sollte. Sie sollte Teil der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung werden – einer Einrichtung der SS als Teil des Konzentrationslagers Dachau, in der die Mediziner auch Menschenversuche an Häftlingen durchführten.

Laut dem Eintrag stand Stabsarzt Karl Fahrenkamp aus dem persönlichen Stab des Reichsführers-SS demnach in Kontakt für eine Zusammenarbeit mit Bahlsen. Ob es zu der Kooperation gekommen ist, geht aus dem bloßen Registrierungseintrag nicht hervor.

Fahrenkamp nahm sich 1945 das Leben. Akten zu den Eigentumsverhältnissen und Firmenbeteiligungen an der SS-Einrichtung sind erhalten. Fest steht: Bahlsen produzierte während des Weltkriegs in Hannover in seinem eigenen Werk Verpflegung für die Wehrmacht. Dort wurden mindestens 200 Zwangsarbeiter eingesetzt, die in einem bewachten Zivilarbeiterlager lebten.

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Manfred Grieger ist damit beauftragt worden, die Geschichte des Keksherstellers zu beleuchten. Das ist eine Konsequenz aus der Kritik an Erbin Verena Bahlsen.

Ein weiterer Eintrag betrifft diese Zwangsarbeiter: In Aktien aus den deutschen Polizeidienststellen in der Ukraine geht es um den „Arbeitseinsatz von Ukrainern im Reich“. Mit Datum vom 16. April 1943 gibt es einen „Bericht der Keks-Fabrik H. Bahlsen, Hannover, über die schlechte Behandlung von Ukrainerinnen“.

Der Titel des Berichts lässt vermuten, dass sich Verantwortliche von Bahlsen darüber beschwert haben, dass Wachmannschaften die Gefangenen zu schlecht behandelten. Solche Beschwerden von Unternehmen sind vielfach dokumentiert. Oft ist der Hintergrund, dass die Unternehmen sich beschweren, dass die Arbeiter wegen schlechter Ernährung, weiten Fußwegen oder Misshandlungen schlechte Arbeitsleistungen erbrachten, obwohl sie für die Unternehmen in etwa so teuer waren wie deutsche Arbeiter. Die Zwangsarbeiter erreichte allerdings allenfalls ein kleiner Teil dieser Zahlungen.

Am Freitag meldete außerdem das Magazin „Spiegel“ vorab, laut Unterlagen aus Entnazifizierungsakten seien in der NS-Zeit die damals bestimmenden drei Bahlsen-Brüder Mitglied der Hitler-Partei NSDAP gewesen.

Laut dem Bericht trat der älteste Bruder Hans der Partei am 1. Mai 1933 bei. Damals wurden viele Personen aus der Wirtschaft Parteimitglieder, da erstmals der „Tag der Arbeit“ als Feiertag begangen wurde. Anschließend erließ die NSDAP ein vorübergehendes Anwerbeverbot, da zu viele Deutsche in die Partei drängten.

Die Brüder Werner und Hans Bahlsen traten demnach erst 1942 bei, also zur Zeit des größten Vormarschs der Wehrmacht und ihrer Verbündeten im Weltkrieg. Hans Bahlsen war laut dem Bericht zudem von Mai 1933 bis Dezember 1934 Mitglied der SS-Motorstandarte. Die als Parteiorganisation gegründete SS bestand zu der Zeit zu einem großen Teil aus ehrenamtlichen Mitgliedern.

Die Familie Oetker ließ 2014 in einer Untersuchung dokumentieren, dass der damalige, zur Familie gehörende Gruppenchef Richard Kaselowsky ebenfalls am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten war. Er gehörte zudem dem „Freundeskreis Reichsführer SS“ an, in dem sich Wirtschaftsführer versammelten. Oetker galt als Musterbetrieb und produzierte wie Bahlsen im Weltkrieg für die Wehrmacht.

Die Forscher werden also einiges an Material zur Auswertung haben. Die fertige Studie dürfte jedoch noch auf sich warten lassen: Der ehemalige VW-Chefhistoriker Manfred Grieger soll zunächst ein Team zusammenstellen. Erfahrungsgemäß zieht sich die Forschungsarbeit in oft schlecht erfassten Unternehmensarchiven über Jahre – zumal Bahlsen die gesamte Geschichte über die NS-Zeit hinaus beleuchten möchte.

Update: Mittlerweile liegen Inhalte aus dem Bundesarchiv zum Umgang von Werner Bahlsen mit Zwangsarbeitern vor. Sie widerlegen die ersten Aussagen von seiner Enkelin Verena Bahlsen.

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