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27.08.2019

17:08

CRRC und Vossloh

Wie Chinas Bahntechnikriese CRRC das Vossloh-Werk nutzen will

Von: Dieter Fockenbrock

Mit der Übernahme des notleidenden Vossloh-Lokomotivbaus erschließt sich für den chinesischen Konzern CRRC der europäischen Markt. Doch der Plan ist nicht ohne Risiko.

Vosloh-Loks: CRRC drängt mit dem Kauf nach Europa.

Vossloh-Loks

Vosloh-Loks: CRRC drängt mit dem Kauf nach Europa.

Düsseldorf Seit vielen Jahren will der Bahntechnik-Konzern Vossloh sein Lokomotivwerk in Kiel loswerden, um sich ganz auf die Herstellung von Schienen und Weichen zu konzentrieren. Jetzt übernimmt zur Überraschung der Branche ausgerechnet der Angstgegner von Siemens und Alstom: Die CRRC Zhuzhou Locomotive, eine Tochter des weltgrößten Lokomotivbauers CRRC.

Für Vossloh scheint der Deal trotzdem eine schlechte Nachricht zu sein, für CRRC dagegen eine gute. Der am Dienstagabend bekannt gegebene Verkauf kam an der Börse jedenfalls nicht gut an. Vosslohs Aktienkurs knickte ein, dabei dümpelt er ohnehin schon seit Monaten um einen Tiefstand von 35 Euro.

CRRC dagegen hat mit der Lokomotivfabrik in Kiel endlich ein Standbein in Deutschland und damit im europäischen Markt. Die zugekaufte Vossloh Locomotives produziert zwar mit dieselhydraulischen und -elektrischen Antrieben sehr spezielle Fahrzeuge. Kiel beherrscht aber die komplizierten Zulassungsprozesse für Europas Eisenbahnen.

Das ist wichtig für den Marktzugang. „CRRC hat jetzt in Europa einen Fuß in der Tür“, sagte Maria Leenen, Chefin der Beratungsfirma SCI Verkehr. Siemens Mobility und Alstom werden das Geschäft, das noch unter Vorbehalt der Zustimmung von Kartellbehörden und des Außenwirtschaftsamts steht, mit Sorge beobachten.

Die beiden europäischen Lokbauer wollten fusionieren und begründeten das unter anderem mit dem Vordringen des Konkurrenten aus China, der größer ist als beide zusammen und der im Zuge der Globalisierungsstrategie Pekings mit Macht auf die Weltmärkte drängt.

Die EU-Wettbewerbskommission aber stoppte den Plan und sah in CRRC keine akute Gefahr. „Das ist nun umso ärgerlicher“, sagt Ronald Pörner, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. „CRRC wird Kiel als Brückenkopf nutzen.“ Der Kauf sei ein Angriff auf die etablierten europäischen Bahntechnikkonzerne.

Fast alle lehnten Vossloh-Tochter ab

Vossloh Locomotives ist mit zuletzt 200 Millionen Euro Umsatz und 481 Beschäftigten kein großes Unternehmen. Die Kieler sind jedoch mit 25 Prozent Anteil bei Dieselloks in Europa nach den Daten von SCI-Verkehr ein dominanter Spieler. Allerdings schrumpft das Geschäft seit Jahren. Heute wird nicht einmal mehr jedes fünfte Eisenbahnfahrzeug mit einem Dieselmotor ausgerüstet.

Die neuen Eigentümer, sagte Bahn-Expertin Leenen, brauchen daher „einen guten Plan“. CRRC müsse Kiel „auf zukunftsträchtige Produkte umbauen“. Alternativen könnten Elektroloks oder -triebzüge sein.

Das Kieler Unternehmen produziert seit 100 Jahren Loks und Triebwagen. Viele Jahre gehörte das Werk zu Krupp, später zu Siemens, und seit 1998 gehört es zu Vossloh. Offiziell steht Kiel seit zwei Jahren zum Verkauf, gesucht wird schon lange. Das Geschäft rechnete sich nicht mehr. 2018 machte Vossloh in Kiel 2,1 Millionen Euro, im Jahr zuvor 35 Millionen Euro Verlust.

Fast alle europäischen Lokhersteller haben sich die Vossloh-Tochter angesehen – alle haben abgewinkt. Einmal wegen des schrumpfenden Marktes für Dieselloks, zum anderen aber auch wegen der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens. Vossloh Locomotives stand zuletzt mit 104 Millionen Euro Vermögenswerten in der Bilanz, aber mit 71 Millionen Euro Schulden.

Schwierig sind wohl Bewertungsfragen. So hat Vossloh einen eigenen Lokpool aufgebaut, der an Leasinggesellschaften weitergegeben wird und den CRRC den Angaben zufolge übernommen hat. Die Zahl der darin enthaltenen Loks wollte Vossloh allerdings nicht nennen.

Aus dem Verkauf, so heißt es allerdings in der Mitteilung von Vossloh, rechnet man „mit einer zusätzlichen Belastung des Ergebnisses aus nicht fortgeführten Aktivitäten in einer Größenordnung von 30 bis 35 Millionen Euro“. Das war wohl auch der Auslöser für den Kursrutsch der Vossloh-Aktie.

Der chinesische Bahntechnikkonzern CRRC hatte bereits vor zwei Jahren versucht, Skoda Transportation zu kaufen und sich damit Marktzugang in Europa zu verschaffen. Skoda ist ein Allroundanbieter von Schienenfahrzeugen und macht etwa 600 Millionen Euro Umsatz.

Das Vorhaben scheiterte, tschechische Investoren stiegen ein. Der zweite Anlauf in Europa mit Vossloh ist zwar einige Nummern kleiner, stellt CRRC allerdings vor die große Herausforderung, die Neuerwerbung komplett neu auszurichten. Die Branche blickt gespannt auf Kiel.

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