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06.12.2018

18:43

DFB-Akademie

Die Vermessung des Fußballs – wie der DFB zurück an die Weltspitze will

Von: Diana Fröhlich

In Frankfurt hat die inhaltliche Arbeit der Akademie des Fußball-Bunds begonnen. Was vermag die Verwissenschaftlichung des Sports leisten? Ein Report.

Der Manager der Nationalmannschaft bastelt an der Zukunft des DFB. dpa

Oliver Bierhoff

Der Manager der Nationalmannschaft bastelt an der Zukunft des DFB.

Frankfurt Eigentlich hat ihm die sportliche Krise der deutschen Fußballnationalmannschaft in diesem Jahr gar nicht so sehr geschadet. Natürlich, das frühe, peinliche Ausscheiden bei der WM in Russland hat am Teammanager genagt, er musste Fehler eingestehen, hat längst gemerkt, dass es sich die Mannschaft zu bequem gemacht hatte in der Komfortzone. Als Titelverteidiger. Oliver Bierhoff nimmt sich da selbst gar nicht raus.

Und doch profitiert er auch von den Niederlagen, vom direkten Abstieg aus der neuen Nations-League. Denn der 50-Jährige ist nicht nur „Direktor Nationalmannschaften“ beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), sondern auch der Gründer, der „Kopf“ der neuen DFB-Akademie. Mit ihr will er nicht weniger als die komplette Professionalisierung – inklusive Digitalisierung – seiner Sportart. Mithilfe der Wirtschaft und der Wissenschaft.

Und um sich mit so einem Großprojekt ausreichend Gehör zu verschaffen, intern wie auch extern, ist es denn auch gar nicht so schlecht, wenn der Bedarf nach Erneuerung vorhanden ist. Wenn es auf die Frage, warum andere Fußballnationen Deutschland mittlerweile überholt haben, Antworten braucht. Und Lösungen.

Es geht Bierhoff in der Akademie um die großen Themen unserer Zeit, um Digitalisierung, Vernetzung, Modernisierung, Führung. In Frankfurt am Main, im Stadtteil Niederrad, nahe der Commerzbank-Arena, soll das „Silicon Valley des Fußballs“ entstehen, wie Bierhoff sein bislang größtes Projekt gerne nennt. Noch steht der Neubau nicht, inhaltlich aber geht es bereits gut voran. Niederrad statt San Francisco Bay Area.

Eine Entwicklung, die dringend nötig ist. Denn der deutsche Fußball hinkt, das hat das Jahr 2018 deutlicher denn je gezeigt, vielen anderen Nationen mittlerweile hinterher. Zu sehr haben sich die Verantwortlichen nach dem Weltmeistertitel 2014 auf dem Erfolg ausgeruht.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff: „Es muss mehr um den Sport gehen, nicht nur um Transfers, Ablösesummen und Jahresgehälter“

DFB-Direktor Oliver Bierhoff

„Es muss mehr um den Sport gehen, nicht nur um Transfers, Ablösesummen und Jahresgehälter“

Der DFB-Manager spricht über den Umbau des Verbands zum modernen Unternehmen, die Kommerzialisierung des Sports und Lehren aus dem Fall Mertesacker.

„Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, wie Gary Lineker einst so schön sagte – das funktioniert nicht mehr so einfach. Die Deutschen müssen dafür etwas tun. Die Franzosen und auch die Engländer unterhalten längst Akademien, mit unterschiedlichen Ansätzen zwar, doch beide Nationen haben die deutsche Nationalelf zuletzt deutlich abgehängt. Deutschland muss dringend nachlegen. Und noch mehr.

Und so steht Bierhoff in dieser Woche auf einem Podium in der DFB-Zentrale und erklärt weit mehr als 100 Vertretern aus der deutschen Fußballwelt, was er mit der Akademie erreichen will. „Pionierarbeit“ soll dort geleistet werden, die Akademie ein Dienstleister sein, der Fußballwissen vermittelt, aber auch ein cooles Start-up. Deshalb sind hier, beim ersten „Leadership-Festival“ des DFB, auch alle per Du. „Olli“ bringt die Menschen zusammen.

„Olli“ bringt sie alle zusammen

Viele Manager und ehemalige Nationalspieler sitzen in dem Saal: „Jörg“ (Schmadtke) vom VfL Wolfsburg und „Thomas“ (Schaaf) von Werder Bremen, aber auch „Thomas“ (Hitzlsperger) vom VfB Stuttgart oder „Sebastian“ (Kehl) und „Lars“ (Ricken) von Borussia Dortmund. Ein paar kleinere Veranstaltungen hat es in der Akademie bereits gegeben, diesmal allerdings war die Resonanz enorm, heißt es beim DFB. Alle wollen lernen, was es heißt, einen Verein und seine Mitarbeiter noch professioneller zu führen.

Zum Beispiel von Kasper Rorsted. Der Vorstandschef des Sportartikelherstellers Adidas, graue Sneaker, helle Cordhose, blauer Pullover, erklärt, wie wichtig es ist, kompetente Führungspersönlichkeiten – oder auch -spieler – zu beschäftigen, um maximalen Erfolg zu haben. Adidas ist nicht nur Sponsor des DFB, sondern auch Partner der Akademie.

„Kasper“, der „Superstar unter den Unternehmenslenkern“, wie er hier angekündigt wird, weiß, wie wichtig es auch für sein Geschäft ist, wenn die deutsche Nationalmannschaft siegt. Mehr Popularität, größere Erfolge bedeuten: Er kann mehr Trikots verkaufen. Also sitzt Rorsted eine Dreiviertelstunde lang mit Roland-Berger-Digitalchef Björn Bloching und Markus Weise, der in der Akademie den Bereich „Entwicklung und Innovation“ verantwortet, auf dem Podium und beantwortet die Fragen der Teilnehmer.

Der Fußballverband hat Wirtschaftsgrößen wie Kasper Rorsted von Adidas (2. v. r.) geladen, um mehr über Professionalisierung im Sport zu lernen. Getty Images Sport/Getty Images

Leadership-Festival beim DFB

Der Fußballverband hat Wirtschaftsgrößen wie Kasper Rorsted von Adidas (2. v. r.) geladen, um mehr über Professionalisierung im Sport zu lernen.

Rorsted, der, wie er selbst sagt, den Fußball liebt, aber selbst besser Handball spielt, sagt dann Dinge wie: „Nur wenn ein Leader gute Mitarbeiter um sich hat, wenn er sie dazu bringt, nicht nur zu arbeiten, sondern auch mal nachzudenken, ist er selbst auch gut. Unter einem schlechten Chef will doch keiner arbeiten.“

Es sind Sätze wie diese, die die Fußballvertreter im Saal interessieren. Denn sie sind es, die versuchen müssen, die besten Bewerber in ihre Vereine zu locken. Das richtige Recruiting ist eines der wichtigsten Themen der Veranstaltung. Es reicht nicht mehr, als ehemaliger Spieler mit seinem Namen zu werben, um später einen Job im Verein zu bekommen. Auch außerhalb des Platzes brauchen die Vereine echte Profis.

Der Fußball sucht auch außerhalb des Platzes Top-Personal

Denn die Professionalisierung des Fußballs ist längst auch in der Verwaltung – und damit auch in der Personalabteilung – angekommen. Headhunter suchen nach den besten Köpfen, auch im Sport. Nachdem Vereine und Verbände in den vergangenen Jahren zunächst stark in ihren Kader investiert haben, um sportlich besser zu werden, haben sie sich dann auf die richtige Vermarktung konzentriert. Heute wissen sie, dass sie noch viel von der Wirtschaft lernen können.

„Der Wissensaustausch mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen ist essenziell“, sagt Adidas-Chef Rorsted. „Nur so schafft man es, Ideen wirklich voranzutreiben. Umso wichtiger und inspirierender ist für uns der Austausch mit Partnern wie dem Deutschen Fußball-Bund, um die langfristige gemeinsame Zukunft mit Impulsen von beiden Seiten zu gestalten.“

Der DFB will an dieser Stelle zum Vorbild werden. Ziel ist es, mit der Akademie die Verwaltung, die Ausbildung der jungen Spieler und Trainer und ein Forschungszentrum zentral an einer Stelle zu bündeln. Und die Ideen, die hier mit Partnern wie eben Adidas, dem Softwarehersteller SAP oder auch der Uniklinik Frankfurt entstehen, in die Fußballwelt zu tragen.

Die Zukunft des DFB

Der Verband

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), gegründet im Januar 1900, ist mit seinen mehr als sieben Millionen Mitgliedern der größte nationale Sportfachverband der Welt. Die Bilanzsumme des DFB betrug im Jahr 2017 323 Millionen Euro, das Eigenkapital belief sich auf 155,73 Millionen Euro.

Die Akademie

Auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad soll 2021 die DFB-Akademie, das Prestigeprojekt des DFB, eröffnen. Dort will der Verband die Verwaltung, die Ausbildung und ein Forschungsinstitut bündeln.

Denn in der Akademie werden nicht nur Kongresse veranstaltet, sondern auch Unmengen von Daten gesammelt, Spielstatistiken beispielsweise, Informationen zu einzelnen Spielern und ihrer Fitness, von ihren Verletzungen und den Medikamenten, die sie zu sich nehmen müssen. Daten zum Scouting, von Schiedsrichtern und Trainern. Sogar der Rasen lässt sich mit digitalen Hilfsmitteln besser pflegen. Alles mittels modernster Technologie, Big Data und Virtual Reality.

Es ist der Versuch, den Fußball weiter zu verwissenschaftlichen, dem Sport in der modernen, digitalen Welt eine Zukunft zu geben. Ein Kulturwandel. Vom DFB lernen, das soll künftig wieder heißen: siegen lernen.

Der Weg des DFB wird kein leichter sein

Leicht wird der Weg nicht. Denn in den Jahren nach dem fulminanten Sieg bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien lief nicht mehr viel zusammen in der DFB-Zentrale. Die „Sommermärchen-Affäre“ und die Frage, ob die WM 2006 im eigenen Land gekauft war oder nicht, beschäftigt bis heute die Gerichte in Deutschland und der Schweiz.

Noch immer ist nicht abschließend geklärt, was es mit der ominösen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung des DFB an den Fußball-Weltverband Fifa auf sich hat. Es geht um verschleierte Geldflüsse, um einen entzauberten Kaiser Franz Beckenbauer – und um den nachhaltigen Imageverlust des einst stolzesten Fußballverbands der Welt.

In diesem Jahr folgte auf das umstrittene Foto der beiden deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan das peinliche Vorrunden-Aus bei der WM in Russland. Im Anschluss trat Özil, einer der wichtigsten Spieler der vergangenen Jahre, aus der Nationalelf zurück. Er warf der DFB-Spitze Rassismus vor. Doch über allem steht die sportliche Bilanz, die das Jahr 2018 katastrophal ausfallen lässt.

Julian Draxler (l.) und Leroy Sané im Gespräch. GES/Markus Gilliar

Die Spieler der neuen Generation

Julian Draxler (l.) und Leroy Sané im Gespräch.

Die Folgen der aktuellen Erfolglosigkeit sind längst sichtbar: Die Stadien hierzulande sind oft nicht mehr ausverkauft, wenn Jogis Jungs spielen, die Stimmung bei den Fans ist schlecht. Auch am Bundestrainer und seinem Teammanager gibt es nach wie vor Zweifel. Zudem sind die Tickets zu teuer, die Anstoßzeiten nicht familientauglich. Die Stars gelten als abgehoben, als Multimillionäre, die sich beim Training abschotten. Die Nähe zu den Fans fehlt.

Was der DFB dringend braucht, sind Erfolgserlebnisse. Wie beispielsweise der Zuschlag für die Europameisterschaft 2024, die in Deutschland gespielt werden wird. Und Bierhoffs Akademie. „Es ist für den DFB immens wichtig, sich völlig neuen Themen zuzuwenden und nach außen zu demonstrieren, dass man innovativ ist“, sagt der Sportmarketingexperte Peter Rohlmann. Der selbstständige Berater beobachtet den DFB seit Langem.

Der Ärger mit dem Eichenbock

Doch bislang gibt es den weitläufig geplanten Campus der Akademie nur als Modell. Seit beschlossen wurde, in die Zukunft zu investieren, haben sich die Kosten für den Bau verdoppelt, von 150 Millionen Euro ist jetzt die Rede. Doch zu sehen ist bislang nichts.

Die Stadt Frankfurt hatte dem DFB schon vor Jahren das Gelände der ehemaligen Galopprennbahn angeboten. Doch die Betreiber kämpften lange dagegen an. Zuletzt mussten auch noch Käfer, der seltene „Große Eichenbock“, umgesiedelt werden. Der Einzug der Akademie ist darum erst für 2021 geplant.

Doch was bringt diese Neu-Vermessung des Fußballs denn nun wirklich? Dass sich Experten über die Digitalisierung einer Sportart Gedanken machen, die von Emotionen und nicht zuletzt von der Überraschung lebt?

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Bierhoff, der Chef des Ganzen, ausgestattet mit einem leichten Hang zum Gigantismus, weiß selbst oftmals noch nicht genau, in welche Richtung es gehen wird. Was die Digitalisierung wirklich mit einem Verband macht. Was er jedoch weiß, ist, wie wichtig auf dem Weg die Wirtschaft und auch die Wissenschaft sind. Wenige Wochen vor dem „Leadership-Festival“ war er mit einer DFB-Delegation in den USA unterwegs, war bei Google, Facebook, Tesla und Apple, um neue digitale Erkenntnisse zu sammeln. Bei den ganz Großen.

Bei Google traf er unter anderem auch Innovationscoach Frederik Pferdt, der auch in Frankfurt auf dem Podium stand. Und darüber sprach, wie wichtig es sei, auch mal Fehler machen zu dürfen. In einzelnen Workshops diskutierte die Branche dann darüber, ob sich Vereine diese überhaupt leisten können – schon ein kleiner Fehler kann ja zu einer Niederlage führen. Mut ist da wichtig, Mut, neue Wege zu beschreiten, eine Vision zu entwickeln und dabei Haltung zu bewahren.

Sie alle kamen am Ende zu dem Schluss, dass gerade im Sport die Digitalisierung immer nur ein Hilfsmittel sein kann, um Dinge zu vereinfachen. Nie aber wird sie die persönliche Kommunikation ersetzen können. Auch nicht in der Krise.

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