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12.06.2019

09:03

E-Commerce

Die Paketlieferung bis zur Haustür könnte zum Luxus werden

Von: Florian Kolf, Christoph Schlautmann, Georg Weishaupt

Onlinekunden erwarten kostenlose Lieferungen, doch steigende Preise der Paketdienste treiben die Kosten für die Händler. Die Verbraucher müssen sich auf einige Veränderungen einstellen.

Die Paketlieferung bis zur Haustür könnte bald zum Luxus werden dpa

DHL-Paketzusteller

Die Tochter der Deutschen Post befördert die Hälfte aller Heimlieferungen in Deutschland.

DüsseldorfLange Zeit war es erklärte Geschäftspolitik des Modehändlers Zalando, jedes bestellte Teil den Kunden kostenlos zuzuschicken. Doch diese Zeiten sind vorbei. Weil die Kunden pro Bestellung weniger kaufen und die Preise der Lieferdienste steigen, stellt die Berliner Onlineplattform ihren Kunden immer häufiger die Lieferkosten in Rechnung.

In Italien, Großbritannien und Irland müssen schon seit einiger Zeit die Besteller für die Lieferung zahlen, wenn sie für weniger als 25 Euro einkaufen. Seit Ende Mai gilt diese Regelung auch in Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen.

Und auch im Heimatmarkt könnte die Ära der kostenlosen Zustellung bald Geschichte sein. Zwar beteuert eine Sprecherin auf Nachfrage, „aktuell“ gebe es keine Pläne, auch in Deutschland einen Mindestbestellwert für kostenlose Lieferungen einzuführen. Doch der Druck nimmt zu – nicht nur bei Zalando.

„Der Wettbewerbsdruck im Bereich der letzten Meile ist enorm“, beobachtet Michael Lierow, Logistikexperte und Partner bei der Strategieberatung Oliver Wyman. Noch seien die Preise für die Auslieferung von Paketen zur Haustür daher sehr niedrig. „Doch das wird und muss sich sehr bald ändern“, so Lierow.

Durch sein rasantes Wachstum gerät der Onlinehandel zunehmend unter Druck. Wurden im vergangenen Jahr bereits 3,5 Milliarden Pakete in Deutschland ausgeliefert, dürften es nach Schätzungen von Oliver Wyman im Jahr 2028 schon neun Milliarden sein. Damit würden bis zu 200.000 Lieferfahrer benötigt. Doch die Paketdienste suchen heute schon händeringend nach Mitarbeitern.

Für den Onlinehandel setzt sich damit eine fatale Spirale in Gang: Um überhaupt noch Fahrer zu bekommen, müssen die Logistiker die Löhne erhöhen. Und um das finanzieren zu können, erhöhen sie jetzt die Preise für ihre Kunden. Im E-Commerce aber geraten damit viele Geschäftsmodelle ins Wanken, die auf niedrigen Lieferkosten basieren.

Den Anfang machte Kay Schibur, Vorstand der Otto Group und Aufsichtsratschef der Dachgesellschaft Hermes Europe. Er verordnete dem Paketdienst von Hermes eine Preisanhebung um 4,5 Prozent. Bei der Deutschen Post war es Konzernchef Frank Appel persönlich, der nach dem Rauswurf von Spartenchef Jürgen Gerdes das Paketgeschäft übergangsweise übernahm und im vergangenen Herbst den Service verteuerte.

Vertreibung aus dem Paradies

Das hat Signalwirkung für die gesamte Branche, befördert doch die Post-Tochter DHL die Hälfte aller Heimlieferungen in Deutschland. Anfang Februar folgte bei Hermes eine weitere Preiserhöhung – diesmal für Privatpakete –, der sich umgehend auch Konkurrent DPD anschloss.

Für den Onlinehandel gleicht das einer Vertreibung aus dem Paradies. Denn viele Jahre profitierten sie von einem Paradox: Obwohl das Onlinegeschäft seit Jahren boomt und damit die Nachfrage nach Zustelldiensten, drifteten die Preise in den Keller. Von ihrem größten Paketkunden, dem US-Onlinekaufhaus Amazon, verlangte DHL Anfang 2018 – inklusive der Zuschläge für Retouren, Paketeinlagerung und Prioritätszustellung – im Durchschnitt 2,60 Euro, wie es in einem internen Papier der Deutschen Post hieß.

Die Otto-Tochter Hermes war mit ihren Dumpingpreisen sogar noch 15 Prozent günstiger. Vor allem die Furcht der Paketmanager, Amazon könne ihnen nach einer Preiserhöhung mit der konzerneigenen Zustelltochter Volumen entziehen, drückte die Preise. Der Onlineriese ist bei beiden Paketdiensten verantwortlich für fast 18 Prozent der Zustellungen.

Davon profitierten bisher alle anderen Onlinehändler. Anders hätten viele Händler auch gar nicht überleben können, hat doch Amazon Standards im Markt gesetzt, die kleinere Konkurrenten nur mit größter Mühe erfüllen – und finanzieren – können. Insbesondere das Abo-System Amazon Prime hat die Konsumenten an umfangreiche Leistungen zum Nulltarif gewöhnt.

So macht nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Alix Partners schon mehr als jeder zweite Kunde seine Bestellung davon abhängig, ob Lieferung und Rückgabe kostenlos sind. Die Möglichkeit zur Lieferung am gleichen Tag ist für fast 40 Prozent der deutschen Kunden ein wichtiges Auswahlkriterium für ein bestimmtes Onlineshopping-Angebot.

Besonders wichtig sind zudem verlässliche und kurze Lieferzeitfenster. 47 Prozent der deutschen Konsumenten erwarten, dass dieses Fenster bei der Lieferung von großen und sperrigen Gütern bei maximal zwei Stunden liegt.

Viele Händler machen das bisher notgedrungen mit – auch wenn es sich für sie nicht im Geringsten rechnet. „Betriebswirtschaftlich gesehen ist die Lieferung am selben Tag ein Albtraum“, sagt Kuno Neumeier, geschäftsführender Gesellschafter des Logistikberaters Logivest. So kurze Lieferzeiten könnten die meisten Händler nicht leisten, wenn sie profitabel arbeiten wollten.

Das gilt auch für die Lieferkosten. „Die kostenlose Lieferung ist angesichts der steigenden Preise bei den Paketdiensten auf Dauer nicht durchzuhalten“, ist auch Logistikexperte Neumeier überzeugt. Schon heute summierten sich bei einer Vollkostenbetrachtung die Kosten pro Sendung im Onlinehandel schnell auf 20 Euro. „Perspektivisch ist zu erwarten, dass viele Händler wieder Gebühren für die Zustellung verlangen werden oder sich neue Konzepte ausdenken müssen“, prognostiziert er.

Suche nach innovativen Lösungen

„Um langfristig profitabel zu sein und der wachsenden Menge an Paketen Herr zu werden, müssen Paketdienstleister jetzt neue Wege im Bereich der letzten Meile einschlagen“, sagt auch Oliver-Wyman-Berater Lierow. „Denn nicht alle Verbraucher werden bereit sein, den hohen Preis für die Zustellung an der Haustür zu bezahlen.“

Zusätzlichen Druck erhalten die Händler von der Politik: Die Grünen fordern ein Verbot, von Kunden zurückgeschickte neuwertige Waren zu vernichten. Das Bundesumweltministerium bereite derzeit einen gesetzlichen Rahmen vor, der die Vernichtung von Neuware reglementieren solle, teilte ein Sprecher von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Dienstag mit.

Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) teilte mit, die Forderung der Grünen verkenne die operative Praxis und die rechtliche Lage der Händler – sie sei „Unfug“. „Kein Unternehmen meiner Branche hat ein Interesse, wirtschaftlich sinnvoll verwertbare Ware wegzuwerfen oder zu vernichten“, sagte BEVH-Präsident Gero Furchheim.

Langfristig dürfte die Lieferung an die Haustür jedoch zum zahlungspflichtigen Premiumservice werden. Standard könnten Lösungen werden, bei denen die Kunden selbst den Transport auf der letzten halben Meile übernehmen – indem die Waren in Paketshops oder an Paketautomaten abgeholt werden müssen.

Auch bei der Suche nach innovativen Zustelllösungen ist der Marktführer Amazon weit vorne. Um sich weniger abhängig von Paketdiensten zu machen, baut der Onlineriese nicht nur seinen eigenen Zustelldienst aus, sondern hat mittlerweile auch mehr als 500 Amazon Locker, also Paketboxen, in Deutschland aufgestellt.

Die stehen nicht nur an Tankstellen oder Supermärkten. Auch große Firmen installieren mittlerweile Amazon Locker für ihre Mitarbeiter, damit diese sich ihre Pakete nicht mehr ins Büro liefern lassen müssen.

Künftig könnten in diesem Zustellmix auch stationäre Einzelhändler eine wichtige Rolle übernehmen. Noch in diesem Jahr ist zunächst in Großbritannien und Italien die Einführung des Dienstes „Amazon Counter“ geplant. Dabei können Kunden – statt auf den Paketboten zu warten – sich die Waren einfach in ein nahegelegenes Geschäft liefern lassen. Amazon würde sich dann sogar die Kosten für die Locker-Boxen sparen.

Kommentare (3)

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Herr Robert Dörge

12.06.2019, 09:49 Uhr

Universelle Packstation (für alle Lieferanten gleichermaßen verwendbar) alle paar Häuserblöcke oder direkt in Neubauten eingelassen, wären ein Lösungsweg, der auch den Stadtverkehr sowie die Luft entlasten würde. Man stelle sich mal vor Paketauslieferungen außerhalb von Verkehrstoßzeiten zu den stationären Stationen mit am besten abgasfreien Antrieben.. und einem den Stationen optimal angepasstem Vehicel routing.. Was das für eine Entlastung wäre für alle Beteiligten. Keine zweite Reiheparker ( Fahrradfahren und Busfahren wären Glücklich), eine Reduktion des Kaftstoffverbrauches um ein Vielfaches ( Umwelt), keine Suche der Pakete mehr (es wurde bei dem Nachbaren Y abgegeben) und für die Lieferanten wäre auch gesorgt(Nicht mehr hoffen zu müssen, dass der Kunde auch wirklich anwesend ist)

Um nur einige positiv beinflusste Stakeholder zu nennen. Aber für ein solches Packstationennetz, machen wir uns nichts vor, müssten alle Beteiligten (Lieferanten, Stadtplaner etc.) an einen Tisch. Das wäre dann doch zu einfach.

Herr Helmut Metz

12.06.2019, 12:18 Uhr

Wie sieht die "Alternative" aus - nämlich zum zum Einkauf in die Stadt fahren?
Ständig zunehmende Schikanen für Autofahrer, Staus, Blitzerorgien, Parkplatzmangel und schamloser Wucher bei den Parkgebühren. Ist nach langer Suche endlich ein Parkplatz gefunden, dann ist der oft meilenweit weg vom Laden (o.k. Alternativen sind z.B. Outletcenter außerhalb der Städte mit genügend Parkplätzen), und man darf nach dem Einkauf bis zum Auto schleppen.
Liefergebühren sind im Vergleich dazu überhaupt kein "Luxus". Die irren Stadtplaner, die die Autos immer mehr aus den Innenstädten verbannen wollen, lernen halt nur auf die harte Tour: nämlich durch zunehmenden Leerstand von Läden in der City.

Herr J.-Fr. Pella

12.06.2019, 13:24 Uhr

Die Paketlieferung bis zur Haustür könnte zum Luxus werden.........

Die "Alten", Rentner und Körperbehinderte können doch zusehen wie sie klarkommen.

Wir sind jung und dynamisch und brauchen die saubersten Innenstädte. Älter und gebrechlich werden nur die Anderen und die Dummen.

Die besten Empfehlungen von den "Grünen" und Gutbürgern.

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