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06.12.2018

10:40

Einzelhandel

Bezahlen im Vorbeigehen – die Supermärkte ohne Kassen kommen

Von: Florian Kolf

Amazon gilt als Vorbild für Märkte ohne Kassierer. Jetzt kommt die neue Technologie in die Praxis – aber nicht vom US-Riesen, sondern aus dem deutschen Mittelstand.

Bezahlen im Vorbeigehen – die Supermärkte ohne Kassen kommen

Globus-Scanner

Die Supermarktkette Globus hat bereits 30 ihrer Märkte mit dem neuen System „Scan & Go“ ausgerüstet.

DüsseldorfDer Weg zum Handel der Zukunft führt über Felder und durch verschlafenen Ortschaften, die meist auf „weiler“ enden und die noch mit ihrer Goldmedaille im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ werben. Gasthäuser heißen hier „Im Krug zum grünen Kranze“, Männerchöre laden zum Adventskonzert.

Weder in Berlin noch in Düsseldorf, sondern genau hier, in St. Wendel im nördlichen Saarland, ist der Supermarkt ohne Kassierer keine Vision mehr, er ist alltägliche Realität. Ganz selbstverständlich hält eine Kundin im Eingangsbereich des Globus-Marktes ihre Kundenkarte unter das Lesegerät. An der Stellwand mit den Handscannern leuchtet ein Gerät für sie auf. Das Display begrüßt sie mit ihrem Namen.

Am Einkaufswagen gibt es eine Halterung für den Scanner. Jeden Artikel, den sie aus dem Regal nimmt, liest sie kurz ein und legt ihn in ihre Einkaufstasche. An einer Kasse auszupacken braucht sie ihre Einkäufe nicht mehr. Sie zahlt an einer Checkout-Station – im Vorbeigehen mit Kreditkarte.

Kassenlose Supermärkte gelten als der neueste Schrei in der Handelsbranche, der US-Riese Amazon wird für sein Pilotprojekt „Amazon Go“ bewundert. Kleine Geschäfte mit eingeschränkter Warenauswahl sind das zwar, aber der Kunde muss nicht mehr an der Kasse anstehen, weil die Waren, die er aus dem Regal nimmt, automatisch registriert werden. Gerüchten zufolge soll der Onlinehändler bereit an Tests mit größeren Ladenflächen arbeiten.

Globus hat bereits 30 Märkte umgerüstet

Beim deutschen Mittelständler Globus kann man über solche Berichte nur lächeln. Wo in den USA noch Pilotprojekte laufen, wird hier reales Geschäft gemacht. Bereits 30 seiner Großflächen-Supermärkte hat der Händler mit dem System „Scan & Go“ ausgerüstet. „Wir haben jetzt schon über 165.000 Kunden, die sich registriert haben und es nutzen“, sagt David Massing, Projektleiter „Scan & Go“ bei Globus. Die Resonanz sei sehr positiv. „In den Märkten, in denen wir Scan & Go eingeführt haben, werden bereits 30 Prozent der Umsätze darüber erzielt“, sagt Massing.

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Dafür hat das Unternehmen erst mal kräftig investiert, Rund 400.000 Euro kostet es, einen Markt mit der entsprechenden Hard- und Software auszurüsten und die Mitarbeiter zu schulen. Im Schnitt 180 Handscanner pro Markt hat der Händler angeschafft. Aber das lohnt sich. „Da wir in Deutschland als eines der ersten Einzelhandelsunternehmen eine solche Lösung anbieten, konnten wir uns damit ein Stück weit vom Wettbewerb abheben“, begründet Globus-Geschäftsführer den Schritt.

Langes Warten an der Kasse ist eines der größten Ärgernisse im Einzelhandel. Immer wieder brechen Kunden sogar einen Einkauf entnervt ab, wenn ihnen die Kassenschlange zu lang ist. Eine Studie von Adyen Retail hat errechnet, dass deutschen Händlern dadurch jedes Jahr 6,7 Milliarden Euro an Umsatz entgehen soll.

Deswegen experimentieren auch andere Händler in Deutschland mit dem sogenannten Self-Scanning, wie beispielsweise Real oder Ikea. Doch der große Unterschied zu dem Modell von Globus ist: Hier muss der Kunde an der Kasse noch mal jedes einzelne Teil aus dem Einkaufswagen nehmen und unter einen Scanner halten. Einen echten Zeitgewinn hat er dadurch nicht. Nur die regionale Handelskette Feneberg aus Süddeutschland setzt ein ähnliches System wie Globus in größerem Maßstab ein. Sie nutzt in 14 Läden mobile Handscanner des Herstellers Motorola.

Saturn-Kunden können am Regal bezahlen

Auch deshalb hat sich der Self-Checkout in Deutschland bisher noch kaum durchgesetzt. Rund 200.000 herkömmlichen Kassen stehen gerade mal 3000 SB-Kassen gegenüber. „Ein System muss echten Mehrwert schaffen, um auch beim Kunden Anklang zu finden“, sagt Simone Sauerwein, die sich beim Handelsforschungsinstitut EHI mit dem Thema Self-Checkout beschäftigt.

Genau das will jetzt die Elektronikkette Saturn bieten. Im Saturn in der Hamburger Mönckebergstraße können Kunden jetzt alle Waren direkt am Regal bezahlen. Sie müssen dafür nur die Saturn-App auf ihr Handy laden. Dann scannen sie den Barcode ein und das Geld wird per Google Pay oder PayPal abgebucht.

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Einen ersten Test hatte das Unternehmen bereits in einem speziellen Pop-up-Store in Innsbruck gemacht. Jetzt geht es in einen echten Laden, in dem es parallel auch noch normale Kassen gibt – wie in den Supermärkten von Globus. „Die entscheidende Frage für uns ist: Wie viele Kunden wählen das Mobile Self-Checkout, wenn sie sich frei entscheiden können“, erklärt Martin Wild, Chief Innovation Officer von Media Markt Saturn. „Um dafür eine ausreichend große Datenbasis zu bekommen, haben wir uns entschieden, den Test in unserem größten Markt im Weihnachtsgeschäft durchzuführen“, sagt er.

Das birgt besondere Herausforderungen. „Den höchsten technischen Aufwand müssen wir für die Sicherung der Waren betreiben“, verrät Wild. Deswegen muss in der Pilotphase jeder Kunde sich die Waren noch von einem Mitarbeiter entsichern lassen – eine Konzession an die unübersichtliche Situation in dem großen Laden in Hamburg.

Das eigentliche mobile Bezahlen lässt sich ohne große Veränderung im Geschäft einführen. Als Partner setzt Saturn dabei wie in Innsbruck auf das britische Start-up MishiPay, das die Software für den Online-Checkout entwickelt hat.

Auch bei Saturn soll es nicht bei dem Piloten bleiben, das Unternehmen ist fest entschlossen, das Projekt auszuweiten. „Sollten wir nach Abschluss des Tests im Februar sehen, dass die Kunden das System akzeptieren, das wir in Hamburg erproben, könnten wir das sehr schnell in weitere Märkte ausrollen“, sagt Saturn-Manager Wild. Als wichtige Kunden hofft er dabei auf die junge Generation, die ohnehin schon gewohnt ist über das Handy zu bezahlen, etwa mit Google Pay.

Ältere Kunden schätzen die Technologie

Genau so hatte der Globus-Projektleiter anfangs gedacht, dann aber eine Überraschung erlebt. „Das ist nicht nur ein Thema für junge, digitalaffine Kunden. Bei uns nutzen das auch viele ältere Kunden“, berichtet er. Sie schätzten die Bequemlichkeit des Systems. „Außerdem gefällt ihnen, dass sie immer den Überblick behalten, welche Produkte sie schon im Einkaufswagen haben und wie viel Geld sie dafür ausgeben werden.“, weiß Massing.

Dazu tragen auch die Geräte bei, die Globus einsetzt. Die Handscanner des Herstellers Zebra Technologies sind bewusst einfach gehalten. Es gibt nur einen Knopf, das Display zeigt Produkte und Preise an. Zusätzlich weist es noch auf Rabatte hin. Auch einen Hinweis auf die Altersfreigabe erscheint, wenn der Kunde beispielsweise Alkohol kauft.

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Theoretisch könnten die Geräte noch viel mehr. So könnte man beispielsweise Einkauflisten damit anzeigen, die der Kunde sich vorher zuhause online zusammengestellt hat. Auch könnte man sich von dem Display durch den Laden zu seinem Wunschprodukt navigieren lassen. Doch Globus will die Kunden vorerst nicht mit zu vielen Funktionen überfordern.

Ein entscheidender Faktor im System neben der Technik ist für Globus ohnehin der Mitarbeiter. „Uns war sehr wichtig, das gesamte Personal in der neuen Technik zu schulen, bevor wir in einem Markt damit starten. So kann jeder Mitarbeiter den Kunden weiterhelfen wenn sie Fragen haben“, berichtet Projektleiter Massing. Auch in der Check-out-Zone steht immer mindestens ein Mitarbeiter bereit, um die Kunden zu unterstützen.

Denn gerade in einer ländlichen Gegend wie dem Saarland hat ein mittelständischer Händler mit der Einführung neuer Technologie nur Erfolg, wenn sich die Kunden das gegenseitig empfehlen, um die die Hemmschwelle zu senken, das System erstmals zu probieren. Das weiß auch Massing: „Die Verbreitung der neuen Technologie unter den Kunden lebt sehr stark von Mund-zu-Mund-Empfehlung.“

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