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14.09.2018

17:18 Uhr

Elektronikhandel

Saturn testet das Bezahlen ohne Kasse

VonJoachim Hofer

Die Elektronikkette hat erstmals in Deutschland einen Laden eröffnet, in dem Kunden per App zahlen können. Ein großer Feldversuch soll im Herbst beginnen.

Saturn testet das Bezahlen ohne Kasse Media Saturn

Smartpay-System von Saturn

Für die Kunden ist das System ganz einfach: App herunterladen, registrieren und das Handy an die Diebstahlsicherung halten. Der Mechanismus entsperrt sich dann automatisch, die Ware ist bezahlt und die Käufer dürfen den Laden direkt verlassen.

MünchenSchluss mit den langen Schlangen an der Kasse: Die Elektronikkette Media-Saturn will ihren Kunden das Anstehen künftig ersparen. Daher testet das Unternehmen Zug um Zug neue Verfahren, mit denen die Käufer direkt am Regal bezahlen können.

An diesem Freitag startete der jüngste Versuch: In der Saturn-Filiale im Einkaufszentrum PEP in München können die Kunden jetzt Kopfhörer per Smartphone bezahlen. Das Besondere dabei: Mit der dafür nötigen App lässt sich auch die Diebstahlsicherung deaktivieren. „Wir probieren ganz gezielt viele Dinge aus, um das Einkaufserlebnis zu optimieren“, sagte Chief Innovation Officer Martin Wild am Freitagmorgen. Sein Unternehmen wolle den Wandel im Handel aktiv vorantreiben.

Media-Saturn arbeitet in diesem Fall mit dem Start-up Rapitag zusammen. Die Münchener haben die fortschrittliche elektronische Diebstahlsicherung entwickelt; der Handel nennt die Plastikboxen „Spinnen“. Bislang hatten nur die Kassierer einen Schlüssel für die kleinen Anhänger, die Verbraucher vor allem von hochwertigen Waren kennen. „Nun kann sie jeder Kunde nach dem Bezahlen per Handy selbst lösen“, sagte Alexander Schneider, Chef und Gründer von Rapitag.

Es ist nicht der erste Vorstoß von Media-Saturn zum kassenlosen Bezahlen. Im Frühjahr testete die Gruppe bereits einige Monate einen komplett kassenlosen Laden in Innsbruck. Es war das erste Geschäft des größten europäischen Elektronikhändlers, in dem die Kunden ihre Rechnung ausschließlich per Handy begleichen konnten. „Wir hatten ein sehr gutes Kunden-Feedback“, unterstrich Wild.

Der kleine Shop war bestückt mit Lifestyle-Produkten wie Kopfhörern, aber auch mit Gütern des täglichen Bedarfs, etwa Ladekabeln. Alles in allem fanden die Kunden 900 Artikel. Wer sich für ein Produkt entschieden hatte, der musste am Regal eine App im Browser des Handys öffnen oder das Programm herunterladen. Abgebucht wurde dann per Kreditkarte oder Paypal.

Testfiliale eröffnet: Media Markt und Saturn schaffen die Kasse ab

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Die Kasse fliegt raus: Die Elektronikkette Media-Saturn hat ihren ersten Laden eröffnet, in dem Kunden ausschließlich per App bezahlen können.

In Innsbruck waren die Waren mit Chips gesichert. Dabei arbeitete Media-Saturn mit dem britischen Start-up Mishi Pay zusammen. Die Kunden mussten einen Barcode auf der Verpackung per Smartphone scannen. Zusammen mit dem Zahlvorgang erfolgte die Deaktivierung der Diebstahlsicherung.

In München beschränkt sich Media-Saturn nun auf die Kopfhörerabteilung, weil die Filiale ungleich mehr Artikel führt als der Testshop in Tirol. Für die Kunden ist das System ganz einfach: App herunterladen, registrieren und das Handy an die Diebstahlsicherung halten. Der Mechanismus entsperrt sich dann automatisch, die Ware ist bezahlt und die Käufer dürfen den Laden direkt verlassen.

Es ist kein Zufall, dass Media-Saturn das kassenlose Bezahlen vor vielen anderen Händlern in Europa testet. So überließ die ehemalige Metro-Sparte Newcomern wie Amazon oder Ebay das Geschäft im Internet anfangs fast kampflos. Der Internet-Store in Deutschland ging erst 2011 ans Netz. Den Rückstand hat die inzwischen eigenständig an der Börse notierte Ceconomy, die Muttergesellschaft von Media Saturn, bis heute nicht aufgeholt. Beim nächsten großen Ding wollen die Bayern auf jeden Fall von Anfang an dabei sein.

Daher experimentiert die Firma aus Ingolstadt inzwischen mit allerhand moderner Technik und schaut sich unentwegt neue Konzepte an. So führt in einigen Filialen inzwischen ein Roboter die Kunden durch die Regale. Es gibt auch Tests mit einer elektronischen Landkarte auf dem Handy für die Geschäfte. Vergangenes Jahr setzte die Gruppe sogar einen Avatar ein, um die Kunden in den oft unübersichtlichen Läden an die Hand zu nehmen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der sogenannte „Retailtech-Hub“ in München. In einer ehemaligen Chipfabrik von Infineon in der Nähe des Ostbahnhofs hat das Unternehmen eine Art Brutkasten für junge Tech-Firmen aus dem Handel eingerichtet.

In China wird der kassenlose Markt bereits zum Alltag

Media-Saturn lockt die Gründer mit dem Zugang zu mehr als 1000 Läden in ganz Europa. „Das ist die Chance für Start-ups, ihre Ideen zu verifizieren“, sagte Wild. Inzwischen haben sich auch andere Firmen dem Zentrum angeschlossen, Lidl etwa oder die Modemarke S.Oliver. Auch Mishi Pay und Rapitag haben einige Monate dort verbracht.

In Europa gehört Media-Saturn zu den Vorreitern im kassenlosen Bezahlen, weltweit hingegen sind einige Konzerne schon länger dabei, das Shoppen einfacher zu gestalten. Das US-Unternehmen Amazon hat Anfang des Jahres einen 170 Quadratmeter großen kassenlosen Testmarkt in der Innenstadt von Seattle eröffnet. In China beginnen Händler bereits, die Idee des kassenlosen Supermarktes in der Fläche einzuführen.

Kassenloser Supermarkt: Die Zukunft des Einkaufens ist chinesisch

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Amazon lässt sich für seinen kassenlosen Supermarkt als Pionier der Branche feiern. Dabei sind chinesische Händler viel weiter. Sie sind aus der Testphase raus und eröffnen Hunderte von Läden ohne Personal.

Ganz vorne dabei ist JD.com, der zweitgrößte chinesische Onlinehändler nach Alibaba, der zunehmend auch in stationäre Geschäfte investiert. Zudem hat Bingo-Box bereits mehrere Hundert Kleinstläden in Containeranmutung in China aufgestellt, die komplett ohne Personal funktionieren und rund um die Uhr geöffnet sind. Es braucht nur Mitarbeiter, die regelmäßig die Regale auffüllen.

Bei Amazon halten sich demgegenüber zahlreiche Angestellte im Laden auf: Sicherheitsmitarbeiter, Regaleinräumer und eine Frau, die in der Alkoholabteilung das Alter der Einkäufer kontrolliert.

Die Kassen ganz abschaffen wolle Media-Saturn nicht, beteuerte Chefinnovator Wild. Allerdings werde das kassenlose Bezahlen noch dieses Jahr in einem kompletten Laden in Hamburg möglich. „Wer es nicht möchte, muss nicht mehr anstehen“, unterstrich der Manager am Freitag.

Mit den Tests wolle Media-Saturn herausfinden, wie die Konzepte bei den Kunden ankommen und welche Technik sich bewährt. Rapitag-Gründer Schneider schätzt die Chance sehr, denn dem Rest des Handels stellt er kein gutes Zeugnis aus: „Das ist eine sehr konservative Branche“, sagt der Jungunternehmer.

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