MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2019

17:54

Ethiopian-Absturz

Boeing 737 Max – Die Geldmaschine wird zum Problem

Von: Jens Koenen, Katharina Kort

Der zweite Absturz einer 737 Max binnen kurzer Zeit bringt Boeing in Erklärungsnot. Ein grundlegendes Problem mit dem neuen Jet hätte massive Folgen.

handelsblatt live

Absturz in Äthiopien: Darum darf die Boeing 737 Max 8 in Deutschland weiter starten

handelsblatt live: Absturz in Äthiopien: Darum darf die Boeing 737 Max 8 in Deutschland weiter starten

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Frankfurt, New YorkZum zweiten Mal binnen nur weniger Monate ist eine fast fabrikneue Boeing 737 Max 8 abgestürzt. Alle 157 Menschen an Bord des Ethiopian-Airlines-Flugs ET 302 fanden am Sonntag in der Nähe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba den Tod.

Zwei Totalverluste mit einem brandneuen Modell – das ist in der Branche außergewöhnlich. Umgehend verhängten China und Indonesien ein vorläufiges Flugverbot für die 737 Max. Ein Drittel der weltweit 350 Jets umfassenden Flotte muss derzeit am Boden bleiben - ein Desaster für Boeing.

Auch wenn die Unglücksursache von Flug ET 302 noch nicht feststeht – die beiden Blackboxes, die während des Flugs Daten aufzeichneten, wurden am Montag gefunden – liegt die Frage auf der Hand: Haben die neuen Kurz- und Mittelstreckenjets ein technisches Problem?

Die Folgen wären heftig, auch wirtschaftlich. Die 737 und damit auch die modernisierte Max-Serie gilt als Gelddruckmaschine. Kein Wunder also, dass der Aktienkurs von Boeing am Montagmorgen an der Wall Street um mehr als elf Prozent einbrach.

Boeing hat im letzten Geschäftsjahr 60 Prozent seines Rekordumsatzes von 101 Milliarden Dollar mit Zivilflugzeugen erwirtschaftet. Zwar publiziert der Konzern keine auf einzelne Modelle heruntergebrochenen Umsatz- oder Ergebniszahlen. Aber die 737 ist das „Brot-und-Butter-Modell“ des Konzerns. Die Max ist eine überarbeitete Version der erfolgreichen 737, die seit 1967 im Einsatz ist und bereits 10 500-mal ausgeliefert wurde.

Grafik

Das Problem für Boeing: Von der bisherigen Generation, der sogenannten 737 NG, kann das Unternehmen nur noch 46 Stück fertigen, dann sind die Bestellungen abgearbeitet. Danach stehen nur noch Max-Modelle im Orderbuch.

Ein weitgehendes Flugverbot hätte also massive Folgen – zumal die Fertigung der Max schon jetzt dem Plan hinterherhinkt. Ähnlich wie beim A320 von Airbus hat auch Boeing mit Lieferschwierigkeiten der Triebwerkshersteller zu kämpfen.

„Auch wenn es noch zu früh ist, Schlussfolgerungen zu ziehen, gibt es doch Sorgen rund um das Thema Sicherheit, Produktion, Flugverbote und Kosten“, schreibt Analyst Rajeev Lalwani von Morgan Stanley. Er glaubt jedoch, dass das zu managen ist. Die 737 Max ist seit zwei Jahren auf dem Markt. Mehr als 5 000 Stück sind bestellt worden, 350 hat Boeing bereits ausgeliefert.

Europäer warten ab

In Europa warten die Betreiber des Jets wie etwa Norwegian oder Tui auf eine Mitteilung von Boeing beziehungsweise der amerikanischen Aufsichtsbehörde FAA. Erst wenn die empfehlen sollte, das Flugzeug zu parken, dürften auch die europäischen und deutschen Behörden tätig werden.

Denn bislang haben europäische Airlines noch nicht von Problemen mit der Max berichtet. Auch die US-Fluggesellschafen wie United Airlines, American Airlines und Southwest haben bisher keine Pläne angekündigt, ihre Modelle am Boden zu lassen.

Nach Absturz in Äthiopien: Mehrere Länder erteilen Startverbot für Boeing 737 Max 8

Nach Absturz in Äthiopien

Mehrere Länder erteilen Startverbot für Boeing 737 Max 8

Behörden und Airlines ziehen Konsequenzen aus dem Absturz in Äthiopien. Auch chinesische Flieger sollen vorerst am Boden bleiben.

Doch die Unsicherheit bei Passagieren wächst, und das wiederum ist ein Problem für die Kunden von Boeing: die Airlines. Im vergangenen Oktober war ebenfalls eine brandneue 737 Max von Lion Air mit 189 Menschen kurz nach dem Start in die Javasee gestürzt. Deshalb liegt es auch im Interesse von Boeing, rasch für Klarheit zu sorgen, was die Sicherheit des Jets angeht.

Im Fokus stehen dabei vor allem das MCAS-System, der automatische Fluglagekorrektor sowie der AOA-Sensor. AOA steht für „angle of attack“ und beschreibt den Anstellwinkel, den ein Flugzeug beim Starten einnimmt. Ist dieser zu steil, droht ein Strömungsabriss an den Flügeln, das Flugzeug würde unkontrollierbar werden.

Eine Überwachung dieses Winkels ist deshalb so wichtig, weil der Jet beim Starten mit einer recht langsamen Geschwindigkeit fliegt, die Motoren aber gleichzeitig mit vollem Schub arbeiten. Das birgt die Gefahr, dass das Flugzeug zu steil aufsteigt.

Der AOA-Sensor schickt seine Informationen über den Anstellwinkel zu einer Anzeige für den Piloten und direkt ins Steuerungssystem des Flugzeugs. Stellt der Sensor einen zu hohen Winkel fest und merkt, dass der Pilot nicht entsprechend reagiert, korrigiert das Steuerungssystem die Ausrichtung automatisch, indem es die Nase des Flugzeugs leicht absenkt.

Der Pilot kann die Korrektur „überstimmen“, indem er die Maschine wieder nach oben zieht. Doch stellt das System dann wieder einen zu steilen Anstellwinkel fest, wird es erneut die Nase automatisch absenken – und so weiter.

Probleme mit Sensoren

Genau das ist wohl beim Absturz des Lion-Air-Jets geschehen. Die Maschine ist für etwa zwölf Minuten ständig auf- und wieder abgestiegen, bis sie ins Meer stürzte. Boeing hatte deshalb nach dem Unglück die Piloten darauf hingewiesen, wie in einer solchen Situation zu reagieren sei. Der Flugzeugführer muss die „Autopilot Stab Trim“-Funktion ausschalten.

Flugzeugabsturz in Äthiopien

Ist der neueste Boeing-Flieger sicher?

Flugzeugabsturz in Äthiopien: Ist der neueste Boeing-Flieger sicher?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die zentrale Frage lautet: War das MCAS-System beim ET 302-Flug ein- oder ausgeschaltet? Grundsätzlich aktiviert es sich erst, wenn die Klappen eingefahren sind. Die Auswertung der Flugschreiber dürfte hier Klarheit bringen.

Daten von Flightradar zeigen, dass das Flugzeug in einer Höhe von rund 2 440 Metern über Meeresspiegel auf 2 350 Meter sank, um danach wieder auf 2 620 Meter zu steigen. Das ist aber noch kein Beleg für ein Problem, es könnte sich auch um ein Manöver der Crew gehandelt haben. Die hatte technische Probleme gemeldet und wollte zurückkehren.

Ethiopian gilt als Airline mit hohen Sicherheitsstandards. Der Flugkapitän verfügte über eine Erfahrung aus mehr als 8 000 Flugstunden. Bei den vorausgegangenen Flügen hatte es, anders als beim Lion-Air-Jet, keine Probleme gegeben.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Sepp Mooser

11.03.2019, 14:39 Uhr

Mal ganz ehrlich, ich finde es schon sehr krass, dass hier nach einem erneuten Absturz einer der neuen Boeing 737er vorwiegend über die mögliche finanzielle Situation des Konzern und die Börsennotierung diskutiert wird, nicht aber über die möglichen/sehr wahrscheinlichen Hintergründe.
Immer mehr Unternehmen sparen in allen Bereichen, wollen aber andererseits mit ihren Produkten so schnell als Möglich auf dem Markt sein, um keinen Cent Profit zu verlieren. Herzlichen Dank an Betriebswirtschaft und der absoluten Profitorientierung der Wirtschaft. Qualität steht hinten an. Mich wundert es nicht, dass es in allen Bereichen zu immer mehr Problemen kommt, geht es doch nur noch finanzielle (ich nenne dies bewusst nicht wirtschaftliche) Effizzienz. Hauptsache die Kohle stimmt für's nächste Quartal, weiter wird doch mittlerweile in den Konzernen nicht mehr gedacht. Der Evolutionshorizont eines Unternehmens endet damit an der Nasenspitze der Vorstände und Stakeholder (mit den größten Aktienpaketen). Der Blick von Vorständen geht seitz Jahren nur noch Richtung Börsenkurs, nicht Richtung Effizienz, Sicherheit, Qualität oder Nutzen eines Produkts - schon gar nicht in Richtung Qualität der Arbeitsplätze.
Das große Jammern kommt immer dann, wenn wegen der vorausgehenden Fehlleistungen (aus o.g. Gründen) ein Unternehmen in Schieflage gerät. Dann soll es die soziale Gemeinschaft wieder richten, was vorher unfähige und allein auf den Profit orientierte Manager verbockt haben.
Wir leben heute in einer Welt, in der die technischen Möglichkeiten so ausgereift sind, dass Fehler, die beispielsweise zu Abstürzen von Flugzeugen führen, eigentlich gar nicht mehr vorkommen dürften. Da es aber nur um Geld geht, werden offensichtlich nicht wenige, aber wesentliche Prozesse übersprungen. Motto: "geht scho".. Es geht eben nicht und eigentlich sollten wir Manager, die solcherlei verursachen, nie mehr ein Unternehmen leiten lassen und eher dort eintsellen, wo sie keinen Schaden anrichten können!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×