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12.04.2019

10:56

Luftfahrt-Engpass zur Ferienzeit

Der Berliner Flughafen Tegel steht vor einem Stresstest – schon wieder

Von: Daniel Delhaes, Silke Kersting, Jens Koenen

Mit dem Beginn den Osterferien droht am veralteten und überlasteten Hauptstadtflughafen das Chaos. Doch die politisch Verantwortlichen tauchen ab.

Der Berliner Flughafen arbeitet längst jenseits seiner Kapazität – und rechnet auch für dieses Jahr mit teilweise chaotischen Zuständen. dpa

Flughafen Tegel

Der Berliner Flughafen arbeitet längst jenseits seiner Kapazität – und rechnet auch für dieses Jahr mit teilweise chaotischen Zuständen.

Frankfurt, BerlinDa sage noch einer, es werde nicht mehr in Berlin-Tegel investiert. In der kommenden Woche wird im Luftsicherheitsbereich, also hinter der Sicherheitskontrolle, ein Biergarten eröffnet. „Um die Aufenthaltsqualität zu steigern“, wie ein Sprecher der Flughafengesellschaft FBB erläutert.

Vielleicht ist die Idee gar nicht mal so schlecht. Denn viele Passagiere werden in den nächsten Wochen und Monaten wohl deutlich mehr Zeit an dem betagten Airport verbringen müssen als gedacht. „Schon in den nun beginnenden Osterferien werden wir dort viel Chaos erleben, im Sommer wird es dann richtig rundgehen“, prognostiziert die Führungskraft einer Airline.

Überall in Deutschland ist der Luftverkehr auf Kante genäht. Doch der nach Passagierzahlen viertgrößte deutsche Airport in Berlin steckt anders als etwa Frankfurt, München oder Düsseldorf in einem doppelten Dilemma. Weil der neue Hauptstadtflughafen BER einfach nicht fertig werden will, muss Tegel seit Jahren in Betrieb bleiben, obwohl das so nicht geplant war.

Die Folge: Das sechseckige Hauptterminal, das seit kurzem unter Denkmalschutz steht, und die Erweiterungen nehmen viel mehr Passagiere auf als eigentlich geplant. Fast 22 Millionen Fluggäste waren es im vergangenen Jahr, so viel wie niemals zuvor. Ausgelegt ist die Infrastruktur nur für zwölf Millionen Passagiere. Längst ist das „Wunder von Tegel“ ein geflügeltes Wort.

Regelmäßig bricht in Tegel Chaos aus, weil die Infrastruktur überlastet und veraltet ist. Und das Wachstum geht weiter. Um zwei bis drei Prozent wird die Zahl der Passagiere nach Berechnungen des Flughafenverbandes ADV in diesem Jahr steigen.

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In Tegel wird das Plus vielleicht sogar noch größer ausfallen. 2018 lag das Wachstum dort bei 7,5 Prozent. In den beiden Osterwochen erwartet die Flughafengesellschaft FBB an den beiden Airports in Tegel und Schönefeld 1,3 Millionen Passagiere. Das sind satte 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Ende ist nicht in Sicht. „Tegel muss auch noch im nächsten Jahr durchhalten, mit noch mehr Fluggästen“, sagt ein Airline-Manager.

Das Problem: Hören will das Dauer-Chaos in der Politik keiner. Gerade in der Hauptstadt soll gezeigt werden, dass man Luftverkehr kann. Die Diskussion um die Pleite von Air Berlin steckt vielen noch in den Knochen.

Gewaltiger Investitionsstau

Überhaupt will man die ewige Debatte darüber, dass Deutschland zu wenig in seine Infrastruktur stecke, nicht erneut anheizen. Deshalb will sich auch in der Luftfahrtbranche keiner öffentlich über das Desaster äußern. „Da verbrennt sich gerade keiner die Finger“, sagt ein Luftfahrt-Manager.

Puffer hat Tegel schon lange nicht mehr. Investiert wird nur noch in das Nötigste. Im vergangenen Jahr etwa in die Erneuerung der Starkstromkabel oder die Überarbeitung der Toiletten. Zwar wurden auch die Sicherheitskontrolllinien im Terminal D erweitert. Aber signifikante neue Kapazitäten schafft das nicht.

Auf rund zehn Millionen Euro beziffert die Flughafengesellschaft FBB die jährlichen Instandhaltungsausgaben. Viel zu wenig, denn der Stau ist gewaltig. Hier rächt sich, dass die seit neun Jahren andauernden Schwierigkeiten bei der Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtflughafens BER nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit gegeben wurde.

Tegel sofort nach der ersten Verschiebung des BER-Starts für über eine Milliarde Euro zu ertüchtigen, das wäre dem Eingeständnis des völligen Versagens der Politik gleichgekommen. An der FBB sind die Länder Berlin und Brandenburg mit jeweils 37 Prozent beteiligt, der Bund hält den Rest.

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Nun ist der Druck auf den FBB-Chef ist gewaltig. Er soll dafür sorgen, dass das Chaos nicht zu groß wird. „Auch wenn Engelbert Lütke Daldrup vor allem damit beschäftigt ist, den neuen Hauptstadtflughafen BER funktionstüchtig zu machen, muss er die bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld besser managen“, mahnt Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus: „Die Verantwortung, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen, liegt bei der Flughafengesellschaft.“

Die Opposition sieht vor allem das FBB-Management in der Pflicht. „Die Anforderungen an Tegel steigen natürlich in der Hauptsaison – das wissen die Verantwortlichen bei der FBB ganz genau und müssen darauf vorausschauend reagieren“, sagt Sebastian Czaja, der Fraktionsvorsitzende der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin: „Um ein erneutes Chaos zu verhindern, muss der Flughafen-Chef frühzeitig den Austausch mit den Airlines suchen, zusätzliches Personal einstellen und erforderliche Investitionen tätigen.“

Dass es nicht zuletzt die Politik ist, die den Dauernotstand zu verantworten hat, wird ausgeblendet. Tegel – das ist seit Jahren bekannt – ist ein einziges Provisorium. Wer mit Mitarbeitern von Airlines sowie dort tätigen Dienstleistern und Partnern spricht, kommt aus dem Kopfschütteln kaum noch heraus.

Fluggäste zunehmend gereizt

Die Abläufe sind mittlerweile so sehr verdichtet, dass selbst kleinste Störungen in der Prozesskette verheerende Folgen für Fluggäste haben. Und diese Störungen werden kommen, das ist heute schon klar. Denn etwa der Engpass bei den Fluglotsen bleibt vorerst bestehen.

Das Ganze beginnt schon mit der Zufahrt zum Airport. Einen Bahnanschluss gibt es nicht, man muss mit dem Bus, dem Taxi oder dem eigenen Auto kommen. Viele Passagiere steigen entnervt weit vor dem Eingang aus und laufen den Rest zu Fuß – ungesichert über die verstopften Straßen. „Das alleine ist schon ein Unding“, sagt eine Führungskraft einer Airline.

Weil sich viele mittlerweile an die chaotische Anreise gewöhnt haben, kommen sie bis zu drei Stunden früher und checken sofort ein – denn sicher ist sicher. Das Problem: An den eh schon überlasteten Check-In- und Sicherheits-Schaltern bilden sich lange Schlangen. Zudem ist für die Mitarbeiter schwer ersichtlich, wer für den nächsten Flug als erstes abgefertigt werden müsste und wer noch Zeit hat. Trotz früher Anreise verpassen immer wieder Passagiere ihren Flug.

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Vor allem aber das Thema Gepäck sorgt immer wieder für Ärger. Es kommt zu spät aus dem Flieger oder geht gleich ganz verloren. Mitte März mussten ankommende Passagiere dreieinhalb Stunden warten, weil ihr Gepäck nicht da war.

Die Fluggäste reagierten zunehmend gereizt, das überarbeitete Bodenpersonal ebenfalls. Am Ende musste die Polizei schlichten. Ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Wochen und Monate droht. Auch wenn sich keiner der Bodendienstleister zum Thema Tegel äußern mag, den Frust vieler Mitarbeiter können Fluggäste täglich erleben.

Zwar verspricht FBB-Chef Lütke Daldrup gegenüber dem Handelsblatt Unterstützung: „Unser oberstes Ziel ist der reibungsarme Flugbetrieb. Um diesen sicherzustellen, setzen wir besonders in den Ferien auf die Kombination aus mehr Personal und baulichen Maßnahmen.“

Um bei unvorhergesehenen Situationen, wie Unwetter oder Luftraumsperrungen reagieren zu können, habe man deshalb die Personalreserve aufgestockt. „Damit können wir auch bei Engpässen den Airlines und den Bodenverkehrsdienstleistern unter die Arme greifen zu können.“ Doch selbst noch so viele „Loader“ auf dem Vorfeld und in den Gepäckanlagen würden die Probleme in Tegel nicht lösen.

Keine Entwarnung vom Flughafenchef

Denn die Gepäckkeller etwa sind nicht für die anfallenden Kapazitäten ausgelegt. 30 Container benötigen die Verlader im Schnitt pro Keller, um die Koffer für die Flüge passend zu verteilen. Platz ist nur für 14. Selbst mit in zweiter Reihe geparkten Containern, für die die Verlader deutlich mehr und länger schleppen müssen, schafft man maximal 20 Container. Also werden die, die voll sind, sofort rausgerollt.

„Leider gibt es aber in Tegel keinen Platz zum Abstellen. Also parkt man die Wagen irgendwo, in der Hoffnung, dass man am Ende alle für den Flug findet“, sagt ein Mitarbeiter eines Dienstleisters: „Das gelingt auch in der Regel, aber eben nicht immer.“ Häufig falle zudem eines der betagten Bänder aus. „Im letzten Sommer konnten wir dann noch Kapazitäten in andere Bereiche verlagern. Bei dem geplanten Wachstum in diesem Jahr wird das nicht mehr gehen.“

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Jede Verspätung bei der Ankunft oder beim Start – egal ob diese durch Engpässe bei der Flugsicherung oder andere Faktoren verursacht wurde – bringt das System zusätzlich in Unruhe. Denn auch für Jets gibt es keine Stellplätze. Wird einer zu spät fertig, kann der nächste, der reinkommt, nicht abgefertigt werden.

In Gesellschafter-Kreisen der Flughafengesellschaft FBB ahnt man, was da auf sie zukommt. „Ostern wird der Stresstest werden“, heißt es. Flughafen-Chef Lütke Daldrup hat in dem Gremium längst klar gemacht, dass die Hoffnung auf Entspannung illusorisch ist.

Auf der letzten Aufsichtsratssitzung wurde er gefragt, ob es 2019 besser werde. Er könne keine Entwarnung geben, erwiderte er. „Es wird 2019 nicht besser.“ Auch Gräff von der CDU weiß, wie groß das Dilemma ist: „Mein Eindruck nach vielen Gesprächen mit Dienstleistern ist: Vor allem in Tegel deutet sich ein genauso großes Chaos wie im vergangenen Jahr an.“

Doch die Regierenden verdrängen ihre Verantwortung. Gegenmaßnahmen? Unterstützung? Fehlanzeige. Stattdessen lautet das Motto: Augen zu und durch, selbst bei der Opposition: „Tegel hat bewiesen, dass er auch als betagter Flughafen zu enormen Leistungen fähig ist, erst recht, wenn der BER noch lange nicht in Betrieb gehen kann“, sagt Czaja von der FDP.

Im Mai wird der Aufsichtsrat das nächste Mal tagen. Vielleicht wird den Aufsichtsrat-Mitgliedern und auch der Regierung bis dahin ja brutal vor Augen geführt, welche Folgen ihre Ignoranz und ihre Versäumnisse beim Thema Verkehrsinfrastruktur haben.

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