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08.03.2019

12:00

Luftfahrt

Was Lufthansa mit der Billig-Tochter Eurowings vorhat

Von: Jens Koenen

Eurowings wird zunehmend zu einem Touristik-Anbieter. Der zuständige Lufthansa-Vorstand Thorsten Dirks sieht große Chancen mit einer Ausweitung des Langstreckengeschäfts.

Eurowings: Was Lufthansa mit der Billig-Tochter vorhat dpa

Eurowings-Jets in Düsseldorf

Die Airline übernimmt immer größere Teile des Europaverkehrs der Konzernmutter Lufthansa.

Berlin Wird Eurowings zu einer reinen touristischen Fluggesellschaft? Ganz so weit will Thorsten Dirks, der für den Billigableger der Lufthansa zuständige Konzernvorstand, dann doch nicht gehen. „Das Geschäft mit den Unternehmenskunden bleibt enorm wichtig“, sagte der Manager dem Handelsblatt am Rande der Tourismusmesse ITB in Berlin. Aber richtig sei: „Wir bauen unser Tourismusgeschäft aus. Die Bereiche Urlauber und Wochenend-Reisende sind für uns ein stark wachsendes Geschäft.

Was seit einiger Zeit bei Eurowings passiert, wird in der Luftfahrtbranche sehr genau beobachtet. Viele erkennen eine Neuausrichtung der Airline.

Die ursprüngliche Strategie hinter Eurowings lautete: Die Kernmarke Lufthansa bedient die beiden Drehkreuze Frankfurt und München, Eurowings übernimmt die anderen Flughäfen und damit vor allem weite Teile des Europaverkehrs des Konzerns. Dieser war viele Jahre hochdefizitär, über die Plattform Eurowings – so die Hoffnung des Managements – könne es gelingen, aus den roten Zahlen zu gelangen.

Das schaffte der Billigableger auch tatsächlich. Im Geschäftsjahr 2017 erzielten die bei Lufthansa Point-to-Point-Verkehre genannten Airlines von Eurowings einen Umsatz von gut vier Milliarden Euro. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug 94 Millionen Euro.

Zwar flog Eurowings in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres wieder einen Betriebsverlust von 65 (Vorjahr plus 145) Millionen Euro ein. Grund dafür waren aber vor allem der Integrationsaufwand für die Übernahme von 77 Flugzeugen der ehemaligen Air Berlin-Gruppe und Kosten für Flugausfälle und -verspätungen – alles Schmerzen des Wachstums.

Seit einiger Zeit wird aber sukzessive die strategische Stoßrichtung der Fluggesellschaft angepasst und verändert. Der jüngste Beleg: Ab dem kommenden Herbst startet Eurowings in Frankfurt, die größte Heimatbasis der Kernmarke Lufthansa. Schon länger ist die Airline in München aktiv, dem zweitgrößten Drehkreuz von Lufthansa. Ziele wie etwa Bangkok waren hier bis vor kurzem der Kernmarke vorbehalten.

Der für Eurowings zuständige Lufthansa-Vorstand will das Geschäft mit Touristen kräftig ausbauen. dpa

Thorsten Dirks

Der für Eurowings zuständige Lufthansa-Vorstand will das Geschäft mit Touristen kräftig ausbauen.

Für Dirks ist die Entwicklung ein logischer Schritt bei der Weiterentwicklung von Eurowings. „Wir verbinden die Vorteile der Eurowings mit den Stärken der Lufthansa. Mit der Vertriebspower und dem starken Zubringerverkehr der Lufthansa werden wir unser Langstreckengeschäft schneller profitabel voranbringen können“, sagte der Manager.

Tatsächlich ist man bei der Mutter bislang nicht zufrieden mit dem „Fernverkehrs-Bereich“ des Ablegers. Neben der mangelhaften Verlässlichkeit soll das Geschäft auch Verluste einfliegen, berichten Unternehmenskenner. „Die touristische Langstrecke ist ein höchst komplexes Räderwerk, bei der oft kleine Störungen ausreichen, die uns und unsere Kunden verständlicherweise verärgern“, räumte Dirks ein.

Umso intensiver arbeite man derzeit an Maßnahmen, um die Performance zu optimieren. Aber auch wenn Eurowings künftig an den beiden großen Drehkreuzen in Deutschland fliegen werde, „wir bleiben eine Point-to-Point-Airline.“

Unter Point-to-Point verstehen Fachleute Verbindungen, bei denen die Jets zwischen zwei Punkten hin- und herfliegen und in der Regel nur Passagiere vor Ort aufnehmen, also keine Umsteigerverkehre nutzen. In Frankfurt und München setzt Eurowings aber gezielt auf Umsteiger, die von Lufthansa an die beiden Flughäfen transportiert werden. Das soll das Befüllen der Großraum-Flugzeuge erleichtern.

Grenzen zwischen Privat- und Geschäftsreisen verschwimmen

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat mehrfach klar gemacht, dass er auf der Langstrecke für Eurowings noch viel Potenzial sieht. Aktuell hat die Billig-Plattform eine Flotte von 110 Flugzeugen. Davon sind elf Jets für die Langstrecke geeignet, sieben davon werden von SunExpress betrieben, einem Joint-Venture von Lufthansa und Turkish Airlines. Vier Langstrecken-Flugzeuge betreibt Brussels Airlines, die zur Lufthansa-Gruppe gehört.

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Die Airlines von Thomas Cook haben es dem Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister angetan. Außerdem sieht er Chancen, auch bei der insolventen Alitalia zum Zuge zu kommen.

Lufthansa schielt aber bereits auf die Airlines des Reisekonzerns Thomas Cook und hier auf Condor, die dieser jüngst ins Schaufenster gestellt hat. Vor allem an den Langstrecken soll der Konzern interessiert sein. Das wäre eine gute Ergänzung zu der bisher eher bescheiden wirkenden Eurowings-Flotte von elf Jets in diesem Markt.

Dirks zeigt sich bei dem Thema verschlossen: „Zum Thema Condor gibt es von uns nichts zu sagen. Nur so viel: Wir haben immer gesagt, dass wir uns an einer Konsolidierung in Europa aktiv beteiligen wollen.“ Branchenkenner überrascht das Werben um Condor nicht. „Jede Airline schaut mit großem Interesse auf den Markt mit Privatreisenden. Airlines werden, um weiter wachsen zu können, verstärkt neue Kundensegmente bedienen“, sagte Björn Maul, Partner bei der Beratungsfirma Oliver Wyman.

Die Grenzen zwischen Geschäfts- und Privat-Reisenden würden zunehmend verschwimmen. „Das Ferienfluggeschäft ist sicherlich aufgrund seiner Größe und Attraktivität ein Geschäftsfeld, auf das sowohl Low-Cost-Anbieter als auch Netzwerkairlines verstärkt schauen werden. Wir werden in diesem Markt wahrscheinlich viel Bewegung sehen.“

Kartellrechtlich dürfte Lufthansa allerdings kaum die komplette Condor übernehmen. Teile des Kurz- und Mittelstreckenverkehrs zwischen Condor und Lufthansa/Eurowings überlappen sich so sehr, dass die Kartellbehörden hier sicherlich ihr Veto einlegen würden.

Für die „Hansa“ als Käufer spricht aber die schon heute existierende Zusammenarbeit mit Condor am wichtigen Flughafen Frankfurt: Ein großer Teil der Fluggäste, die Condor in Frankfurt an Bord der eigenen Jets begrüßt, werden von der Lufthansa zu dem Flughafen transportiert. Ein potenzieller Interessent wäre also auf die Unterstützung von Europas größter Fluggesellschaft angewiesen, will er das wichtige Geschäft in Frankfurt aufrechterhalten. Das könnte wie eine Giftpille auf andere Interessenten wirken.

Mit dem Vordringen von Eurowings auch an den klassischen Vielflieger-Drehkreuzen Frankfurt und München, versucht Lufthansa auch, der sich massiv verändernden Wettbewerbssituation gerecht zu werden. Denn von der Pleite von Air Berlin hat nicht nur der europäische Branchenführer selbst profitiert.

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So hat sich der britische Anbieter Easyjet mit den Teilen von Air Berlin am Hauptstadtflughafen in Deutschland breit gemacht und bedient von dort zum Beispiel auch die „Rennstrecke“ nach München. Rivale Ryanair wiederum hat sich mit der österreichischen Laudamotion im Grunde genommen die frühere Air Berlin-Tochter Niki geschnappt und expandiert darüber auch in Deutschland.

Kunden ändern ihr Buchungsverhalten

In der Logik der bisherigen Marktaufteilung zwischen Eurowings und Lufthansa müsste etwa in München Lufthansa selbst gegenhalten. Doch das funktioniert angesichts der Kostenstruktur der Kernmarke nicht. Das zeigt sich auch am Beispiel von Berlin Tegel und München. Während Easyjet hier mit Ticketpreisen von etwa 70 Euro lockt, ruft Lufthansa 100 Euro und mehr auf.

Künftig will Lufthansa hier mit der „Waffe“ Eurowings gegenhalten. Ab Mai fliegt der Billigableger viermal täglich die Strecke, am Wochenende dreimal. Offiziell ist die Rede von einer Ergänzung des Flugplans von Lufthansa. Doch in der Branche und auch intern bei Lufthansa geht man davon aus, dass das nur der Anfang ist. Überall dort, wo die Konkurrenz von Easyjet oder Laudamotion zu groß werde, müsse künftig Eurowings ran, heißt es. „Es geht um die Frage, wer den Kampf mit diesen Rivalen aufnimmt, oder besser gesagt aufnehmen kann“, sagt ein Lufthansa-Manager.

Ein zweites Element der Strategie, künftig noch stärker im Geschäft mit Privat- und Urlaubsreisenden Fuß zu fassen, ist für Eurowings die Digitalisierung, verbunden mit Kooperationen. Die Airline gab während der ITB eine Zusammenarbeit mit der Fernbus-Plattform Flixbus bekannt.

Künftig können Kunden über die Eurowings-App ein Bussticket zum oder vom Flughafen kaufen. „Wir wollen ein digitaler Begleiter der Privatreisenden werden. Der will sich zwar Elemente einer Reise individuell zusammenstellen, aber über eine Plattform“, erklärte Dirks die Strategie dahinter: „Wir wollen der Betreiber dieser Plattform werden.“

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Die Airline bereitet sich damit auf einen Umbruch im Reisemarkt vor: das individuelle Zusammenstellen einer Reise durch den Kunden selbst. Die Veränderung des Kundenverhaltens geschieht zwar langsamer als vielfach erwartet, aktuell boomt sogar die Pauschalreise. „Die Frage ist aber, wie lange die starke Nachfrage nach Pauschalreisen anhalten wird“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting. Mit der Digitalisierung werde es einfacher, sich selbst seine Reise zusammenzustellen. „Da ist es entscheidend, ob man die führende Plattform für das Buchen der einzelnen Komponenten anbieten kann.“

Genau das ist das Ziel von Dirks. Dazu braucht er allerdings viele weitere Kooperationspartner. „Unsere Plattform soll offen sein“, sagte der Manager, fügte aber hinzu: „In wie weit wir zum Beispiel auch direkte Wettbewerber etwa im Airline-Geschäft andocken, kann Ihnen im Moment noch keiner sagen. Nur so viel: Der Markt entwickelt sich dynamisch.“

Dass er mit einer solchen Plattform Unternehmen wie etwa Tui, die ähnliche Ziele verfolgen, die Kunden streitig macht, sieht Dirks nicht: „Wir treten damit nicht in Wettbewerb zu den Reiseveranstaltern. Wir brauchen diese vielmehr. Denn ich bin davon überzeugt, dass die individuell zusammengestellte Reise und das vorkonfektionierte Paket nebeneinander existieren werden.“

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