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11.07.2018

18:36 Uhr

Mittelstand

Kettcar-Hersteller Kettler bangt um seine Zukunft

VonRené Bender, Anja Müller

Kettler soll an die luxemburgische Finanzholding Altera Capital verkauft werden. Doch in der entscheidenden Phase hakt es plötzlich.

Das berühmteste Modell entwickelte der Firmengründer 1962, es wurde mehr als 15 Millionen Mal verkauft. picture alliance/dpa

Kettcar

Das berühmteste Modell entwickelte der Firmengründer 1962, es wurde mehr als 15 Millionen Mal verkauft.

EnseDas Wetter ist grau in grau. Hier, wo sonst die Schützenbruderschaft St. Lambertus e.V. von 1525 ihre Schützenkönige ausruft, strömen rund 450 Mitarbeiter aus dem nahe gelegenen Werk und der Hauptverwaltung des Freizeitartikelherstellers Kettler Richtung Schützenhalle.

Während die Beschäftigten drinnen gespannt auf die Worte des 1. Bevollmächtigten der IG Metall Hamm-Lippstadt warten, beginnt es leicht zu nieseln. Der Gewerkschafter Alfons Eilers wollte Großes verkünden und muss die Kettler-Mitarbeiter dann doch enttäuschen.

Das inzwischen stark geschrumpfte Unternehmen soll einen neuen Eigner bekommen, dennoch kann Eilers die Übernahme noch nicht verkünden. Bereits vor mehr als zwei Wochen hatte er sich weit aus dem Fenster gelehnt: Zu 95 Prozent würde es klappen, verkündete er. Jetzt sagt er etwas kleinlaut in der Schützenhalle, es seien nun 97 Prozent, bei Kettler brauche man aber 110 Prozent. Murren in der Belegschaft, einer ruft laut: „Mein Gott!“

Der 1949 gegründete legendäre Kettcar-Hersteller illustriert, wie verheerend es für ein auf eine Person zugeschnittenes Familienunternehmen sein kann, wenn mit einem Mal ein Entscheider mit eigenem Geld fehlt. Firmengründer Heinz Kettler hatte die Firma aus der sauerländischen Provinz zu einem führenden Hersteller von Sportgeräten, Fahrrädern und Gartenmöbeln gemacht und komplett auf sich zugeschnitten. 2005, nach dem Tod des Patriarchen, wurde seine Tochter plötzlich unvorbereitet Alleinerbin.

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Nach ihrem tödlichen Verkehrsunfall im vergangenen Frühjahr spricht die Heinz-Kettler-Stiftung ein gewichtiges Wort mit. Sie ist zwar Rechtsnachfolgerin, nicht aber Gesellschafterin.

Hinter Altera steht ein Putin-Vertrauter

Immerhin, der Name des Investors, den Geschäftsführung, Aufsichtsrat und auch die Stiftung bislang geheim gehalten hatten, ist nun bekannt. Altera Capital, eine luxemburgische Finanzholding mit einem weiteren Sitz in Moskau, will die traditionsreiche Firma übernehmen. Hinter Altera Capital steckt der Russe Kirill Androsov. Er soll Altera 2011 gegründet haben, nachdem er zwischen 2008 und 2010 unter Putin als stellvertretender Stabschef wirkte.

Aber noch ist die Übernahme nicht gelungen. Die monatelange Zitterpartie um das vor allem für seine Kettcars bekannte Familienunternehmen ist noch nicht beendet. Es sollte Zusagen geben, dass die Standorte und damit auch möglichst viele der 723 Mitarbeiter gesichert bleiben. Schließlich beginnen am Montag die Betriebsferien, dann ist es drei Wochen still bei Kettler. Das Geschäftsjahr endet am 31. Juli 2018.

Dabei war Eilers‘ Optimismus der vergangenen Wochen noch einmal angefacht worden. Er selbst sagt, noch am Dienstagabend schien alles klar. Doch ein Vertreter der Stiftung bestreitet dies. Der Chef der IG Metall Hamm-Lippstadt hatte einen runden Tisch auf den Weg gebracht, der vor knapp einer Woche anberaumt worden war, um eine Lösung im komplizierten Ringen um die Zukunft des Unternehmens zu finden.

Zwar hatte es vor gut drei Wochen bereits geheißen, ein Investor für Kettler sei gefunden, der entsprechende Kaufvertrag bereits Mitte Mai unterzeichnet worden. Gesellschafter, Betriebsrat sowie der Finanzierungskreis – und damit auch das Land Nordrhein-Westfalen – unterstützten die anvisierte Transaktion. Das Problem: Auch die Stiftung musste dem Deal zustimmen.

Details sind noch offen

Man sei sich grundsätzlich einig, sagte Eilers nach der Betriebsversammlung. Es hänge noch an technischen Details, deshalb habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO, die mit der Prüfung beauftragt war, am Mittwoch die endgültige Übernahme verhindert. Es müssen jetzt noch weitere Punkte zwischen dem Investor und der Stiftung geklärt werden.

Es ist nicht die erste Verzögerung im Ringen um die Zukunft von Kettler. In den vergangenen Wochen konnte und wollte die Stiftung unter den bis dato ausgearbeiteten Rahmenbedingungen kein grünes Licht für die Übernahme geben. Und durfte es auch gar nicht. So viel zumindest war seit Anfang Juli klar.

Denn seitdem lag ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO vor, das die Stiftungsaufsicht, zuständig ist der Regierungspräsident von Arnsberg, in Auftrag gegeben hatte. Die Prüfer kamen zu dem Schluss, dass der geplante Verkauf mit den besonderen rechtlichen Anforderungen an eine gemeinnützige Stiftung so nicht vereinbar sei.

Denn der Kaufvertrag vom Mai sah offenbar unter anderem vor, dass der Investor Kettler zum symbolischen Preis von fünf Euro übernimmt, die Heinz-Kettler-Stiftung aber Sicherheiten in zweistelliger Millionenhöhe stellen sollte.

Für Kettler ist die Situation schwierig. Denn einiges deutet darauf hin, dass es ohne Investor nicht mehr allzu lange weitergeht. So hatte Stiftungsvorstand Andreas Sand kürzlich verlauten lassen, dass „die 2016 begonnene Sanierung offenbar gescheitert ist“. Im Unternehmen selbst wich man zuletzt Nachfragen zur Überlebensfähigkeit ohne einen Investor aus.

Ohne Investor droht wohl die Insolvenz

Geschäftsführer Olaf Bierhoff hingegen, der seit Herbst 2017 an der Spitze von Kettler steht, äußerte sich, dass „von einem Scheitern nicht die Rede sein“ kann. Es sei immer Teil des Sanierungskonzeptes gewesen, das Unternehmen in die Hände eines neuen Gesellschafters zu übertragen. Man sei sich aber „mit dem Vorstand der Heinz-Kettler-Stiftung einig, dass das Unternehmen einer zukunftsorientierten Lösung zugeführt werden muss“.

Bei der Pressekonferenz am Mittwoch antwortete Eilers auf Nachfragen des Handelsblatts, ob dem Unternehmen bei einem Ausfall des Investors eine Insolvenz drohe, es gebe eine positive Zukunftsprognose, er wolle das I-Wort nicht in den Mund nehmen.

Seit Jahren befindet sich Kettler in einer schwierigen Situation. Nach dem Tod von Gründer Heinz Kettler im Jahr 2005 gingen die Umsätze stetig zurück. Waren es 2005 noch 208 Millionen Euro, seien es heute noch 110 Millionen, ist zu hören. Karin Kettler führte das Unternehmen zunächst vom ihrem Wohnsitz im Saarland aus und war erst nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2012 regelmäßiger in Ense, wie es im Unternehmen hieß.

Vor drei Jahren schließlich erkannte sie die Schieflage. Sie beantragte Insolvenz in Eigenregie und eine Landesbürgschaft, um das Unternehmen neu aufzustellen und damals auch die Übernahme durch einen Investor abzuwehren. Eine etablierte Marke mit veralteten Strukturen und zu hohen Kosten – das hatte schon damals Finanzinvestoren angelockt.

Altera präsentierte die nachhaltigste Strategie

Die britische Private-Equity-Gesellschaft Carlyle hatte sich durch die Übernahme von Forderungen der Commerzbank in Höhe von mehr als zwölf Millionen Euro ins Spiel gebracht.

Im Frühjahr 2016 konnte Kettler das Insolvenzverfahren auch mithilfe der Landesbürgschaft, die wohl auf zehn Jahre veranschlagt ist, verlassen. Wäre Frau Kettler noch am Leben, wäre das Unternehmen nicht in diese Situation gekommen, heißt es in Aufsichtsratskreisen.

Seit vergangenem Oktober sucht Kettler nach einem Investor, tatsächlich habe es viele potenzielle Übernehmer gegeben, berichten Aufsichtsratskreise. Altera Capital sei am Schluss die Gesellschaft gewesen, die eine nachhaltige Strategie vorgelegt und den Erhalt der Standorte versprochen habe.

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