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07.10.2019

07:19

Nach Thomas-Cook-Pleite

Diesen Pauschalreisen fehlt unter Umständen der gesetzliche Insolvenzschutz

Von: Christoph Schlautmann

Bestimmten Pauschalreisen, die bis Ende Oktober gebucht werden, droht eine Unterversicherung. Was das mit der Pleite von Thomas Cook zu tun hat.

Urlauber des Reiseveranstalters Tour Vital, der vor einer Woche Insolvenz beantragte, zählen voraussichtlich zu den ersten Folgeopfern. dpa

Nach Thomas-Cook-Pleite

Urlauber des Reiseveranstalters Tour Vital, der vor einer Woche Insolvenz beantragte, zählen voraussichtlich zu den ersten Folgeopfern.

Düsseldorf Auch nach dem Insolvenzantrag des Reiseveranstalters Thomas Cook verkaufen Deutschlands Reisebüros auf juristisch ungesichertem Terrain. Denn sämtlichen Pauschalreisen, die bis Ende Oktober gebucht werden, fehlt der gesetzlich versprochene Insolvenzschutz – jedenfalls dann, wenn der Veranstalter über die Zurich Insurance versichert ist.

Reisebüroverbände wie der VUSR bestätigen diese Einschätzung. „Wir warnen unsere Kunden vor dieser Unterdeckung“, bestätigt auf Anfrage auch ein Reisebüro in der Nähe von Hamburg.

Der Grund: Pro Geschäftsjahr, das jeweils am 31. Oktober endet, deckt jede Pauschalreiseversicherung in Deutschland lediglich einen Gesamtschaden von maximal 110 Millionen Euro. Da die Pleite von Thomas Cook in Deutschland jedoch voraussichtlich 300 bis 400 Millionen Euro Schaden aufseiten der Urlauber hinterlässt, dürfte schon dort die Deckung nicht reichen.

„Wir gehen zurzeit davon aus“, bestätigt die Insolvenzversicherung Zurich Insurance, „dass die – im vom Gesetzgeber vorgegebenen Rahmen – versicherte Haftungssumme von 110 Millionen Euro möglicherweise nicht ausreichen wird, um alle Ansprüche zu befriedigen.“

Urlauber des Reiseveranstalters Tour Vital, der vor einer Woche Insolvenz beantragte, zählen voraussichtlich zu den ersten Folgeopfern. Sie müssen sich, so steht zu erwarten, wie schon Kunden der Cook-Marken Neckermann, Öger, Bucher und Air Marin mit einer geringeren Auszahlungsquote begnügen.

Bedenklich aus Sicht vieler Pauschalurlauber, die in den kommenden vier Wochen buchen wollen: Da als Wettbewerber allein die Swiss Re übriggeblieben ist, deckt die in ihrer Leistungszusage beschränkte Zurich als Assekuranz einen Großteil des Marktes ab.

Forderung nach Staatshaftung

Die Reisebüros bringt dies in eine schizophrene Situation. Laut Gesetz sind sie verpflichtet, ihren Kunden bei der Buchung das „Formblatt zur Unterrichtung des Reisenden“ auszuhändigen, das auf den Paragrafen 651a des Bürgerlichen Gesetzbuchs verweist. Auf dem offiziellen Dokument dürfen die Urlauber dann das Versprechen nachlesen: „Im Fall der Insolvenz des Reiseveranstalters (...) werden Zahlungen zurückerstattet.“

Weder das Vertrauen in die Reisebürobranche noch in die Pauschalreise dürfte dieses wacklige Gesetzeskonstrukt befördern. Entsprechend deutlich fallen deshalb die Forderungen aus der Branche aus. „Für den nicht versicherten Teil der Pauschalreisen“, fordert VUSR-Verbandschefin Marija Linnhoff, „muss es eine Staatshaftung geben.“

Die Forderung ist gut begründet. Denn die Pauschalreise-Richtlinie der EU aus dem Jahr 1990, die eine komplette Absicherung der Kundengelder bestimmt, setzte die Bundesregierung nur unzureichend um – was 1996 schon für einen möglichen Präzedenzfall sorgte: Damals gab der Europäische Gerichtshof in Luxemburg fünf insolvenzgeschädigten Urlaubern recht, die gegen die Bundesregierung vor dem Bonner Landgericht geklagt hatten. Sie alle waren 1993 der Pleite des Veranstalters MP Travel Line zum Opfer gefallen, aber nicht abgesichert, weil Deutschlands Regierung die EU-Richtlinie nicht fristgerecht umgesetzt hatte. Ein ähnliches Versäumnis könnten Kläger nun auch im Fall von Thomas Cook geltend machen.

Mehr: 58 Prozent aller Reiseagenturen sind von der Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook betroffen, zeigt eine Umfrage. Einige müssen um die Existenz bangen.

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