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01.09.2018

19:59 Uhr

Obst und Gemüse kann per Laser als Bioware gekennzeichnet werden.

Natural Branding

Obst und Gemüse kann per Laser als Bioware gekennzeichnet werden.

Natural Branding

Mit dem Laser gegen den Plastikmüll

VonJannik Tillar

Fast alle Händler haben der Tüte den Kampf angesagt, aber die Plastikverpackung um Obst und Gemüse hält sich hartnäckig. Dabei gibt es gute Alternativen.

DüsseldorfSupermarktketten brüsten sich gerne damit, die Plastiktüte aktiv zu bekämpfen – auf der anderen Seite stehen Bio-Gurken in Plastikfolie beispiellos für den Verpackungsirrsinn in Deutschlands Einzelhandel. Schuld daran ist zwar nicht zuletzt eine EU-Verordnung, nach der alle Bio-Produkte entsprechend gekennzeichnet sein müssen.

Doch auch die Verbraucher tragen zum Umsatzboom der Verpackungsindustrie bei, indem sie immer kleinere Portionen nachfragen. So fanden innerhalb der vergangen sechs Jahre 30 Prozent mehr Kunststoffverpackungen den Weg in die Supermärkte – trotz aller Initiativen gegen Plastikmüll.

Dabei gibt es einfache Lösungen: Umweltschützer bemängeln zum Beispiel, dass Supermärkte ihr Obst und Gemüse nicht öfter stärker lose anbieten, was aber größtenteils möglich wäre. So errechnete der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), dass allein dadurch 93.000 Tonnen Verpackungsmüll im Jahr eingespart würden – bei insgesamt 18,2 Millionen Tonnen immerhin ein Anfang. Allerdings bliebe so noch das Problem der Bio-Kennzeichnung. Bislang geschah dies fast ausschließlich durch Plastikverpackungen, da weder Banderolen noch Aufkleber praxistauglich sind.

Das könnte sich jetzt grundlegend ändern: Auf der Anuga, dem wichtigsten Branchentreff für Nahrungsmittel, war das sogenannte Natural Branding eines der Top-Themen. Regelrecht umlagert wurden Firmen wie die rheinland-pfälzische Bluhm Systeme GmbH, ein eigentlich unscheinbarer Mittelständler, der aber vor vier Jahren in das aufkeimende Geschäftsfeld vorstieß. Beim Natural Branding-Verfahren wird mithilfe eines Lasers die oberste Pigmentschicht der natürlichen Schale entfernt und dabei der gewünschte Schriftzug imprägniert.

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Es ist ein bisschen wie beim Tattoo, nur: Beim Natural Branding kommt keine Farbe hinzu, die natürliche Oberflächenfarbe des Produkts wird durch das gebündelte Licht zerstört. Das Verfahren ist auch hinreichend erprobt, in Australien beispielsweise ist es seit 2009 quasi Gang und Gäbe. „Natural Branding ist risikofrei und hat sich bereits in vielen anderen Bereichen bewährt“, wirbt die Bluhm Systeme GmbH.

Der Kennzeichnungs-Spezialist aus Rheinbreitenbach nahm zuletzt viele Anfragen größerer Einzelhändler entgegen, die Natural Branding testen möchten. Schon 2016 gelang deshalb ein Umsatzsprung von fast zehn Prozent, und ein ähnlicher Trend könnte sich fortsetzen. Bislang kommt die Methode gut an: Händler schätzen die ökologische Umsetzung, die schnelle und individuelle Gestaltung der Logos sowie die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten.

Ganz billig ist das Verfahren aber nicht: Ein Lasergerät fängt zwar bei 10.000 Euro an, verursacht je nach Ausstattung und Zusatztechnik aber schnell Kosten im sechsstelligen Bereich, die der günstigen Alternative aus Plastik gegenüberstehen.

Dennoch steigen immer mehr Supermarktketten ein. Wer aktuell durch einen Rewe-Markt in Nordrhein-Westfalen geht, entdeckt zum Beispiel gekennzeichnete Bio-Avocados. Bei Edeka können die Filialleiter sogar aus zehn verschiedenen Branding-Produkten wählen.

Rewe bestätigte dem Handelsblatt jetzt, dass die getesteten Bio-Süßkartoffeln auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden. Ob weitere Produkte hierfür tauglich sind, werde laufend geprüft – das gleiche Statement geben auch Edeka und Aldi ab. Rewe spare dadurch eine Tonne Plastik und sechs Tonnen Papier pro Jahr, Edeka plant Einsparungen durch Natural Branding in Höhe von 50 Tonnen Verpackungsmaterial bei Obst und Gemüse.

Das entspricht allerdings noch lange nicht dem errechneten Potenzial von 93.000 Tonnen über alle Einzelhändler hinweg. Gründe liefern diese gleich mit: „Die Testergebnisse verlaufen unterschiedlich – bei manchen Produkten wirkt sich das Branding auf die Haltbarkeit aus, so dass eine Fortführung keinen Sinn macht. Wir konterkarieren sonst unser Engagement gegen Food Waste“, heißt es von Rewe.

Auch Edeka ist nur vorsichtig optimistisch bei einer Ausweitung: „Geschmack, Haltbarkeit und Optik bleiben einwandfrei“, teilt ein Sprecher mit. Allerdings sei das Branding nicht für jedes Produkt geeignet. „Einfach gesagt: Schalen, die man in der Regel nicht verzehrt, sind am besten geeignet.“

Dass die Imprägnierung nicht für alle Obst- und Gemüsesorten sinnvoll ist, wissen auch die Laserhersteller. Dass das Verfahren die Schale beschädigt, sei aber nur ein vorgeschobener Grund. „Wir denken nicht, dass es ausschließlich um den Schutz geht. Nicht zuletzt spielt die Akzeptanz der Konsumenten eine Rolle und viele Verbraucher sind, wenn auch zu Unrecht, gegenüber dem Natural Branding noch sehr skeptisch“, glaubt Bluhm-Produktmanager Lars Meier.

Er räumt aber ein: „Die Grenzen des Natural Brandings werden durch die Produkte gesetzt. Die Schale darf nicht zu dünn oder empfindlich sein, sonst sind Lesbarkeit und Kontrast der Beschriftung nicht optimal.“ Im Prinzip sei es aber trotzdem überall anwendbar und könnte bedenkenlos mitverzehrt werden.

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Unterstützung erhält Meier vom Umweltbundesamt. Hier sieht man das Argument der geringeren Haltbarkeit skeptisch und macht stattdessen einen Vorschlag. „Die Lebensmitteleinzelhändler könnten beim Natural Branding ihr Ziel nach mehr Regionalität umsetzen. So können Transportwege gespart werden und das Produkt geht schneller an den Kunden.“

Das sieht der Einzelhandel anders. Insbesondere bei der Bio-Gurke gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während Laserhersteller die Schale als robust genug bezeichnen und Edeka gebrandete Gurken auch schon im Regal hat, heben Rewe und das Deutsche Verpackungsinstitut die Vorteile des sogenannten „Plastikstrumpfs“ heraus. „Gerade bei der Gurke hat der Plastikstrumpf aus recyclingfähigem Polyethylen einen immensen Effekt auf die Haltbarkeit“, betont Rewe.

„Eine Salatgurke hält ihre Frische unverpackt etwa drei Tage. Verpackt sind es rund 20 Tage“, berichtet Thomas Reiner vom Deutschen Verpackungsinstitut. Er fordert, dass sachliche Gründe den Ausschlag für eine Verpackung geben sollten, was von den Einzelhändlern auch überwiegend so gehandhabt wird.

In einem sind sich aber alle einig, zumindest in der Kommunikation: Eine Verpackung sollte nur da eingesetzt werden, wo sie dringend notwendig ist. Dass dies nicht geschieht, ist keineswegs ein böswilliger Alleingang der Supermärkte, sondern auch Schuld der Konsumenten, die Verpackungs-Innovationen skeptisch gegenüberstehen. Das heißt allerdings auch: Je schneller sich diese an das Branding-Logo gewöhnen, umso schneller verschwindet der verhasste Plastikstrumpf um die Gurke.

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