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06.06.2018

14:48 Uhr

Neue Prognose-Software

Kühne + Nagel schaut für seine Kunden 60 Tage in die Zukunft

VonChristoph Schlautmann

Der Logistikkonzern hat eine neue Prognose-Software entwickelt. Vorstandschef Trefzger will die Konkurrenz der Online-Frachtbörsen damit alt aussehen lassen.

Die Branche profitiert von präzisen und langfristigen Vorhersagen.

Containerschiff

Die Branche profitiert von präzisen und langfristigen Vorhersagen.

UtrechtSechs Sekunden Wartezeit erschienen dem chinesischen Amazon-Rivalen Alibaba wie eine Ewigkeit. So lange sollten Onlinekunden ursprünglich ausharren, bis ihnen der Computer die günstigsten Versanddaten ihrer Bestellungen vorschlug. Das müsse schneller gehen, forderte Firmengründer Jack Ma.

Der Logistikriese Kühne + Nagel, der für das Onlinekaufhaus die Belieferung der Internetbesteller erledigt, ließ nacharbeiten. „Jetzt bieten wir Preisangebote und Buchung in weniger als 1,2 Sekunden“, jubelt Detlef Trefzger – knapp fünf Sekunden Zeitgewinn, die den 56-Jährigen förmlich ins Schwärmen bringen.

Der gebürtige Düsseldorfer an der Spitze des größten See- und zweitgrößten Luftfrachtkonzerns der Welt hat ein Faible für Geschwindigkeit. „In unserem Geschäft geht es um Sekunden“, sagt der ehemalige Bahn-Manager, dessen börsennotierte Spedition mehrheitlich dem gestrengen Wahl-Schweizer Klaus-Michael Kühne, 80, gehört.

Für die Folienverpackung seiner Transportpaletten hat er einen Roboter entwickelt, der in Höchstgeschwindigkeit um die Warensendung saust, seine Fahrer trimmte Trefzger auf schnellere Pick-up-Zeiten, was die Lkw-Sparte nach 20 Jahren wieder in die Gewinnzone brachte. Kunden aus der Luftfahrt köderte der seit August 2013 amtierende Chef mit dem Versprechen, ihre Flugzeuge in Rekordzeit mit neuen Sitzen und anderem Innenleben auszurüsten.

Prognose-Software wertet täglich 250 Millionen Daten aus

Nun holt Trefzger zu einem Coup aus, mit dem er die Konkurrenz endgültig abzuhängen glaubt. Unterstützt durch die Schweizer IT-Tochter Logindex AG hat er sich eine Prognose-Software einrichten lassen, die bis zu 60 Tage voraus in die Zukunft schaut.

Seit April 2017 wertet der „Global Kühne + Nagel Indicator“ (GKNI) täglich 250 Millionen Daten aus, die der Speditionskonzern zum Teil aus den eigenen Frachtbriefen zieht. Hinzu kommen Kennziffern aus dem Welthandel, Wetterbeobachtungen oder Staumeldungen in Seehäfen.

Mit den daraus abgeleiteten Vorhersagen, aus denen der Speditionsriese pro Tag rund 850 Empfehlungen destilliert, will der 16 Milliarden Euro Umsatz schwere Konzern seinen Vorsprung vor der Konkurrenz sichern. „Die Prognosen sind derart zuverlässig und liegen so frühzeitig vor“, lobt der Vorstandschef das eigene Produkt, „dass wir sie als eigenständiges Produkt Unternehmen aus der Finanzindustrie anbieten“.

Innovationen wie diese sollen den Bedeutungsschwund stoppen, dem Speditionen wie Kühne + Nagel seit nicht allzu langer Zeit ausgesetzt sind. Auch Wettbewerber DHL müht sich – offensichtlich nach dem Vorbild der Schweizer – vom Jahresbeginn an mit seinem „Global Trade Barometer“.

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Was das klassische Speditionsgeschäft ins Wanken bringt, sind Frachtbörsen wie der kalifornische Onlineanbieter Flexport oder das Berliner Pendant Freighthub, eine Finanzbeteiligung von Rocket Internet. Statt auf teure Disponenten zu setzen, die sich mit Fax-Papieren und Telefonabsprachen um die günstigsten Transportmöglichkeiten kümmern, vermitteln die Newcomer Frachtaufträge günstig per Mausklick – und das mit rasant steigenden Marktanteilen. Ohne clevere Zusatzleistungen, das weiß man auch bei Kühne + Nagel, wäre das Geschäft bald an die Billigheimer verloren.

Dem Schweizer Speditionskonzern scheint der Vorstoß in die schöne neue Datenwelt vorerst geglückt. „In den vergangenen zwölf Monaten lag die Vorhersage in 70 Prozent der Fälle näher an der tatsächlichen Entwicklung als beim Consensus der Wirtschaftsexperten“, lobten die Analysten der Citi Group den Kühne + Nagel Indicator.

Prognosen sind wichtig für die Produktionsplanung

Frachtkunden, darunter einige aus der Automobilindustrie, verwenden die Wirtschaftsprognosen inzwischen für die eigene Produktionsplanung. Pharmahersteller, darunter die britische Glaxo-Smithkline (GSK), nutzen die gesammelten Verkehrsdaten, um Staus bei der weltweiten Arzneimittelversorgung zu umgehen. Sogar Bohrinseln steuern ihre Ersatzteilversorgung nach den GKNI-Daten der Schweizer.

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Zu den Großkunden zählt ebenso die Kreuzfahrt-Industrie. Wetterdaten, Schiffsbewegungen und Streik-Informationen lassen Kühne + Nagel 48 Stunden vor den Reedereien wissen, zu welcher Uhrzeit und in welchem Hafenbecken der jeweilige Passagierdampfer festmachen wird.

Entsprechend zeitnah gelangt der Proviant für die oft mehr als 2500 Kreuzfahrtgäste und 1500 Besatzungsmitglieder an die vorherbestimmte Kaimauer – nicht selten eine Ladung von 500 Tonnen mit mehr als 12.000 Artikeln. Trefzgers Hauptkunde unter den Spaßreedereien ist der US-Riese Royal Caribbean Cruises.

Als Trefzger vor knapp fünf Jahren das K+N-Hauptquartier im Schweizer Schindellegi übernahm, erlebte die in Bremen gegründete Spedition ihre erste externe Neubesetzung in der bis dahin 123-jährigen Firmengeschichte. Doch der Blick zurück interessiert den CEO seither nur mäßig. Im Gegenteil. Weil ihm die eingesetzte Zukunftstechnologie immer noch nicht reicht, ließ er im März dieses Jahres im niederländischen Utrecht ein „Innovation Centre“ einweihen.

Das großflächige Labor, das beim Betreten unweigerlich an die Werkstatt von James Bonds Waffenmeister „Q“ erinnert, ist seitdem ein Lieblingsort des promovierten Diplom-Kaufmanns. Mit Inventur beauftragte Drohnen fliegen zwischen den Regalen, gesteuert durch QR-Codes, 3D-Kameras messen die Größen von Warenkartons, um das Maßband beim Verladen zu ersetzen.

Geht es um die Zusammenstellung von Sendungen, erhalten Trefzgers Leute ihre Sprachkommandos per Kopfhörer vom Computer. Mit RFID-Chips bestückte Handschuhe senden der Datenbrille, ob die dem Lagerregal entnommenen Artikel zum Bestellschein passen. „Wir sind dabei, diese Technik auszurollen“, berichtet der Vorstandschef.

Selbst beim Wareneingang sollen die Lageristen künftig dank Spracherkennung auf schriftliche Checklisten verzichten können. Das spare ein Drittel an Zeit, hat Trefzger in seinem Utrechter Labor herausgefunden.

In Testphase: die Blockchain-Technologie

In Singapur, wo ein zweites „Innovation Centre“ insbesondere den Einsatz der Blockchain-Technologie testet, hat Trefzger außerdem ein Joint Venture mit dem Staatsfonds Temasek gestartet. Gemeinsam will man Erfolg versprechende Start-ups identifizieren und für den eigenen Logistikkonzern nutzbar machen. „In der zweiten Jahreshälfte beabsichtigen wir die ersten Investitionen in junge Unternehmen“, verspricht der CEO.

 Den Fokus richte man auf Unternehmen, die ein eigenständiges Geschäftsmodell für innovative Technologien in der Warenversorgung entwickelt haben. Auch damit will Trefzger den Frachtbörsen im Internet Paroli bieten.

In der Branche findet Kühne + Nagel mit seinem Wirken reichlich Anerkennung. „Der Konzern ist für mich ein Vorbild“, erkennt Jost Hellmann, Mitinhaber und Vorstand der Osnabrücker Spedition Hellmann Worldwide Logistics, neidlos an.

Dazu dürfte beitragen, dass die Schweizer mit einer Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern (Ebit) von fünf Prozent europaweit in der Spitzengruppe liegen. Die deutschen Rivalen DHL und DB Schenker kamen 2017 gerade einmal auf zwei und 3,1 Prozent Rendite, der Schweizer Wettbewerber Panalpina auf 1,9 Prozent. Nur der dänische Wettbewerber DSV konnte Kühne + Nagel mit 6,5 Prozent übertrumpfen.

Analysten trauen dem Konzern am Zürichsee zu, allein in diesem Jahr den Gewinn je Aktie um 9,4 Prozent zu steigern. Immerhin sprang der Gewinn im ersten Quartal um 11,5 Prozent auf 184 Millionen Schweizer Franken nach oben.

Der Vormarsch der Schweizer weckt allerdings auch Begehrlichkeiten. Nachdem er mit cleveren IT-Ideen in der Branche für Furore sorgte, quittierte Geschäftsleitungsmitglied Tim Scharwath überraschend 2016 den Job bei Kühne + Nagel und übernahm die Leitung der kriselnden Post-Spedition DHL in Bonn.

Daran änderte auch nichts, dass Klaus-Michael Kühne die Abwerbung in eine Hängepartie verwandelte. Der Patron ließ den abtrünnigen Manager die komplette Kündigungsfrist von zwölf Monaten bis zum geplanten Wechsel schmoren.

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