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06.12.2018

12:05

Rhein-Ruhr-Express

NRWs teuerstes Bahnprojekt droht zur Posse zu werden

Von: Dieter Fockenbrock

Am Sonntag soll das VRR-Projekt an den Start gehen. Doch ein interner Schriftverkehr offenbart: Im Vorfeld ist ein skurriler Streit mit Siemens über deren neue RRX-Züge entbrannt.

RRX: NRWs teuerstes Bahnprojekt droht zu einer Posse zu verkommen dpa

Streitfall RRX

Der Verkehrsverbund Rhein Ruhr und Siemens streiten sich über die neuen Züge.

DüsseldorfDie Geschichte wäre eine Provinzposse, ginge es nicht um den teuersten Verkehrsauftrag, der jemals in Deutschland vergeben worden ist. In der Nacht zu Mittwoch konnten es die Mitarbeiter der Deutschen Bahn nicht fassen. Um exakt 23 Uhr 59 Minuten und 51 Sekunden trudelte eine Mail des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) ein, der den vorsorglich geschlossenen „Interimsvertrag Los 5“ kündigte. Die Frist wäre um Punkt 24 Uhr abgelaufen.

Nach diesem Vertrag wäre die Deutsche Bahn verpflichtet gewesen, vorübergehend die neue Paradestrecke RE 11 zwischen Düsseldorf und Kassel weiter mit ihren Fahrzeugen zu betreiben – für den Fall, dass die neuen Züge des Rhein-Ruhr-Express (RRX) nicht einsatzfähig gewesen wären.

Zuständig ist die Bahn ab dem 9. Dezember nämlich nicht mehr: Abellio Rail, die deutsche Tochter der niederländischen Staatseisenbahn, hatte die Ausschreibung vor drei Jahren gewonnen. Die roten DB-Züge sind raus aus dem RRX-Projekt.

Zum Glück hatten sich die DB-Mitarbeiter auf eine Nachtschicht eingerichtet. Denn eine gute halbe Stunde später, genauer gesagt um 0 Uhr 31 und 11 Sekunden, folgte die Kündigung der Kündigung. Will heißen: DB Regio sollte ab Sonntag mit dem Fahrplanwechsel nun doch weiter mit ihren Zügen fahren.

Die Turbulenzen um den Start des RRX hatten damit aber noch kein Ende. Im Laufe des Mittwochs wurde der Vertrag dann doch gekündigt. Wenn auch nicht mehr fristgerecht.

Rhein-Ruhr-Express: Der neue Zug für NRW

Rhein-Ruhr-Express

Der neue Zug für NRW

WLAN, Steckdosen und Leseleuchten: Der neue Zug für das Riesenprojekt Rhein-Ruhr-Express (RRX) bietet viel Komfort. Nur auf dem Gang könnte es eng werden. Und Siemens ist im Plan: Die Züge kommen rechtzeitig aufs Gleis.

Nachmittags versandten sowohl Siemens als auch der VRR Jubelmitteilungen: „RRX-Regionalzug geht pünktlich in Betrieb“, hieß es dort euphorisch. NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst lobte „den Betriebsstart der neuen modernen Siemens-Fahrzeuge“ als einen wichtigen Schritt. „Es geht weiter mit dem RRX“. VRR-Chef Martin Husmann sprach von „neuen Maßstäben im Regionalverkehr“.

Was die Herren verschwiegen: Der RRX von Siemens, firmenintern Desiro HC genannt, hatte zwar die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes EBA. Die Auftraggeber, der VRR und weitere Verkehrsverbünde, hatten die Fahrzeuge aber vier Tage vor dem Betriebsbeginn noch nicht abgenommen. Das bestätigt auch der VRR auf Nachfrage – versichert aber, dass „der ausstehende Eigentumsübergang der Fahrzeuge keine Auswirkungen auf den Betriebseinsatz hat.“

Käufer und Hersteller streiten offensichtlich über Mängel. Der VRR sagt, die Fahrzeuge entsprächen „noch nicht zu 100 Prozent den hohen Qualitätsanforderungen“. 

Welche Mängel das genau sind, das will niemand auf Nachfrage sagen. Siemens versichert nur: „Alle 15 Züge sind voll einsatzbereit“. Allerdings heißt es auch: „Wir haben gemeinsam mit unseren Auftraggebern ein umfassendes Risikomanagement zur Absicherung aller Eventualitäten aufgebaut mit dem Ziel, den Fahrgästen jederzeit Mobilität zu garantieren.“

Beobachter sehen das etwas kritischer. „Die Störungen müssen so gravierend sein, dass die Betriebsaufnahme am Sonntag gefährdet ist“, heißt es in der Bahnbranche. Und: Eine solche Posse bei einem so wichtigen Projekt habe noch niemand erlebt.

Allerdings erinnert das alles ein wenig an das Jahr 2015. Damals schob die Deutsche Bahn Siemens den schwarzen Peter für überfüllte ICE-Züge zu. Siemens war zwei Jahre mit der Lieferung neuer ICE in Verzug – und konnte sich nicht wehren.

Diesmal legt der Münchener Konzern in seiner Verlautbarung ausdrücklich Wert auf die Feststellung „Mit der Inbetriebnahme und Serienzulassung unseres Desiro-HC-Fahrzeugs für den Rhein-Ruhr-Express haben wir erneut unter Beweis gestellt, dass wir Megaprojekte pünktlich auf die Schiene bringen.“ Das Eisenbahnbundesamt hatte jedenfalls keine Einwände.

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Mit 15 Triebzügen wird das künftige Städtenetz an Rhein und Ruhr (RRX) starten. Bis 2020 soll Siemens insgesamt 82 Züge liefern. Gesamtwert des Auftrages rund vier Milliarden Euro, allein 1,7 Milliarden davon für Siemens. Abellio wird die erste Linie fahren, National Express später weitere Verbindungen. Die Deutsche Bahn hatte alle Ausschreibungen in Sachen RRX verloren.

Das Besondere an diesem Auftrag: Der Staat kauft die Züge über seine Verkehrsverbünde und verpachtet sie an Abellio und National Express. Und noch etwas ist neu: Siemens übernimmt auch die Wartung der Züge und garantiert eine 99-prozentige Einsatzfähigkeit. In Dortmund wurde dafür eigens ein RRX-Betriebswerk errichtet.

Die ersten Züge sollten auf der Linie RE 11 fahren, die Düsseldorf, Duisburg, Essen, Dortmund, Hamm, Paderborn und Kassel verbindet. Mit 300 Kilometern ist sie extrem lang für den Regionalverkehr. Laut Deutscher Bahn sind täglich bislang 20.000 Fahrgäste auf dieser Strecke unterwegs.

Die neuen Betreiber sprechen bis zu 43.000 Kunden. Das Besondere am RRX: Der Zug hat eine Hochfrequenz-Beschichtung der Scheiben, so dass der Mobilfunkempfang besser ist. Die Scheiben lassen Funkwellen 500 Mal besser durch als herkömmliche, sagt Siemens.

Sieben RRX-Linien sollen künftig die Städte in NRW miteinander verbinden. Ein Einzugsgebiet mit acht Millionen Einwohnern. Im Endausbau ist ein Viertelstundentakt geplant. Bis dahin fließt allerdings noch viel Wasser durch den Rhein.

„Bis wir den geplanten 15-Minuten-Takt zwischen Dortmund und Köln haben, wird es aber noch Jahre dauern“, dämpft Verkehrsminister Wüst übertriebene Hoffnungen. Aber erst einmal muss der RRX am Sonntag überhaupt losfahren.

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