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21.09.2017

17:12 Uhr

Spohr zum Übernahme-Angebot

Lufthansa verzichtet auf Langstrecken-Jets von Air Berlin

Am Montag wird die Entscheidung verkündet, wer den Zuschlag für welche Teile der insolventen Air Berlin erhält. Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr erläutert, auf welche Flugzeuge es seine Airline abgesehen hat.

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Frankfurt/BerlinEin Einstieg der Lufthansa bei Air Berlin könnte die Hälfte der Flotte retten und Tausenden einen Arbeitsplatz sichern - die erhoffte Übernahme auch der Langstrecken-Jets würde aber platzen. Vor den Beratungen der Gläubiger der insolventen Fluggesellschaft am Donnerstag preschte der Dax-Konzern mit Eckdaten zu seinem Angebot im Bieterprozess um Air Berlin vor.

Lufthansa wolle die 38 bereits angemieteten Mittelstrecken-Maschinen und 20 bis 40 weitere Flugzeuge von Air Berlin kaufen, sagte Vorstandschef Carsten Spohr in Frankfurt. Damit könnten zahlreiche Air-Berlin-Beschäftigte zur Lufthansa-Tochter Eurowings kommen. An der Langstrecke der Berliner, deren Zukunft auch nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi besonders unsicher ist, hat Lufthansa allerdings kein Interesse.

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Die Zerschlagung von Air Berlin nimmt bizarre Züge an: Es gibt nun einen Konkursantrag gegen die intakte Tochter Niki. Außerdem prüfen die Interessenten Utz Claassen und Hans Rudolf Wöhrl eine Kooperation.

Air Berlin hatte zahlreiche Langstrecken angeboten, vor allem von Düsseldorf und Berlin aus. In den vergangenen Monaten hatte die Fluggesellschaft ihr Langstrecken-Angebot aber bereits merklich ausgedünnt. Die letzte Langstrecke von Berlin aus fällt in einer Woche weg.

„Wir glauben, bald bis zu 3000 neue Mitarbeiter begrüßen zu können“, sagte Spohr. Die Gewerkschaft Verdi lobte den Schritt, schränkte aber ein, dass man sich bei den Fernverbindungen mehr erhofft habe. „Wir begrüßen, dass die Lufthansa so viele Beschäftigte einstellen will. Doch wir bedauern auch, dass sie an der Langstrecke offenbar kein Interesse hat“, sagte eine Sprecherin der dpa in Berlin.

Am Donnerstag berieten die drei Gläubigerausschüsse des Air-Berlin-Dachkonzerns, der deutschen Gesellschaft und der Techniksparte über die vorliegenden Angebote. Aus Branchenkreisen hieß es, es könnten dabei schon Vorentscheidungen fallen. Am späten Nachmittag war zunächst unklar, wie lange die Gespräche noch laufen sollten. Am Montag soll der Aufsichtsrat die Zuschläge erteilen.

Neben der Lufthansa haben weitere Fluggesellschaften und Unternehmer für Teile oder die ganze Firma den Finger gehoben - darunter Easyjet, die British-Airways- und Iberia-Mutter IAG (International Airlines Group) sowie ein Bündnis aus Condor und Niki Lauda. Easyjet bekräftigte nach dem Bekanntwerden des Lufthansa-Vorstoßes, seinerseits ein Angebot für Kurzstrecken-Teile der Air Berlin abgegeben zu haben - ohne Details zu nennen. Es gebe noch „eine Reihe von Unklarheiten“, hieß es zur Begründung.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

15. September 2017

Interessenten geben Angebote für die ganze Air Berlin oder Teile davon ab.

21. September 2017

Der Gläubigerausschuss entscheidet sich, exklusiv mit der Lufthansa und Easyjet bis zum 12. Oktober zu verhandeln.

9. Oktober 2017

Air Berlin kündigt an, den Flugverkehr in eigener Regie mit dem Airline-Code AB wohl spätestens zum 28. Oktober einzustellen. Nicht betroffen sind die Töchter Niki, LGW und die Maschinen, die Lufthansa von Air Berlin mietet.

IAG in London wollte die Lage nicht kommentieren, Condor ebenso. Der chinesische Betreiber des Flughafens Parchim, Jonathan Pang, reichte nach Angaben eines Vertreters fast eine Woche nach dem Ablauf der Bieterfrist noch ein Angebot ein. Air Berlin bestätigte dies nicht.

Bei den Langstrecken-Routen ist das Risiko von Jobverlusten nach wie vor groß. „Wir sind der Ansicht, dass aber gerade dieser Bereich ein guter Markt ist. Da sind gute Arbeitskräfte, die das Geschäft zu einem Erfolg führen können“, erklärte Verdi. In den Verhandlungen mit den Käufern werde man daher „weiter darauf dringen, dass es Betriebsübergänge“ vom alten auf die neuen Eigentümer geben kann.

Insgesamt betreibt Air Berlin mit rund 8000 Mitarbeitern eine Flotte von 144 Flugzeugen. 38 davon samt Besatzungen hat Eurowings schon geleast, die Lufthansa-Billigtochter wirbt auch neues Personal an. Zur Aufnahme erfahrener Air-Berlin-Piloten konnte Eurowings aber noch keine Vereinbarung mit der Pilotengewerkschaft erzielen.

Air Berlin - die nach Lufthansa bisher zweitgrößte deutsche Fluglinie - hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Ihr Gesamtverkauf an einen Bieter gilt als unwahrscheinlich. Spohr wandte sich gegen die Auffassung, dass die Lufthansa schon mit der Teilübernahme eine Monopolstellung gewinne. Der Marktanteil würde sogar bei einer Komplettübernahme unter 50 Prozent bleiben, betonte er. Dennoch werde die Lufthansa nicht für weitere Flugzeuge von Air Berlin bieten. „Viel mehr glauben wir kartellrechtlich nicht machen zu können.“

Der Lufthansa-Chef kündigte an, dass Eurowings „aus eigener Kraft“ Langstreckenflüge auch aus Berlin anbieten werde. Bislang startet die Gesellschaft ihre Überseeflüge ausschließlich von Köln aus. Starts ab Düsseldorf und München sind bereits angekündigt worden.

Verdi befürchtet, dass viele Arbeitsplätze wegfallen. Angst gebe es vor allem in Bereichen, deren Einstellung schon vor dem Verkauf angekündigt wurde, sagte Gewerkschafter Volker Nüsse: „Wenn die Langstrecke nicht mehr im Flugplan ist, kann auf sie auch nicht geboten werden.“ Unsicher schien im Bieterverfahren auch die Zukunft der Beschäftigten in der Verwaltung und in der Technik.

Von

dpa

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