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23.09.2018

15:26

Sprachassistent

Geheimwaffe Alexa – Amazon steigt zur neuen Macht bei KI auf

Von: Britta Weddeling

Künftig soll die Sprachassistentin Alexa sogar erraten, was der Kunde denkt. Die Konkurrenz schaut beunruhigt auf diese Entwicklung.

Amazon steigt mit Sprachassistent Alexa zur neuen KI-Macht auf AP

Amazon

Sprachassistent Alexa: Die Zukunft spricht, hört zu, denkt mit – und kauft.

San FranciscoBevor das Auto die Einfahrt hinauffährt, knipst Alexa das Licht zu Hause an. Den Hund hat die Sprachassistentin längst gefüttert, die Temperatur im Wohnzimmer hochreguliert. In der Küche summt die Mikrowelle mit dem Abendessen.

Im 20 Autominuten von Seattle entfernten Amazon-Warenlager transportieren Roboter auf ihrem Rücken autonom Regale durchs Halbdunkel. Sie erinnern entfernt an orange Käfer. Im kassenlosen Supermarkt Amazon-Go in Downtown entschlüsseln Algorithmen, nach welchem Produkt die Kunden greifen. Sie kassieren ab, auch ohne dass sie die Kreditkarte zücken.

„Amazon nutzt künstliche Intelligenz überall“, sagt Amazons Technik-Chef Werner Vogels. „Doch unser erster Gedanke gilt nicht der Technologie, sondern unseren Kunden.“

Amazon, der amerikanische Megakonzern, arbeitet am Ausbau seiner Marktmacht. Das neue Ziel: führend auf dem Feld der künstlichen Intelligenz (KI) zu werden. Der Konzern will die Menschen noch besser bedienen, ihnen passende Angebote empfehlen und Services zuleiten – so treffsicher, freundlich und bestimmt, dass der Akt des Kaufens quasi zur Unmerklichkeit wird.

„Wenn Amazon die Chance hätte, das ganze Leben eines Menschen zu steuern, dann würden sie es tun“, sagt Pedro Domingos, Professor für Computerwissenschaften und künstliche Intelligenz an der University of Washington. Und es klingt ein bisschen unheimlich.

Lauern auf die nächste Warenbestellung

Schon jetzt nimmt das Imperium aus Seattle die Hälfte jedes Dollars ein, den Amerikaner online ausgeben. Anfang September erreichte es die Bewertung von einer Billion Dollar. Doch der Ehrgeiz von Gründer Jeff Bezos kennt kaum Grenzen. Emsig mehrt der reichste Mann der Welt den Einfluss des Konzerns, der mit über 560.000 Mitarbeitern und einem jährliche Umsatz von zuletzt knapp 178 Milliarden Dollar zum globalen Phänomen avancierte.

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„Niemand hätte vor zehn Jahren erwartet, dass Amazon zu jener Hightech-Macht aufsteigen würde, die es heute ist“, sagt der Internetmilliardär Tom Siebel, Co-Gründer des Softwarekonzerns C3 IoT, eines Anbieters für KI-Anwendungen aus Redwood City.

Wie kein anderes Produkt verkörpert dabei Alexa die „Kundenbesessenheit“, von der jeder Manager bei Amazon befallen ist. „Wir hören Kunden konsequent zu, versuchen, ihre Bedürfnisse zu verstehen“, sagt Jamil Ghani, Chef des internationalen Geschäfts von Amazons Shopping-Club Prime. Eben so wie die sprachgesteuerte Assistentin Alexa, die im Off auf das nächste Kommando, die nächste Warenbestellung lauert.

Wäre Amazon eine Technologie, so wäre es Alexa. Die elektronische Sekretärin entspricht dem Bild, das der Händler von sich selbst besitzt, sagt der langjährige Amazon-Manager Tom Taylor. „Alexa ist hilfreich, intelligent und bescheiden.“ Mit unnachgiebiger Bescheidenheit schmeichelt sich der Konzern immer weiter bei den Kunden ein.

Alexa soll Gedankenlesen

Dienstfertig Aufträge zu erfüllen, Produkte auf Anfrage zu bestellen – also nur zu reagieren –, das reicht Amazon nicht mehr. Alexa soll Gedankenlesen lernen. „Wir haben einen Punkt bei neuronalen Netzwerken und tiefem Maschinenlernen erreicht, an dem wir tatsächlich Intuition programmieren können“, glaubt Daniel Rausch, der als Vizepräsident Alexa-Anwendungen für das vernetzte Zuhause entwickelt.

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Die Assistenten der verschiedenen Anbieter sollen dabei in Zukunft auch untereinander kommunizieren können – und auf der Arbeit oder unterwegs genutzt werden.

Im 29. Stock von Amazons Hauptzentrale Day 1 wendet sich der Mathematiker dem Lautsprecher Echo zu. „Gute Nacht, Alexa.“ Die künstliche Intelligenz erkundigt sich daraufhin freundlich, ob Rausch nicht auch das Licht in der Garage löschen will.

So stellt sich Amazon die Zukunft vor: Alexa beobachtet ihren Besitzer und lernt sukzessive von ihm. „Menschliche Intelligenz kann um die Ecke denken, und wir glauben, dass dies auch mit Alexa möglich ist“, sagt David Limp, der die Entwicklung von Alexa und der Lautsprecherfamilie Echo steuert. Mit der neuen Funktion „Alexa Hunches“, die Amazon im Verlauf des Jahres ausrollt, prägt sich die elektronische Sekretärin nach und nach sogar die Gewohnheiten ihres Besitzers ein.

Doch dazu muss sie zugleich sehr viel menschlicher werden. „Wenn die Menschen eine Stimme hören, erwarten sie, dass Alexa sie in der gleichen Weise versteht wie ein Mensch“, sagt Alexa-Manager Tom Taylor, ebenso „diskret, gebildet und intelligent“. Dieses Problem soll Rohit Prasad lösen, Chefwissenschaftler von Alexa. Die kommunikative Technologie werde immer besser darin, längere Unterhaltungen zu führen und sich an den jeweiligen Kontext zu erinnern, sagt er.

Die Rate der falschen Antworten sei in den vergangenen zwölf Monaten um 25 Prozent gesunken. 2014 präsentierte Amazon Alexa mit 13 Fähigkeiten, inzwischen besitzt sie über 50.000. Wem das zu gruselig werde, der könne „Hunches“ selbstverständlich deaktivieren. Amazon wolle schließlich die Privatsphäre der Kunden schützen, betont Prasad. „Wir legen großen Wert darauf, dass sich der Kunde mit unserer KI wohlfühlt“.

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Das passt schließlich zur Strategie: Je sympathischer Alexa ihrem Besitzer ist, desto eifriger nutzt er die Technologie, desto höher die Chance für Amazon, ihm etwas zu verkaufen.

Damit Alexa den Menschen allerorts über die Schulter blickt und von ihm lernt, drückt der Onlinehändler nun über 70 neue Produkt gleichzeitig in den Markt. Künftig sollen sogar Tausende Alexa-fähige Geräte im vernetzten Zuhause wohnen, schwebt es Amazon-Manager Limp vor. Zu diesem Zweck entwickelte Amazon einen Chip, mit dem Alexa in „stumme“ Haushaltsgeräte einzieht.

Alles soll künftig Amazon sprechen: von der Mikrowelle bis zum Kühlschrank. Mit Echo Auto fährt Alexa künftig auch im Fahrzeug mit. „Mehrere zehn Millionen“ Geräte mit Alexa seien inzwischen im Umlauf, erklärte Amazon zuletzt.

Die Konkurrenz schaut beunruhigt auf diese Entwicklung. Schon jetzt dominiert Gründer Bezos das globale Cloud-Geschäft. Laut Synergy Research Group liegt Amazon Web Services (AWS) mit 33 Prozent vor Microsofts Azure (13 Prozent) und Googles Cloud Platform (sechs Prozent).

Amazon wird zur Bedrohung für Google

Im Kerngeschäft mit Werbung bedroht der Händler aus Seattle den Suchmaschinenriesen ebenfalls. Laut der Datenfirma eMarketer rangiert Amazon nach Google und Facebook nun auf Platz drei bei digitaler Werbung. „Dank Alexa weiß Amazon besser als jeder andere, was die Kunden wollen, wonach sie suchen“, erklärt der Gartner-Analyst Werner Goertz. Heutzutage suchten immer mehr Kunden bei Amazon statt bei Google nach Produkten, die Plattform sei damit attraktiver für Werbekunden.

Bei Sprachsteuerung erreicht Amazon nach einer Studie des US-Marktanalysten Consumer Intelligence Research Partners (CIRP) in den Vereinigten Staaten einen Marktanteil von 70 Prozent, vor Google mit 24 und Apple mit sechs Prozent. „Amazon könnte künftig bei künstlicher Intelligenz mächtiger sein als Google“, glaubt KI-Professor Domingos.

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Amazon wächst mit einer scheinbar unaufhaltsamen Macht. Dabei steht das Unternehmen für den 54-jährigen Chef gerade erst am Anfang. Er hat noch viel vor.

Im Unterschied zu Google, Microsoft, aber auch Facebook habe Amazon von Beginn an in der realen Welt operiert und besitze nun ein besseres Allgemeinwissen, ein Schlüssel bei der KI-Entwicklung. „Amazons KI hat mehr gelernt, als nur das Internet zu lesen.“

Amazon startete 1994 als Buchhändler, baute ein Logistik-Netzwerk mit Lieferdiensten und Warenhäusern auf, betreibt eigene Supermärkte und Buchläden, übernahm 2017 die Biokette Whole Foods. Diese Historie verschafft dem Händler nun einen entscheidenden Vorteil, glaubt Domingos.

Zudem nutzte Amazon KI überall: für die Produktempfehlungen, zur Automatisierung von Warenhäusern und Lieferdiensten. John Rossman, Autor von „The Amazon Way“, rechnet denn auch nicht mit einem Ende des Siegeszugs. Ganz im Gegenteil: „Amazon könnte 2030 die größte Firma der Welt sein“, glaubt er.

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