Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

07.06.2019

00:00

Staatskonzern

Konzentration auf das Kerngeschäft: Das ist die neue Strategie des Bahn-Chefs

Von: Dieter Fockenbrock

Der Staatskonzern soll den Fokus wieder auf das Deutschland-Geschäft legen. Richard Lutz propagiert die grüne Bahn und will so die Kritiker überzeugen.

Die Bahn konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft. Reuters

Züge der Deutschen Bahn in Frankfurt

Die Bahn konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft.

Berlin Bahn-Chefaufseher Michael Odenwald stimmte die Öffentlichkeit vorzeitig auf den neuen Kurs des Staatskonzerns ein. Mitte Mai sagte der ehemalige Staatssekretär zur Eröffnung des traditionellen Umweltdialogs mit Verbänden, Wissenschaftlern und Politikern, „die Bahn hat das Potenzial, Rückgrat einer grünen Mobilität zu sein“. Denn die Schiene sei eindeutig der umweltverträglichste Verkehrsträger. Damit hatte Odenwald die Kernbotschaft der neuen Strategie des Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz definiert.

Ort der Verkündung war die säkularisierte St. Elisabethkirche in Berlin. Das gab dem studierten Juristen und Theologen Odenwald Anlass zu der Vermutung, dass „an diesem Ort sicher auch über die Schöpfung diskutiert wurde“. Schöpferisch tätig war auf jeden Fall der von ihm beaufsichtige Bahn-Vorstand.

Das sechsköpfige Gremium hat den Auftrag von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), bis zum Sommer eine tragfähige Zukunftsstrategie für den strauchelnden Staatskonzern vorzulegen. Zugverspätungen, unzuverlässiger Gütertransport und andere massive Qualitätsprobleme hatten heftige Kritik um die Jahreswende ausgelöst. Es sah beinahe so aus, als stünden Lutz und andere Vorstände der Bahn kurz vor dem Rauswurf.

Lutz hat sich für die grüne Bahn als Leitmotiv entschieden. Und für die Konzentration der Deutschen Bahn aufs Bahnfahren. Damit setzt der 55-Jährige auf die Klimawelle und versucht, Kritiker zu beschwichtigen, die dem Staatskonzern vorwerfen, Containerterminals in China zu bauen, aber keinen pünktlichen ICE auf die Strecke zu bringen.

Nach der neuen Strategie müsste beispielsweise die Konzerntochter Schenker künftig selbst ihr Kapital besorgen, um millionenteure Logistikprojekte im Ausland zu finanzieren. Gedacht ist offenbar daran, Investoren an Schenker zu beteiligen. Die Auslandstochter Arriva dagegen soll verkauft werden. Dazu hatte der Aufsichtsrat bereits im April den Auftrag erteilt.

170 Seiten Strategiekonzept

Lutz will jeden Euro künftig ins Bahngeschäft in Deutschland investieren. Aufgeschrieben ist das alles in einem 170 Seiten umfassenden Konzept, das der Vorstand der Staatsfirma am 18. Juni im Aufsichtsrat präsentieren wird. Dort sitzen die Vertreter aus den Ministerien und von den Regierungsparteien. Die muss Lutz mit der „Starke Schiene“ genannten Strategie überzeugen. Das Papier liegt inzwischen den 20 Bahn-Aufsehern vor.

Bundesverkehrsminister Scheuer (CSU) plauderte vor wenigen Tagen selbst erste Details aus. Die Bahn soll bereits 2038, dem Jahr des geplanten Kohleausstiegs, komplett CO2-frei fahren. Bislang hatte der Bahn-Vorstand das Jahr 2050 dafür avisiert. Derzeit ist die Bahn zu etwa 60 Prozent mit Ökostrom unterwegs.

Grafik

Die Umstellung ist für den Verkehrssektor wichtig, um die politisch angestrebten CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Mit rund 30 Terawattstunden ist der Eisenbahnkonzern wohl der größte Stromverbraucher in ganz Deutschland. Zum Vergleich: Die Millionenstadt Berlin verbraucht jährlich gerade mal 14 Terawattstunden.

Das eigentlich Überraschende des neuen Konzepts ist allerdings die Abkehr von früheren Wachstumsillusionen. Lutz hat lange gezögert, jetzt bricht er – mehr als zwei Jahre nach Übernahme des Chefpostens bei der Bahn – mit der Agenda seines Vorgängers Rüdiger Grube. Der hatte die Parole ausgegeben, die Deutsche Bahn zum globalen Mobilitäts- und Logistikkonzern mit 70 Milliarden Euro Umsatz auszubauen. Damals hatte die Bahn noch bescheidene 30 Milliarden Euro Umsatz gemacht.

Lutz kassiert damit wohl auch eine Vielzahl von Effizienz- und Umbauprogrammen, deren Sinn und Wirkung konzernintern immer wieder kritisiert wurden. „Zukunft Bahn (Zuba)“, DB 2020, DB 2020+ und andere seien damit vom Tisch, heißt es in Kreisen des Aufsichtsrats. Gewerkschafter sprechen schon lange davon, dass vor allem das Wachstumsprojekt Zuba „längst tot ist“.

Vom Tisch ist wohl auch ein Umbau des Vorstands selbst. Es bleibt bei sechs Mitgliedern, beschloss das Präsidium des Aufsichtsrats vor einigen Wochen. Lutz, so heißt es in Kreisen der Kontrolleure, sei jetzt auch sehr zufrieden mit dem sogenannten erweiterten Vorstand. Seit Herbst 2018 sitzen die Chefs der operativen Bereiche Fernverkehr, Regio und Cargo regelmäßig mit am Tisch. Aufseher begrüßen auch, dass nicht schon wieder Unruhe ins Management gebracht wird durch einen erneuten Umbau.

Der Vorstandschef ruft die grüne Bahn als Leitmotiv aus. dpa

Richard Lutz

Der Vorstandschef ruft die grüne Bahn als Leitmotiv aus.

Die neue Leitlinie von Bahn-Chef Lutz lautet Konzentration auf das Kerngeschäft, das ist im Wesentlichen der Ausbau des Personen- und Güterverkehrs in Deutschland. Alle Geschäftsbereiche müssen sich nun daran messen lassen, was sie zur Stärkung des Schienenverkehrs beitragen. Und der soll laut den Unterlagen kräftig wachsen: Neben den verschärften CO2-Zielen will die Bahn im Fernverkehr die Zahl der Reisenden auf 260 Millionen verdoppeln (gemessen am Jahr 2015), eine Milliarde mehr Kunden im Nahverkehr gewinnen und im Güterverkehr die Transportleistung um 70 Prozent steigern.

Alle Ziele sind allerdings ohne ein Zieldatum. Lutz ist offensichtlich vorsichtig geworden, denn Prognosen und Versprechen hatte die Bahn in der Vergangenheit regelmäßig nicht eingehalten. So ist die Zahl pünktlich fahrender Fernzüge gesunken statt gestiegen. Und die Trendwende im Güterverkehr fand auch nicht statt. Im Gegenteil, die Transportleistung sackte von 415 Millionen auf 255 Millionen Tonnen, rote Zahlen sind bei Cargo inzwischen Standard.

Auch das erste Quartal des laufenden Jahres war nach internen Unterlagen alles andere als erfreulich. 79 Millionen Euro Verlust liefen allein in diesen drei Monaten auf. Und erstmals fuhren private Wettbewerbseisenbahnen mehr Güter auf dem deutschen Netz als der einstige Marktführer Deutsche Bahn. Jetzt heißt es wieder einmal in Konzernkreisen, es gebe Anzeichen für eine Wende bei DB Cargo.

Lutz vertraut darauf, dass die Politik mehr Bahn um fast jeden Preis will. Schließlich steht auch im Koalitionsvertrag, Ziel sei nicht „die Maximierung des Gewinns, sondern die sinnvolle Maximierung des Verkehrs auf der Schiene“.

Lutz muss Überzeugungsarbeit leisten

Der Bahn-Chef will mit seinem Konzept die Gunst der Stunde nutzen, die Bahn als das Verkehrsmittel der Wahl zu präsentieren, um klimapolitische Ziele zu erreichen und die Mobilität der Zukunft zu gestalten. „Die Bahn“, hatte Lutz auf dem Umweltdialog seines Unternehmens gesagt, „ist nicht Teil des Problems, die Bahn ist Teil der Lösung“.

Trotz des politischen Rückenwinds muss Lutz viel Überzeugungsarbeit leisten, weil die Bahn in den nächsten Jahren Geld braucht, viel Geld sogar. Zum einen muss der Sanierungsstau abgearbeitet werden, der sich nach Berechnungen der Gewerkschaft EVG inzwischen auf 57 Milliarden Euro türmt. Milliarden werden auch für Zukunftsinvestitionen benötigt. Etwa für die Digitalisierung des Schienennetzes.

Die wird nach einem Gutachten der Unternehmensberatung McKinsey für den Bundesverkehrsminister 30 bis 35 Milliarden Euro verschlingen. Im Entwurf des Bundeshaushalts sind zurzeit gerade mal 570 Millionen Euro eingebucht. Und auch die sind noch nicht sicher.

Die Bahn verhandelt derzeit mit dem Bund eine neue sogenannte Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV), mit der die Infrastrukturinvestitionen für die nächsten zehn Jahre abgesichert werden sollen. Derzeit bekommt die Bahn 5,6 Milliarden Euro im Jahr für Instandsetzung und den Neu- und Ausbau des Schienennetzes. Bisher haben Regierung und Haushälter verabredet, ab 2020 rund 1,15 Milliarden Euro pro Jahr mehr zu geben. Eisenbahner halten das für zu wenig und fordern weitere zwei Milliarden.

Einige Haushaltspolitiker zögern allerdings, der Bahn noch mehr Geld zur Verfügung zu stellen, bevor ein ihrer Ansicht nach tragfähiges Strategiepapier vorliegt. Manche Politiker drängen sogar nach wie vor auf personelle Änderungen im Bahn-Vorstand. Davon will Bundesverkehrsminister Scheuer allerdings derzeit nichts wissen.

Jetzt muss Lutz’ Konzept überzeugen. Der passionierte Schachspieler hat noch einen Zug in der Reserve. Vor den Umweltexperten in der St. Elisabethkirche sagte Lutz, „ich würde lieber Milliarden in die Infrastruktur stecken als Milliarden Pönale aus Brüssel für verfehlte Klimaschutzziele zahlen.“ Deutschland, rechnet Greenpeace vor, müsse mit bis zu 36 Milliarden Euro Strafzahlungen aus Brüssel rechnen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×